Stelter strategisch

Die Illusion vom passiven Investment

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Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Medien und Banken werben für die passive Geldanlage: Kostengünstige, börsengehandelte Indexfonds statt teurer Geldmanager, die obendrein noch schlechte Leistung erbringen. Intuitiv richtig, aber dennoch eine Illusion.

Wie die Deutschen ihr Geld anlegen
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In seinem neuesten Aktionärsbrief rät Starinvestor Warren Buffet erneut zur Geldanlage in Indexfonds. Normale Investoren seien nun mal nicht in der Lage, den Aktienmarkt zu schlagen und die teuren Manager aktiver Fonds ebenfalls nicht. Erst recht nicht nach Kosten. Wer sich also eine Aktie von Warren Buffets Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway nicht leisten kann, der fährt mit dem Index am besten. Seiner Frau riet er, nach seinem Tod 90 Prozent des Erbes in Indexfonds von Vanguard zu stecken.

Passiv boomt

Warren Buffet steht mit seiner Auffassung keineswegs allein. Die Anlagen in sogenannten „passiven Fonds“ boomen. Weltweit wurden 2016 Schätzungen zur Folge in jeder Sekunde 12.000 US-Dollar in Indexfonds angelegt. In den USA haben aktiv gemanagte Aktienfonds seit 2007 im Volumen 1,2 Billionen US-Dollar verloren, während Indexfonds um 1,4 Billionen zulegten. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren weitere acht Billionen US-Dollar aus aktiv gemanagten Fonds in passive Anlagen umgeschichtet werden.

Die Argumente für passive Anlagen sind in der Tat überzeugend. Neben günstigeren Kosten zählt die enttäuschende Performance der aktiven Manager dazu. So haben nur 11,2 Prozent der aktiven US-Fonds in den vergangenen fünf Jahren den Index geschlagen. Das liegt daran, dass im Zuge der Geldflut der Notenbanken die Korrelationen an den Märkten deutlich zugenommen haben.

Andererseits zeigen Daten der Société Générale, dass die 1650 Aktien im Welt-Index MSCI im Durchschnitt 26 Prozent unter ihrem historischen Höchststand notieren. Die Indexhöchststände in den USA werden nur von wenigen Aktien getragen. Deutlicher kann man nicht beweisen, dass möglich wäre, den Markt zu schlagen, wenn man eine entsprechende Auswahl trifft. Das wagen jedoch die wenigsten aktiven Manager, aus Angst, falsch zu liegen. Je näher sie jedoch am Index bleiben, desto sicherer werden sie nach Abzug der Kosten underperformen.

Verstärkt wird der Trend zu „passiven Strategien“ durch computerbasierte Handelsprogramme, da sich vor allem börsennotierte Indexfonds sich für eine standardisierte Geldanlage eignen.

Passiv ist nicht passiv

Das sind die Todsünden bei der Geldanlage
Nicht an später denkenEiner der größten und häufigsten Fehler bei der privaten Geldanlage ist, gar nicht damit anzufangen. Viele Anleger machen sich nämlich keine Gedanken über ihre altersvorsorge und geben Erspartes lieber für andere Dinge aus. Quelle: Fotolia
Jagd nach der RenditeMit einer der größten Fehler von Anlegern ist aber die Jagd nach dem schnellen Geld: Sobald von einer Kursrakete, einem totsicheren Tipp oder sonstigem die Rede ist, stürzen sich Investoren darauf, als gäbe es kein Morgen mehr. Der größte Fehler ist, dass Anleger sich in Produkte oder Anlageklassen verrennen, die sich erst kurzfristig gut entwickelt haben und die langfristige Entwicklung mitunter völlig außer Acht lassen. Deshalb sollten sich Investoren darüber im Klaren sein, dass es kein Geldanlagevehikel gibt, dass sich nur gut entwickelt. Auch nicht, wenn seit Wochen und Monaten überall nur Gutes davon zu hören und zu lesen ist. Selbst Gold kann fallen. Da ist es wenig ratsam, das gesamte Vermögen auf einmal in Gold zu tauschen. Quelle: dpa
Unverständliche Produkte kaufenDas Problem, das Anleger ihr Geld auch in Produkte stecken, die sie nicht so recht verstehen, ist mit der Finanzkrise leider nicht ausgelöscht worden. Gerade Börsenneulinge überschätzen ihre Kenntnisse gerne. Deshalb kann es nicht schaden, die eigene Anlagestrategie von jemandem überprüfen zu lassen. Ob es jetzt ein Finanzberater, Investmentclub oder ein guter Freund ist, spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Hauptsache, die Idee wird gründlich durchdacht. Quelle: Fotolia
Kosten übersehenGenauso häufig übersehen Anleger Kosten, beispielsweise Verwaltungsgebühren bei Fonds. Aus Faulheit wird das Kleingedruckte nur überflogen oder die Gesamtkostenquote schlicht übersehen. Nachher ist dann die Überraschung groß, wenn sich das vermeintliche Schnäppchen als überteuerter Fonds entpuppt. Quelle: Fotolia
Der Herde folgenEin bekanntes Phänomen ist der Herdentrieb der Anleger. Derzeit fliehen Investoren massenweise aus Anleihefonds - obwohl es keinen offensichtlichen Grund dafür gibt. Es reicht, wenn sich ein Großinvestor oder eine kritische Masse von einem Anlageprodukt abwenden. Schon herrscht die allgemeine Meinung
Elitäre ZirkelDas Gegenteil des Herdentriebes ist der Wunsch, einem elitären Zirkel anzugehören. Sobald ein Finanzprodukt strenger limitiert ist, wie es beim Madoffschen Schneeballsystem ebenfalls der Fall war, stürzen sich Investoren darauf, ohne genau hinzusehen, was sie da eigentlich kaufen. Das Bedürfnis, zu einer kleinen Gruppe zu gehören, die unermesslich reich wird, ist zu groß. Quelle: Fotolia
Fehler nicht eingestehenMindestens genauso falsch ist es, sich seine Fehlentscheidungen nicht einzugestehen. Dieses Verhalten lässt sich bei jedem Aktiencrash beobachten: Anleger halten an abstürzenden Papieren fest, in der Hoffnung, der Kurs werde sich doch wieder erholen. Wer eine Aktie für 30 Dollar kauft und dann jahrelang ihren Sinkflug beobachtet und nicht verkauft, kann sich offenbar nicht eingestehen, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Nur wer das erkennt, kann Verluste begrenzen. Quelle: Fotolia

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es eine „passive“ Geldanlage nicht gibt. Der Verzicht auf eine Auswahl der Werte, sei es selber, sei es durch die Beauftragung eines Investmentmanagers (indirekt über den Kauf eines Fonds, direkt über die Vergabe eines Verwaltungsmandats) ist eine sehr bewusste Entscheidung.

Es ist eine Entscheidung dafür, dem Markt hinterherzulaufen. Aktien kommen meist erst nach einer langjährigen guten Entwicklung in den Index. Erst nachdem der Wert steigt, steigt auch der Anteil am Index und die Indexfonds kaufen nach. Indexfonds verlassen sich dabei auf die Arbeit der aktiven Investoren, die durch Analysen versuchen, den wahren Wert von Unternehmen zu ergründen.

Täglich handelbar ist unsinnig

Oftmals werden Indexfonds mit börsengehandelten Fonds (den sogenannten Exchange Traded Funds, ETFs) gleichgesetzt. Dabei widerspricht die tägliche Handelbarkeit eigentlich der Grundphilosophie des Kaufen und Liegen lassen, welche neben den günstigen Kosten hinter den Indexfonds steht.

In der Praxis wird das vermeintliche passive Investment, welches eigentlich keines ist, endgültig zum aktiven Investment. Die Investoren versuchen den Markt zu „timen“ und liegen dabei – wie an dieser Stelle immer wieder betont – daneben. Der durchschnittliche Investor in börsengehandelte Indexfonds verdient deutlich weniger als der Index. Warum? Weil er nach einem Einbruch verkauft, um nach der Erholung wieder zuzukaufen. Wenn schon „passiv“, dann richtig!

Passiv verstärkt Herdenverhalten

Die Vermutung liegt nahe, dass gerade am US-Markt zur Zeit die vermeintlich passiven Investoren die Hausse treiben. Ohne auf die Bewertung zu achten – immerhin liegt das Shiller-PE über den Werten von 1929 – wird Geld in die Märkte gepumpt. Die Sorglosigkeit der Investoren ist groß: Was soll passieren, man kann ja jederzeit wieder aus dem Markt aussteigen? Was geschieht, wenn zu viele gleichzeitig verkaufen, ohne einen Berater der zur Ruhe rät, haben wir bei vergangenen Crashs beobachtet Ein Markt der von vermeintlich passiven Investoren dominiert wird, die aber mit einem Klick aussteigen können, ist ein stabiler Markt bis zum Zeitpunkt der Panik.

Das Enttäuschungspotenzial an den Aktienmärkten
US-Markt: Auf Hoffnung gebaut - In den USA müssen die Unternehmen über Umsatzwachstum und weitere Margenverbesserung die Vorschusslorbeeren rechtfertigen. Tun sie es, kann sich der Markt auf heutigen Niveau halten. Tun sie es nicht, droht eine deutliche Korrektur.TSR Performancebeitrag der MSCI USA Firmen Quelle: CE Asset Management (CEAMS)
Japan: Wo bleibt das Wachstum? - Margenverbesserung und bessere Bilanzqualität tragen japanische Unternehmen. Die geringen Erwartungen begrenzen das Risiko. Umsatzwachstum und weitere Margensteigerung können positiv überraschen.TSR Performancebeitrag der Nikkei 225 Firmen Quelle: CE Asset Management (CEAMS)
Europa: Außer Dividenden nichts gewesen - Seit Jahren sind Margen und Umsätze rückläufig. Das billige Geld der EZB befeuert die Bewertung, also die Erwartungen. Gelingt es die Krise zu überwinden ist das Potential erheblich.TSR Performancebeitrag der MSCI Europa Firmen Quelle: CE Asset Management (CEAMS)
Schwellenländer: Fundamental gesund - Unternehmen der Schwellenländer verbessern Profitabilität und Bilanzqualität. Die Umsätze (hier in US-Dollar gemessen und deshalb wegen der Dollar-Stärke unter Druck) erholen sich ebenfalls. Neben Japan die attraktivste Region.TSR Performancebeitrag der MSCI Emerging Markets Firmen Quelle: CE Asset Management (CEAMS)

Aktiv ist nicht aktiv

Da wünsche ich mir eine ernsthaft aktive Strategie, die verkauft, wenn es zu teuer wird und kauft, sobald die Panik am größten ist. Das Problem ist nur, dass wir alle uns das wünschen, zugleich aber mit unserer Geldanlage zu ungeduldig sind. Wir lassen unser Geld nicht bei Underperformern, wir wollen in jedem Jahr auf der Gewinnerseite sein. Konsequenterweise richten sich die „aktiven“ Manager danach aus und werden zu passiven, allerdings mit höheren Kosten. Nahe am Index denken sie an das eigene Überleben und können nach Kosten nur enttäuschen und sich selbst und ihrer Profession das Grab schaufeln.

Dabei hätten sie das Zeug, besser zu sein als der Markt. Eine neue Studie der Columbia Business School verglich die Qualität der Gewinnprognosen von Gruppen mit der von Einzelnen, die keine Information über die Vorhersagen der anderen hatten. Dabei gab es folgende Erkenntnis: die Gruppe – in der jeder die Erwartungen der anderen kennt - liegt nicht nur näher zusammen, sondern ist sogar besser als die Analysten der Wall-Street. Allerdings liegt die Gruppe immer über dem aktuellen Ergebnis. Sie hat also eine Tendenz zum Optimismus.

Die Schätzungen der Einzelnen zeigen - wenig verwunderlich - eine weitaus größere Spreizung. Im Durchschnitt lag die Gruppe der Einzelnen jedoch näher an der Realität. Und zwar statistisch signifikant. Schlussfolgerung für uns: es ist möglich den Markt zu schlagen. Man muss sich nur trauen.

In den kommenden Monaten dürften sich für wirklich aktive Manager erhebliche Chancen bieten. Wer sich nicht zutraut, diesen zu finden, der sollte aktiv passiv sein: mit einer stabilen Gewichtung auf die vier Anlageklassen Aktien, Immobilien, Gold und Cash. Und das gerne auch mit Indexfonds.

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