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Stelter strategisch

Die brutale Revolution in Auto- und Energiebranche

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Die technologische Revolution bei Stromerzeugung und Autoantrieb droht ein Desaster für unsere Portfolios zu werden. Deutschlands Wirtschaft wird sich fundamental wandeln. Anleger können daraus nur einen Schluss ziehen.

Die technologische Revolution in Energieerzeugung und Automobilbau droht zu einem Desaster für unsere Portfolios zu werden. Quelle: dpa

Ich bin weder Automobilexperte noch Fachmann für erneuerbare Energien. Insofern sollten meine Gedanken zu den Folgen des technologischen Wandels und den Implikationen für die Geldanlage mit entsprechender Vorsicht aufgenommen werden. Als Denkanstoß, nicht als risikofreie Empfehlung.

Erneuerbare Energie wettbewerbsfähig

Den erneuerbaren Energien begegnete ich selbst lange mit Skepsis. Als die regenerativen Energien ihren Aufschwung begannen, sah ich diese als ein politisch finanziertes Experiment, welches mit erheblichem Einsatz von Steuergeldern den CO2 Ausstoß Deutschlands aufs Jahr gerechnet um einige Minuten verringerte. Ohne diese Subventionen war auf absehbare Zeit – so meine Meinung vor nicht mal 15 Jahren – mit Wind und Sonne in unseren Breitengraden kein Geschäft zu machen.

Nach der Aufspaltung nun der Neubeginn?
Es war ein Kraftakt mit noch ungewissem Ausgang: Über Börsengänge abgetrennter Konzernteile haben die Energieriesen Eon und RWE eine dringend nötige Kehrtwende eingeleitet. Gelingt den Versorgern mit Hilfe ihrer eigenständigen Öko-Sparten nun tatsächlich der Befreiungsschlag - oder kommt die schrittweise Abwendung von der Kohle- und Atomkraft viel zu spät? 2017 dürfte es für Verbraucher und die Branche ähnlich spannend bleiben. Zentrale Themen im Überblick. Quelle: dpa
1. Die Rettungsstrategie: Ökostrom, Netze und Services abspaltenDie „neue“ Eon mit Ökostrom, Netzgeschäft und Vertrieb heißt weiter Eon - der alte Bestand vor allem mit konventionellen Kraftwerken und dem Gasgeschäft wurde dagegen in den jetzt ebenfalls börsennotierten Konzern Uniper ausgelagert. Eon verfolgt eine Konzentration auf die boomenden neuen Energien bei gleichzeitiger Verschlankung. „Unser Ziel ist es, trotz weiterer grundlegender Veränderungen die Zukunft dauerhaft zu sichern“, erklärte Vorstandschef Johannes Teyssen im November. Quelle: REUTERS
Ähnlich machte es der Rivale RWE, wenngleich genau andersherum: Die Essener holten sich an der Börse frisches Geld für ihre Öko-Sparte Innogy, während die „alte“ RWE etwa die konventionellen Anlagen verwaltet. Konzernchef Peter Terium verbreitete zum Innogy-Start auf dem Parkett im Oktober Zuversicht: „Das ist ein super, super Tag.“ Quelle: dpa
2. Das anhaltende Problem: Kohle und Gas verdienen nicht genug GeldEin hohes Angebot an Ökostrom drückt in die Netze, weshalb die Lücke zwischen den eigentlich geringen Großhandelspreisen und den Einspeisevergütungen für die Hersteller von alternativer Energie tendenziell weiter aufklafft. Das Preisniveau an den Strombörsen ist für den Verkauf insbesondere der konventionell erzeugten Elektrizität entscheidend. Die „neuen“ Ökostrom-Geschäfte laufen deutlich besser. Quelle: dpa
Die Eon-Abspaltung Uniper steckte nach den ersten drei Quartalen 2016 mit minus 4,2 Milliarden Euro tief in den roten Zahlen. Das war so kurz nach der Trennung von Eon auch nicht anders erwartet worden. Der Betriebsgewinn legte auf rund 1,8 Milliarden Euro zu - jedoch vor allem wegen des Sondereffekts neu verhandelter Lieferverträge mit dem russischen Gasriesen Gazprom. Bei RWE sackte das Betriebsergebnis nach neun Monaten um knapp neun Prozent auf 2,6 Milliarden Euro ab. Quelle: REUTERS
3. Der Verbraucher muss vorerst weiter draufzahlenDer Privatkunde merkt von dem Preistief an den Strombörsen kaum etwas - ganz im Gegenteil: Steigende Kosten für den Ausbau des Netzes und der erneuerbaren Energien werden auch 2017 zu einem beträchtlichen Teil über die Netzentgelte und die Ökostrom-Umlage auf ihn abgewälzt. Quelle: dpa
Rund drei Viertel des Endverbraucher-Preises entfallen auf solche Abgaben und Steuern. Im nächsten Jahr erhöht sich die Ökostrom-Umlage von 6,35 auf 6,88 Cent je Kilowattstunde, wie die Netzbetreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW im Oktober festlegten. Bei den Netzentgelten ist es ähnlich. Der für Norddeutschland und Bayern zuständige Betreiber Tennet kündigte eine Erhöhung um 80 Prozent an. Quelle: dpa

Heute, nur wenige Jahre später, sind die Kosten zur Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen so deutlich gefallen, dass sie auch ohne Subventionen wettbewerbsfähig sind. Im letzten Jahr wurde weltweit mehr Strom aus Alternativenergie erzeugt als aus Kohle. Nicht nur die Industrieländer fördern mit Blick auf die Bedrohungen aus dem Klimawandel diese Entwicklung, auch China und Indien gehen diesen Weg. Indien hat beschlossen, in den kommenden zehn Jahren keine weiteren Kohlekraftwerke zu genehmigen. China plant alleine für die kommenden drei Jahre Investitionen von rund 300 Milliarden Euro in grüne Energien.

Damit hat der technologische Fortschritt einen Wandel eingeleitet, der sich nun ohne politische Förderung von alleine vollziehen wird, mit immer schnellerer Geschwindigkeit und immer größerer Brutalität. Für die traditionellen Anbieter ist es ein Alptraumszenario, ist es doch sehr schwer bis unmöglich, den Wandel zur neuen Technologie zu überleben. Wie viele Postkutschenhersteller wurden erfolgreiche Autobauer? Mir fällt kein Beispiel ein.

Ein Blick auf die Kursverläufe der traditionellen Energieerzeuger gibt eindrücklichen Beleg für die Dramatik des Wandels. Selbst wenn sich der Ölpreis in den kommenden Monaten weiter erholen sollte, die These vom knappen Öl können wir getrost ad acta legen. Wer immer auf Ölreserven sitzt, wird in den kommenden Jahren versuchen, so viel wie möglich davon zu verkaufen, egal zu welchem Preis. Denn am Ende dürfte der Wert des nicht geförderten Öls in der Erde gegen Null tendieren.

Autoindustrie vor Revolution

Je mehr Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden kann, desto größer wird der ökologische Nutzen von Automobilen mit Elektroantrieb. Das Argument, es sei genauso umweltschädlich wie traditionelle Verbrennungsmotoren, zieht dann nicht mehr.

Doch damit nicht genug. Auch im Bereich der Elektroautomobile vollzieht sich derzeit ein radikaler Wandel. Man braucht ebenso wie bei der Energieerzeugung keine Subventionen mehr, um die neue Technologie zu fördern. Analysten der UBS rechnen vor, dass schon im kommenden Jahr, die „Cost of Ownership“ also die gesamten Kosten für Anschaffung und Betrieb eines Elektroautos, auf dem gleichen Niveau wie für ein Auto mit traditionellem Antrieb liegen werden. Konsequenterweise erhöhen die Analysten ihre Absatzprognosen für Elektrofahrzeuge bis 2025 um 50% auf über 14 Millionen Fahrzeuge weltweit. Das wäre zwar nur ein Anteil von rund 14 Prozent der weltweiten Automobilverkäufe, doch vor allem in den Industrieländern dürfte der Anteil deutlich höher liegen. Einige Länder wie Schweden und Norwegen fördern diesen Trend mit einer höheren Besteuerung für traditionell angetriebene Fahrzeuge. Fahrverbote für Diesel (und demnächst Benziner?) in den Ballungszentren dürften das ihrige zur Beschleunigung der Entwicklung beitragen. Doch auch in den Entwicklungsländern gibt es entsprechende Überlegungen. Indien diskutiert eine völlige Umstellung auf Elektrofahrzeuge bis 2032.

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