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Stelter strategisch
Der Euro steht auf wackligen Füßen, weil die Europäische Zentralbank erst handeln kann, wenn es für alle Euro-Länder offensichtlich brennt. Quelle: imago images

Machtlose EZB als Gefahr für die Märkte

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Die EZB ist nicht weniger skrupellos als andere Notenbanken. Aber sie kann in der Eurozone erst dann richtig aktiv werden, wenn es für jeden offensichtlich brennt. Welche Radikalmaßnahmen uns blühen, wenn es dazu kommt.

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Um es gleich vorwegzuschicken. Ich glaube nicht, dass die EZB keine Munition mehr hat, wenn es um die weitere Manipulation der Finanzmärkte und damit um das Vertuschen der ungelösten Euro- und Schuldenkrise geht. Ich glaube allerdings, dass die EZB erst verspätet agieren kann und deshalb von den anderen Notenbanken überholt werden wird: mit erheblichen Folgen für die Eurozone und die hiesigen Assets. Angesichts einer sich zunehmend abkühlenden Weltkonjunktur müssen wir uns mit diesem Szenario auseinandersetzen.

Negativzinsen auch in den USA

Albert Edwards, der schon seit Ende der 1990er-Jahre vor japanischen Verhältnissen in Europa und den USA warnt und von einer Eiszeit an den Kapitalmärkten spricht, steht mit seiner Prognose nicht allein da: Immer mehr namhafte Beobachter erwarten auch in den USA im Zuge der nächsten Rezession negative Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass schon heute weltweit Anleihen im Wert von über zehn Billionen US-Dollar nur Negativzinsen abwerfen.

Der Grund für diese Erwartung ist regelmäßigen Lesern dieser Kolumne sicherlich bekannt: Nach Jahrzehnten der zu laschen und asymmetrischen Geldpolitik
• sind die weltweiten Vermögenswerte zu hoch (und dürfen nicht fallen!),
• sind die Schulden zu hoch (und können nicht fallen, ohne die Vermögenswerte kollabieren zu lassen),
• ist der Verschuldungsgrad („Leverage“) von Realwirtschaft und Finanzsektor zu hoch,
• ist der realwirtschaftliche Impuls neuer Schulden zu gering
• und die Zombifizierung der Unternehmen zu weit fortgeschritten.

Kurz gesagt: Wir haben uns in die Ecke manövriert und es fällt immer schwerer, sich einen schmerzlosen Ausweg vorzustellen. Oder fällt den Notenbanken noch etwas ein, um das System eine Runde weiterzudrehen und allen noch ein paar angenehme Jahre steigender Vermögenspreise, stabiler Konjunktur und Wohlstandsillusion auf Pump zu ermöglichen?

Geld- und Fiskalpolitik werden Eins

Dass Notenbanker und Politiker über dieses Thema intensiv nachdenken, zeigt die Flut an Testballons, die in den vergangenen Jahren aus der akademischen Welt lanciert wurden. Die Liste der in die Diskussion gebrachten Ideen ist durchaus in sich konsistent. Es geht darum, den Notenbanken den Weg zu noch negativeren Zinsen und weiteren umfangreichen Liquiditätsspritzen zu ermöglichen und zugleich die Fluchtmöglichkeiten aus dem System zu begrenzen:

Kampf gegen das Bargeld: Schon seit Jahren läuft eine Kampagne gegen die Nutzung von Bargeld. Zunächst haben Ökonomen wie der ehemalige Chefvolkswirt des IWF, Kenneth Rogoff, dafür plädiert, Bargeld möglichst weitgehend abzuschaffen; vordergründig, um Schattenwirtschaft und Kriminalität zu bekämpfen. Dann wurde der 500-Euro-Schein abgeschafft, was die Lagerkosten für Bargeld deutlich erhöht. Nun kam der IWF mit der Idee, Bargeld zu versteuern für den Fall, dass es auf dem Bankkonto Negativzinsen gibt. All dies passt zu dem Szenario einer geplanten Entwertung von Geld und damit von Forderungen und Schulden.


Kampf gegen das Gold: Ergänzend dazu erklärt der IWF in einem weiteren Arbeitspapier, dass Gold ein destabilisierender Faktor für die Wirtschaft ist. Dies ist natürlich richtig, wenn man ein System unterstützt, in dem beliebig viel Liquidität geschaffen werden kann und soll, um die Wirtschaft zu beleben. Da nirgendwo eine Rückkehr zum Goldstandard erkennbar ist, fragt man sich schon, wieso der IWF gerade heute mit diesem Thema kommt. Ein Grund könnte sein, eine solide Finanz- und Geldpolitik (wie sie in der guten alten Zeit von Deutschland betrieben und gefordert wurde) zu diskreditieren. Ein anderer, die moralische Argumentation für eine Einschränkung privaten Goldbesitzes zu liefern. Denn Gold ist das ultimative Geld, in das man flüchten kann und sollte angesichts dessen, was uns bevorsteht. Wer denkt, ein Verbot privaten Goldbesitzes sei undenkbar, der sei an die deutsche, aber auch US-amerikanische Geschichte erinnert!


Kapitalverkehrsbeschränkungen: Adäquat werden Beschränkungen des freien Kapitalverkehrs in Abhängigkeit vom Umfeld als geeignetes Instrument gesehen, um Krisen vorzubeugen und Finanzmärkte zu stabilisieren. Dabei sind sie unvermeidbar, wenn man die Flucht der Sparer verhindern will. Fallen Bargeld und Gold als Ausweichmöglichkeiten weg, muss nur noch die Flucht in ausländische Währungen abgewendet werden, um die Sparer unter Kontrolle zu bekommen.


Monetarisierung der Schulden: Sind Ausweichreaktionen unter Kontrolle gebracht, kann man sich auf die weitere Manipulation konzentrieren. Da ist zunächst die schon länger diskutierte „Monetarisierung“ der Schulden. Gemeint ist, dass die Notenbanken die aufgekauften Schulden von Staaten und Privaten einfach annullieren. Sie könnten sie auch einfach für hundert Jahre zins- und tilgungsfrei stellen, was ökonomisch auf das Gleiche hinausliefe. Beobachter gehen davon aus, dass eine solche Maßnahme, so sie denn einmalig bliebe, keine Gefährdung für den Geldwert darstellte. Was wirklich passiert, wird man sehen. In Japan, das uns auf dem Weg der Monetarisierung einige Jahre voraus ist, dürfte es schon in wenigen Jahren dazu kommen.

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