Stelter strategisch

Jede Erkältung der Wirtschaft kann tödlich sein

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Die Notenbanken können nur Zeit kaufen und das System eine Runde weiter bringen. In den nächsten Wochen entscheidet sich, wohin die Reise geht. Erneute Krise oder noch mal davongekommen?

An diesen Märkten kracht es
Mit Chinas Aktienmarkt fing alles an: Jahrelang propagierte die Regierung in Peking den Einstieg in Aktien – ganz offiziell in den Staatsmedien. Der kleine Mann sollte an der Börse investieren und den chinesischen Unternehmen zu Kapital verhelfen. Doch mit dem stagnierenden Wirtschaftswachstum kamen Zweifel auf. Die Börsen in Schanghai und Shenzhen brachen innerhalb weniger Wochen drastisch ein. Und das Virus China begann, sich auszubreiten. Quelle: dpa
So zog Chinas Schwäche zum Beispiel auch das deutsche Aktienbarometer nach unten. Viele exportorientierte Dax-Unternehmen, vor allem die Autobauer, haben gelitten. Weil am Donnerstag die USA zusätzlich mit guten Konjunkturdaten aufwarten konnten und die Zinswende damit näher zu rücken scheint, ließ der Leitindex am Freitag weiter Federn. Zum Handelsschluss notierte er gut 300 Punkte tiefer bei 10.124 Punkten. Auf Wochensicht verlor der Dax knapp acht Prozent oder 861 Punkte. Quelle: REUTERS
Die voraussichtlich schlimmste Woche des Jahres für Aktien hat am Freitag auch die Wall Street nicht verschont. Nach enttäuschenden Konjunkturdaten aus China lagen die wichtigsten Indizes in New York zur Eröffnung deutlich im Minus. Der Dow-Jones-Index lag mit 16.815 Punkten ein Prozent im Minus. Der breiter gefasste S&P-500 tendierte mit 2.016 Zählern ebenfalls fast ein Prozent tiefer. Quelle: AP
Nicht nur an den Börsen, auch bei den Währungen ging es zuletzt deutlich bergab. Anfang der Woche gab die chinesische Zentralbank überraschend den Yuan-Wechselkurs frei – woraufhin dieser um mehrere Prozent nach unten rauschte. Auch in den Folgetagen konnte die Regierung den Kurs nur mit Mühe über Devisenverkäufe stabilisieren. Grundsätzlich will Peking daran festhalten, den Referenzkurs für den Wechselkurs nach Angebot und Nachfrage zu bestimmen. Quelle: dpa
Nicht nur der Yuan, auch die Schwellenländerwährungen allgemein haben in dieser Woche stark gelitten. Die türkische Lira, zum Beispiel, erreichte einen historischen Tiefstand nach dem anderen. Der Grund: Investoren ziehen ihr Geld aus den Schwellenländern ab und investieren es eher wieder im Dollar und Euro-Raum. Viele Schwellenländer hängen am Tropf Chinas. Das Vertrauen der Investoren schwindet daher. Quelle: REUTERS
Nach unten ging es diese Woche auch für den Ölpreis. Zuletzt kostete ein Barrel Brent noch 45,90 Dollar, ein Barrell der Sorte WTI noch knapp über 40 Dollar. Experten gehen längst davon aus, dass der Preisverfall weitergeht. Der Grund: Die USA hat durch die Schieferölförderung in nur vier Jahren die eigene Ölproduktion nahezu verdoppelt. Das dadurch steigende Angebot will und kann die Opec auch mittelfristig durch eigene Produktionskürzungen nicht kompensieren. Quelle: dpa
Doch nicht nur der Ölpreis leidet: Auch die Aktien der großen Ölunternehmen Exxon Mobil, Chevron, Royal Dutch Shell und Petrochina sind zuletzt deutlich eingebrochen. Experten warnen Anleger derzeit vor einem Wiedereinstieg. Quelle: dpa
Kasachstan ist der größte Ölexporteur Südostasiens – und leidet ganz besonders unter dem schwachen Ölpreis. Um die Wirtschaft wettbewerbsfähig zu halten, hat der Präsident gerade die Währung, den Tenge, freigegeben. Dieser rutschte daraufhin drastisch ab. Man müsse sich langfristig auf Ölpreise zwischen 30 und 40 Dollar je Barrell einstellen, hieß es aus der Hauptstadt Astana. Quelle: dpa
Wo es überall abwärts geht, muss es auch Profiteure geben. Ungeachtet aller Schwarzmalerei, Gold habe als Krisenwährung und Inflationsschutz ausgedient, ist der Goldpreis zuletzt wieder gestiegen – auf rund 1.150 Dollar je Feinunze. Der Langfristtrend sinkender Goldpreise bleibt aber dennoch intakt. Große Fondsgesellschaften und Vermögensverwalter haben Gold aus ihren Depots geworfen. Quelle: dpa
Die Gemeinschaftswährung hat sich im unsicheren Marktumfeld gut gehalten. Nachdem die Griechenland-Sorgen vorerst ausgestanden scheinen, hat sich der Euro am späten Freitagnachmittag auf einen Kurs von 1,1342 Dollar gemausert. Die Warnungen einiger Investmentbanken, der Euro würde bald gleichauf zum Dollar stehen, haben sich damit bislang nicht bewahrheitet. Quelle: dpa

Weltwirtschaft und Finanzmärkte stehen vor der Entscheidung: Deflation, Rezession, Schuldenkrise und Chaos an den Finanzmärkten, einerseits? Oder erfolgreiche Stabilisierung – zum Preis weiter steigender Verschuldung und Vermögenspreisblasen, andererseits? Beide Alternativen klingen wie die Wahl zwischen Beelzebub und Teufel: Große Krise heute oder noch größere Krise morgen?

Fundamental krank

Seit Jahren leben wir auf Pump. In den Industrieländern wuchsen die Schulden von Nicht-Finanzunternehmen nach Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zwischen 1999 und 2014 um 67 Prozentpunkte von 212 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) auf 279 Prozent. Seit 2008 holen die Schwellenländer die Entwicklung nach, allen voran China mit über 250 und Korea mit 220 Prozent Verschuldung relativ zum BIP.

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Die Grundursache der hohen Schulden ist die asymmetrische Reaktion der Notenbanken, die im Zweifel immer die Zinsen senkten und sie danach nicht wieder ausreichend erhöhten. So lag der mit der Taylor-Regel berechnete "natürliche Zins" seit dem Jahr 2000 immer über dem tatsächlichen Zinsniveau. Geld war also – fundamental gesehen – immer zu billig. Kein Wunder, dass es im gesamten Wirtschaftssystem eine Präferenz für Schulden statt Eigenkapital gegeben hat.

Dies zeigt sich besonders an der Verwendung der neuen Schulden, wie beispielhaft die Zahlen aus England zeigen. Seit 1990 haben sich dort Hypotheken an Private und Kredite an Immobilien- und Finanzunternehmen von 33 Prozent des BIP auf nun 98 Prozent verdreifacht. Die Ausleihungen an die produktiven Sektoren – also die Nicht-Finanzunternehmen, die in Maschinen und Anlagen investieren oder neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln – blieben stabil bei 25 Prozent des BIP.

Dies macht eines deutlich: Schulden zu produktiven Zwecken sind nicht das Problem. Die Schuldner strengen sich entsprechend mehr an, die Wirtschaft wächst, und die Schuldenquoten bleiben stabil. Problematisch sind Schulden, die zum Erwerb vorhandener Assets, zur Spekulation und zum Konsum eingesetzt werden. Sie treiben die Vermögenspreise in die Höhe und steigern die Instabilität des Finanzsystems. Von dieser Sorte Schulden hat die Welt eindeutig zu viele.

Deshalb ist auch unsere Angst vor eigentlich normalen Rezessionen so stark, deshalb ist das Phänomen der Deflation so in Verruf geraten: . Schuldner können dann ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Es drohen Pleiten, Konkurse und Schuldenschnitte, die die Wirtschaft in eine noch größere Krise stürzen. Die eigentlich gute Deflation aus technischem Fortschritt, Globalisierung und fallenden Rohstoffpreisen wird für jede überschuldete Wirtschaft zur existenzbedrohenden, bösen Deflation. Jede Erkältung kann tödlich sein.

Notenbanken rund um den Globus lockern ihre Geldpolitik

Drohende Eiszeit

Dabei wirkt die hohe Schuldenlast selbst deflationär. Weil die Schulden schon so hoch sind, gibt es nur noch wenig Zusatznachfrage. Die Verschuldungskapazität und -bereitschaft der potenziellen Schuldner ist schlichtweg ausgeschöpft. Ein immer größerer Teil der neuen Schulden dient nur noch dazu, die Illusion der Bedienung der vorhandenen Schulden aufrecht zu erhalten. Fehlinvestitionen und Überkapazitäten aus der Zeit des Schuldenbooms verstärken den deflationären Druck noch.

Schon vor dem Chinaschock der vergangenen Wochen waren die Inflationserwartungen in Europa und den USA stark rückläufig. Allen Bemühungen der Notenbanken zum Trotz, liegt die erwartete Inflation bei 1,5  Prozent und damit wieder auf dem Niveau, das wir beobachten konnten, bevor die EZB ihr großangelegtes Kaufprogramm für Staatsanleihen bekanntgab. Fallende Rohstoffpreise, Überkapazitäten und anhaltend schwache Nachfrage drücken auf das Preisniveau.  Sollten die Inflationserwartungen in den USA oder Europa unter ein Prozent fallen, droht den Aktienmärkten Ungemach, so zumindest die Lehre aus den Jahren 2001 und 2008.

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