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Stelter strategisch

Russland ins Depot

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Ich bleibe in Russland

Hinkte die Moskauer Börse im vergangenen Jahr zunächst hinterher, war die Entwicklung seit letztem Sommer sehr erfreulich. Die Aktien stiegen, getragen von höheren Ölpreisen und abnehmenden Spannungen, die Zinsen sanken und der Rubel stabilisierte sich. Damit war am vorigen Montag Schluss. Die Börse crashte und vor allem die Unternehmen auf der Sanktionsliste wurden arg gebeutelt. Der Aluminiumkonzern Rusal verlor mehr als die Hälfte, die Goldmine Polyus verlor 20 Prozent. Der Rubel fiel zum Dollar auf den tiefsten Stand seit Ende 2016.

Die Aktien, die schon vor dem Einbruch äußerst günstig waren, wurden noch billiger. Der Markt handelt unter Buchwert und das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Marktes liegt bei unter acht – der billigste Markt weltweit! Werte wie Gazprom werden zum vierfachen des für 2018 erwarteten Gewinnes gehandelt.

Natürlich können sich Aktienkurse unendlich oft halbieren. Doch ist das realistisch? Ich für meinen Teil habe in der vergangenen Woche bei einigen Titeln in Russland dazugekauft. Zu diesen Bewertungen zu kaufen, ist aus meiner Sicht weniger riskant, als den FANGS hinterherzulaufen. Was kann denn noch passieren?

Ja, es ist denkbar, dass es zu einer weiteren Eskalation in den Beziehungen zwischen Russland und der westlichen Welt kommt. Die besonnene Reaktion auf die Luftangriffe der USA, Frankreichs und Großbritanniens in Syrien spricht jedoch eher für eine Deeskalation. Persönlich kann ich keinen Sinn in weiteren militärischen Eingriffen in der Region erkennen: Zum einen weil der Krieg in Syrien ohnehin entschieden ist und sich die Lage vor Ort nicht so einfach kategorisieren lässt, wie es Politik und Medien hierzulande gerne tun – hier empfehle ich das sehr interessante Interview mit dem Nahost-Experten Michael Lüders im Deutschlandfunk, welches schon vor den Angriffen geführt wurde. Zum anderen, weil die Grundursache der Konflikte in der Region die explodierende Bevölkerung ist, welche zu einem Überschuss an jungen Männern führt, die für sich keine Perspektive sehen. Krieg, Bürgerkrieg und Terror sind die unerfreulichen Folgen.

Solange es also zu keinem Krieg zwischen dem Westen und Russland kommt, wofür wenig spricht, sind die russischen Aktien ein Kauf. Käme es zu einem Krieg, dürfte der Verlust an der Moskauer Börse unser geringstes Problem sein.

Dividende, wenig Kursgewinne

Dabei sind die Aktien der russischen Börse vor allem unter Ertragsgesichtspunkten interessant. Die eigentliche Entwicklung der russischen Wirtschaft bleibt enttäuschend und das Land einseitig auf Rohstoffe fokussiert. Diese jedoch werden – allen Sanktionen des Westens zum Trotz – in der Welt weiterhin reißenden Absatz finden. Die Annäherung zwischen Russland, China und Indien ist in vollem Gange. Dies mag zwischenzeitlich bei steigenden Rohstoffpreisen zu höheren Kursen führen, dann aber getrieben von den Erträgen, nicht von einer Ausweitung der KGVs. Werden diese nicht mehr viel sinken, so ist auch das Aufwertungspotenzial beschränkt.

Wer das Risiko tragen kann und einen langen Atem hat, für den ist die Moskauer Börse einen Blick wert. Wie sagte Carl Mayer von Rothschild so treffend: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Violinen spielen.“

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