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Stelter strategisch

Die japanische Krankheit - in der Sackgasse

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Harte Einschnitte der Politik

Option 3: Offene Pleiten

Offene Pleiten sind vor allem für jene eine Option, die keine eigenen Helikopter besitzen, zum Beispiel weil sie Staaten der Eurozone sind. Zwar hat die EZB die Zinsen deutlich nach unten gedrückt, dennoch sind die Schulden in den meisten Ländern auf einem nicht nachhaltigen Trend. Damit wächst das Problem weiter an und die Option „Pleite“ wird immer realistischer. Damit würde aber ebenso wie beim Helikopter-Geld das Vertrauen der Sparer unterminiert. Noch mehr als heute würden die Sparer ihr Geld „unter der Matratze“ verstecken und damit die Geldpolitik endgültig wirkungslos machen.

Option 4: Annullierung von Schulden auf der Notenbankbilanz

Eine weitere Option wäre die Annullierung der Staatschulden, die von den Notenbanken gehalten werden.  Eine Idee, die bekanntlich gerade im angelsächsischen Raum zunehmend Unterstützung findet. Für King ist es letztlich nur eine noch extremere Variante des Helikopter-Geldes mit denselben Verteilungs- und Inflationswirkungen. Ich denke dennoch, dass Japan in den kommenden Jahren diesen Weg gehen wird und dies bereits vorbereitet.

Die größten Pleitestaaten der Welt
Norwegische Insel Quelle: dpa
Reichstag Quelle: dpa
Gracht in Amsterdam Quelle: AP
Akropolis Quelle: AP
Brunnen am österreichischen Parlamentsgebäude Quelle: dpa
Schweizer Flagge Quelle: dpa
Big Ben und Westminster Abbey Quelle: REUTERS

Option 5: Liquidierung von Überkapazitäten

Zwar haben sich einige Länder wie Deutschland, Großbritannien und die USA von der Krise erholt, dennoch haben wir es mit geringen Wachstumsraten und vor allem abnehmender Produktivität zu tun. Deshalb könnte es sein, so King, dass die „deflationäre Stagnation“ an unzureichendem Angebot liegt, eben weil die Wirtschaft weniger effizient ist.

Weshalb nun war das Produktivitätswachstum in einer Phase schnellen technologischen Fortschritts so gering? Die Ursache könnte in der Geldpolitik liegen: diese hat vor allem die Preise von Immobilien und Finanzassets getrieben. Unternehmen wurden entlastet und sie haben weniger Kostensenkungen vorgenommen, als sie sonst hätten vornehmen müssen (was statistisch eine geringere Produktivität bedeutet). Zu viel Kapital blieb in ineffizienten Unternehmen gebunden. Diese konnten ohne großen Druck weiter Geld verdienen und sich auf das financial engineering konzentrieren, was zwar die Aktionäre freut, der eigentlichen Produktivität jedoch nicht nutzt.

Zombie-Firmen schwächen das Wachstum, weil sie den Prozess der kreativen Zerstörung hemmen. Würden wir heute die Zombies zur Restrukturierung zwingen hätten wir wohl auch mehr Arbeitslosigkeit und eine Verstärkung der Krise. Deshalb ginge es nur in Kombination mit Maßnahmen zur Konjunkturankurbelung.

Option 6: Mehr Welthandel

Theoretisch wäre mehr Handel eine Antwort auf die Krise. In der Realität sinkt der Welthandel jedoch in den letzten Jahren. Das ist insofern überraschend, als bisher der Welthandel schneller gewachsen ist als das Welt-BIP. Mögliche Gründe sind:

  • Eine Straffung von globalen Wertschöpfungsketten, um diese weniger krisenanfällig zu machen oder in Folge von neuen Technologien (z.B. 3-D-Druck).

  • Eine Zunahme des versteckten Protektionismus mit aggressivem Bestehen auf bestimmten „Standards“.

  • Weniger verfügbarer Handelsfinanzierung seit der Krise.

  • Zunehmender Unsicherheit wegen aufkommender Währungskriege.

Offene Märkte würden nach HSBC bei der Bewältigung der Krise helfen. Doch leider spricht wenig dafür. Im Gegenteil nimmt der Protektionismus weltweit zu.

Nationalistische Strömungen sind überall auf dem Vormarsch. Sei es die Idee, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen. Sei es das untätige Zuschauen, wie in Europa die Schengen-Zone zerfällt.

Fazit

So kommt Stephen King von der HSBC zu seiner Schlussfolgerung: galt Japan bisher als Ausnahme, muss man jetzt konstatieren, dass die „japanische Krankheit“ um sich greift. Die vorgestellten Lösungen sind eine Mischung aus wirkungslos, begrenzt, riskant, leichtfertig und quälend langsam. Wie Japan lehrt, wird mehr Geld nicht die Lösung bringen. Im Gegenteil: Die immer lockerere Geldpolitik begünstigt Spekulation und verlängert so die instabile deflationäre Stagnation.

Für uns als Kapitalanleger keine schönen Aussichten. Von jeder Seite droht Gefahr – und zwar jeweils eine andere, was eine passende Strategie umso schwieriger macht. Zwar denke ich, dass die Politik sich auf den Weg des Helikopter-Geldes versteift, doch kann es – wie hier immer wieder geschrieben – noch lange dauern, bis es soweit ist und zu lange um Pleiten und Chaos auszuschließen. Deshalb gelten weiterhin Diversifikation und Disziplin als goldene Regeln der Geldanlage.

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