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Stelter strategisch

Der dumme deutsche Sparer

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Ein Paradigmenwechsel tut not

Andere Staaten mit Leistungsbilanzüberschüssen und ihre Notenbanken investieren ihr Geld dagegen deutlich besser – siehe etwa Norwegen und die Schweizer Nationalbank. Eine internationale Streuung an Anleihen, Immobilien und Aktien soll dort das Volksvermögen für die kommenden Jahrzehnte sichern. Natürlich werden auch diese Verluste erleiden, gerade mit Blick auf die ungelöste Schuldenkrise. Einen garantierten Totalverlust wie wir müssen sie aber nicht befürchten.

Ein Paradigmenwechsel tut not. Unsere Politik beschäftigt sich jedoch weniger mit dem Investieren als mit der Verteilung weiterer sozialer Wohltaten. Wobei grundsätzlich nichts gegen mehr Staatsausgaben spricht, ist es doch allemal besser, unsere Ersparnisse dem deutschen Staat als ausländischen Schuldnern anzuvertrauen. Allerdings sollte der dann mit den künftigen Wohlstand durch Investitionen in Bildung und Infrastruktur sichern, statt das Geld ohne großen Langzeiteffekt auszugeben.

 

So wie in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und in der Anlagepolitik der großen institutionellen Anleger – so unwirtschaftlich handeln wir auch als Privatleute. Sichteinlagen, Sparbücher, Festgelder und Lebensversicherungen dominieren die Geldanlage. Also Null- und demnächst Negativzinsen, am Ende vielleicht sogar der Totalverlust, wenn es der EZB – wie beabsichtigt – „endlich“ gelingt, deutliche Inflation zu erzielen. So erklärt sich eben auch die Lücke in den Vermögen privater Haushalte.

„Lieber eine Stunde über Geld nachdenken, als eine Stunde für Geld arbeiten.“

Und selbst die mutigeren Anleger ernten nicht den vollen Lohn ihrer Investition. Banken und Berater nehmen sich über Ausgabeaufschläge, Managementgebühren, Depotgebühren, Handelsgebühren, schlechtere Kurse und häufige Umschichtungen im Depot ihren Teil. Drei Prozent laufende Kosten für ein Portfolio mögen in Zeiten mit sechs Prozent Zins noch annehmbar sein. Im Nullzinsumfeld sind sie es nicht.

Zeit also, dass wir es dem Ölmagnaten John D. Rockefeller gleichtun, der meinte „Lieber eine Stunde über Geld nachdenken, als eine Stunde für Geld arbeiten.“ Recht hat er. Dabei dürfte die Rendite des Nachdenkens deutlich höher sein.

Was müssen wir bei der Geldanlage heute berücksichtigen? Zum einen die Tatsache, dass Negativ- und Nullzins ein extremes Krankheitssymptom sind. Wir haben es mit einer Überschuldungssituation zu tun, die im Euroraum zusätzlich durch dessen Dysfunktionalität verschärft wird. Es drohen – wahlweise und in Kombination – Pleiten, Vermögensabgaben, Deflation und Inflation sowie ein (teilweiser) Zerfall der Eurozone.

 

Hinzu kommen die ungelösten globalen Konflikte und die Migrationswelle. Sichteinlagen, Sparbücher, Festgelder und Lebensversicherungen sind in diesem Umfeld definitiv nicht die richtigen Instrumente der Geldanlage. Nur im Falle einer breit einsetzenden Deflation wären diese Instrumente geeignet. Nur im japanischen Szenario fährt man damit gut. Konsequent zu Ende gedacht müsste man dann – wie es die Japaner seit neuestem tun –  sein Geld bar im Safe lagern, um den Negativzinsen zu entgehen. In allen anderen Szenarien empfiehlt es sich, ähnlich wie Staatsfonds und einige Notenbanken zu handeln: international diversifiziert in Sachanlagen (Aktien, Immobilien) streuen und Gold als Katastrophenschutz. Wenn es schon in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung Deutschlands nicht so aussieht, dann sollten wir es wenigstens in unserer individuellen Anlagestrategie tun.

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