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Stelter strategisch

Setze nie auf die Notenbank

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Die Illusion der Gewissheit

Dabei hat sie den ersten Teil der Gewissheit sehr wohl erfüllt. Sie hat drastische Maßnahmen ergriffen, um den Crash zu stoppen. Weite Teile des Aktienmarktes konnten nicht mehr gehandelt werden, wer sich dem Verkaufsverbot der Regierung widersetze, landete im Gefängnis. In der Tat Maßnahmen, vor denen wir im Westen noch zurückschrecken. Doch ansonsten war die Reaktion nicht so viel anders wie bei Crashs hier bei uns. Zinssenkungen und geringere Reserveanforderungen, also die Erleichterung der Kreditvergabe. Sogar die amerikanische Notenbank ergriff im Jahre 1929 die selben Maßnahmen, ohne dauerhaften Erfolg wie wir heute wissen.

Trotzdem notiert der chinesische Markt über dreißig Prozent unter dem letzten Höchststand. Die Realwirtschaft wächst immer langsamer und die Produzentenpreise fallen, was die hoch verschuldete Wirtschaft zusätzlich unter Druck bringt. Die Gewissheit, dass die Chinesen alles im Griff haben, dürfte nach den letzten Monaten deutlich gesunken sein. Setzt sich der Abschwung fort ist  das nicht nur schlecht für die Exporteure von Rohstoffen wie Australien – der Preis für Eisenerz verlor immerhin 20 Prozent in der letzten Woche – sondern auch für die Exporteure von Maschinen und Autos. Der Markt für Autos ist schon jetzt im freien Fall.

Bleibt der chinesischen Regierung am Ende nichts anderes übrig, als dem japanischen Vorbild zu folgen und in einer deutlichen Abwertung des Renminbi die Rettung zu suchen, kommt es zum Test der Gewissheiten bei uns: können die Notenbanken im Westen uns wirklich nochmal heraushauen?

Keine Munition mehr

Nicht wenige Beobachter gehen davon aus, dass die Fed die Zinsen nur erhöht, um sie wieder senken zu können. Nicht zu unrecht. Sollte es heute zu einer neuen Krise an den Finanzmärkten oder einer Rezession kommen, so haben die Notenbanken keine Munition mehr. Natürlich können die Zinsen weiter unter Null gedrückt werden, wie es die Schweiz vormacht. Natürlich können die Notenbanken anfangen, alle Arten von Wertpapieren zu kaufen. Nicht nur die Anleihen guter Qualität, sondern auch offiziell „Junk Bonds“ oder Aktien wie es die Bank of Japan schon tut. Die Notenbanken können auch Immobilien kaufen oder Mindestpreise festlegen, zu denen sie alles kaufen würden. Oder sie überweisen uns allen direkt Geld. Das berühmte „Helicopter Money“.

Was Investoren für die lukrativste Geldanlage halten

Über alle diese Maßnahmen wird schon diskutiert. Sie zeigen aber vor allem eines: die Notenbanken sind am Ende ihrer Leistungsfähigkeit. Fordern die Märkte die Gewissheit ein, werden wir Maßnahmen sehen, die die Glaubwürdigkeit unseres Geldsystems gefährden. Schwindet diese, ist über Nacht auch die Gewissheit in die Allmacht der Notenbanken dahin. Wollen die Notenbanken in einem solchen Szenario ihre Existenz sichern, müssen sie die Märkte enttäuschen. Eine Enttäuschung, die zu massiven Kursverlusten bei allen Vermögenswerten führen muss. Beschreiten die Notenbanken den anderen Weg, vernichten sie den Geldwert.

In Arbeit
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Investoren stehen vor einem Dilemma. „Never bet against the Fed“? In der Tat: Noch lohnt es sich auf der Welle der Gewissheit der allmächtigen Notenbanken zu reiten. Aktien und Immobilien sind die Gewinner. Diese Gewissheit auch für die nächste Krise zu Ende gedacht, heißt aber: Durch immer drastischere Maßnahmen droht der Kollaps des bisherigen Geldsystems . Wer glaubt, dass die Notenbanken auf ihrem bisherigen Kurs bleiben, muss also physisches Gold im Portfolio haben. Dank der derzeitigen Marktmanipulation gar günstig zu erwerben.

Ziehen die Notenbanken doch die Notbremse, bleiben nur noch Liquidität und Anleihen von Top-Schuldnern, um den Sturm zu überstehen. Nur eines ist gewiss:  Die Tage der vermeintlichen Gewissheiten sind gezählt. Dann könnte die neue Gewissheit jederzeit heißen: „Never bet on the Fed!”

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