Stelter strategisch

Die EZB ist Gefangene der eigenen Politik

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Die aufgeregte Debatte um den EZB-Entscheid ist müßig. Die EZB hat gar keine andere Wahl, als Vollgas zu geben und weiter Geld in die Märkte zu pumpen, will sie sich selbst erhalten. Eine Kolumne.

Sackgasse für die Europäische Zentralbank Quelle: dpa

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie viele Appelle es von (mehrheitlich deutschen) Volkswirten an die EZB gibt, heute doch bitte nicht eine weitere Lockerung der Geldpolitik zu beschließen. Deflationsgefahr gäbe es doch nicht, der Reformwille würde geschwächt und überhaupt wäre die Geldpolitik doch nicht mehr wirkungsvoll, ist doch Geld schon so billig wie seit Jahrhunderten nicht. Stimmt zwar alles, geht aber am Thema vorbei.

Wer gegen die Politik der EZB ist, muss sagen, was er stattdessen will. Der Weg zurück zu normaler Geldpolitik und normalen Zinsen ist nämlich nur denkbar, wenn wir die Ursachen beseitigen: die untragbaren Schuldenlasten und die dysfunktionale Eurozone. Ersteres ist mit empfindlichen Einbußen für Gläubiger und Steuerzahler verbunden, zweiteres mit einem Offenbarungseid für die Regierungen Europas. Beides nicht populär und nicht schmerzlos.

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Wir sind überschuldet

2008 war keine normale Krise. Es war auch keine „Finanzkrise“. Es war der Beinahe-Kollaps unseres Wirtschaftssystems, welches von immer mehr und immer billigeren Schulden abhängt. Wie ein Heroinsüchtiger braucht die Weltwirtschaft eine immer größere Dosis an billigem Geld. Wachsen die Schulden nicht mehr, bricht alles zusammen.

Schulden sind solange kein Problem, wie der Schuldner die Absicht hat, Zinsen und Tilgung aus dem Einkommen zu bestreiten. Ich nenne sie „produktive Schulden“. Dies gilt für Investitionen und einen Teil der privaten Kredite. Je größer der Anteil der unproduktiven Kredite, bei denen die Schuldner hoffen, Tilgung und Zinsen aus der Wertsteigerung zu bedienen, desto krisenanfälliger wird das System. In den vergangenen drei Jahrzehnten blieben die produktiven Kredite relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) konstant. Die unproduktiven Schulden haben sich währenddessen vervielfacht. Immer mehr Schulden sind also Spekulation.

Überall liegt die Gesamtverschuldung von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten relativ zum BIP höher als 2007. Neueste Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich unterstreichen die Dynamik.

• Die Industrieländer haben relativ zum BIP 36 Prozent mehr Schulden als 2007. Spitzenreiter sind Japan (77), Frankreich (72), Italien (53), Schweden (52) und Spanien (50 Prozent). Soviel zum vermeintlichen „Sparen“.
• Die Schwellenländer haben im Schnitt ihre Verschuldung seit 2007 um immerhin 50 Prozent des BIP gesteigert. Angeführt von China (82), Singapur (59), Korea (40), Thailand (37), Russland (33), Malaysia und Brasilien (32) und der Türkei (30 Prozent).

Hinter diesem weiteren Schuldenanstieg stehen zwei Treiber. Zum einen war es die chinesische Regierung, die aus Angst vor sozialen Konflikten mit einer wahren Schuldenorgie auf die Krise von 2008 reagiert hat. Um 21 Billionen US-Dollar wuchs der Schuldenberg, während die Wirtschaft um fünf Billionen wuchs. Mindestens sechs Billionen US-Dollar wurden nach Schätzungen in den Sand gesetzt.

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