Stelter strategisch

Margin Call für die Weltwirtschaft

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Liquidität ist das Schmiermittel, mit der die Notenbanken die Märkte am laufen halten. Warum das die Kurse treibt und eine fatale Kettenreaktion droht, wenn die ersten ihre Wertpapiere verkaufen müssen.

Droht eine fatale Kettenreaktion durch die versiegenden Geldströme der Notenbanken? Quelle: dpa

Kennen Sie den Film „Margin Call“? Kevin Spacey spielt den Banker, der seine Händler antreibt, demnächst wertlose Wertpapiere noch schnell zu verkaufen, bevor es die anderen tun. Die Geschichte, auf die der Film anspielt, ist der Anfang der Finanzkrise im Jahr 2008. Treffend lief der Film in Deutschland auch unter dem Titel „Der große Crash“.

Heute stehen wir wieder vor einer solchen Situation: Es reicht ein kleiner Anlass, um alle Investoren in Richtung „Exit“ zu bewegen. Wenn alle nur noch verkaufen wollen, geraten die Assetpreise unter Druck und die, die noch nicht verkauft haben, müssen entweder Eigenkapital nachschießen („Margin Call“) oder verkaufen. Der Absturz ist brutal.

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Auslöser für eine solche Kettenreaktion könnten dieses Mal die versiegenden Geldströme sein. Bislang hielt schier unendliche Liquidität die durch Schulden finanzierte Maschine am Laufen. Sich verändernde Geldströme drohen ihr das Schmiermittel zu entziehen.

Mit "Hebel" nach oben

Wir haben an dieser Stelle schon oft vom gigantischen Schuldenberg geschrieben. Zur Erinnerung: die Welt ächzt unter 200 Billionen US-Dollar Schulden, alleine seit 2007 ist der Berg um 50 Billionen gewachsen.

Ein Großteil dieser Schulden ist nicht verwendet worden zur Finanzierung von produktiven Investitionen, sondern zum Ankauf weiterer Assets.

Das funktioniert so: Nehmen wir an, Sie könnten sich eine Aktie zu 100 Euro kaufen, die eine sichere Dividende von 10 Euro pro Jahr bezahlt. (Ja, in der heutigen Zeit undenkbar, aber dazu kommen wir gleich!). Setzen Sie für den Kauf nur Eigenkapital ein, erzielen Sie eine Rendite von 10 Prozent. Attraktiver wäre es, sich 100 Euro von der Bank zu leihen und gleich zwei Aktien zu kaufen. Gibt die Bank sich mit fünf Prozent Zinsen zufrieden, gehen 5 Euro an die Bank und 15 Euro bleiben bei Ihnen. Macht 15 Prozent Rendite. In der Praxis dürfte die Bank noch großzügiger sein und sich mit nur 20 Prozent Eigenkapital zufrieden geben. Sie können sich also zu Ihren 100 Euro noch 400 Euro von der Bank leihen und fünf Aktien kaufen. Von den 50 Euro Dividende gingen dann 20 Euro an die Bank (5 Prozent auf 400) und Ihnen blieben 30 Euro! Eine Rendite von dreißig Prozent auf das eingesetzte Eigenkapital.

An diesen Märkten kracht es
Mit Chinas Aktienmarkt fing alles an: Jahrelang propagierte die Regierung in Peking den Einstieg in Aktien – ganz offiziell in den Staatsmedien. Der kleine Mann sollte an der Börse investieren und den chinesischen Unternehmen zu Kapital verhelfen. Doch mit dem stagnierenden Wirtschaftswachstum kamen Zweifel auf. Die Börsen in Schanghai und Shenzhen brachen innerhalb weniger Wochen drastisch ein. Und das Virus China begann, sich auszubreiten. Quelle: dpa
So zog Chinas Schwäche zum Beispiel auch das deutsche Aktienbarometer nach unten. Viele exportorientierte Dax-Unternehmen, vor allem die Autobauer, haben gelitten. Weil am Donnerstag die USA zusätzlich mit guten Konjunkturdaten aufwarten konnten und die Zinswende damit näher zu rücken scheint, ließ der Leitindex am Freitag weiter Federn. Zum Handelsschluss notierte er gut 300 Punkte tiefer bei 10.124 Punkten. Auf Wochensicht verlor der Dax knapp acht Prozent oder 861 Punkte. Quelle: REUTERS
Die voraussichtlich schlimmste Woche des Jahres für Aktien hat am Freitag auch die Wall Street nicht verschont. Nach enttäuschenden Konjunkturdaten aus China lagen die wichtigsten Indizes in New York zur Eröffnung deutlich im Minus. Der Dow-Jones-Index lag mit 16.815 Punkten ein Prozent im Minus. Der breiter gefasste S&P-500 tendierte mit 2.016 Zählern ebenfalls fast ein Prozent tiefer. Quelle: AP
Nicht nur an den Börsen, auch bei den Währungen ging es zuletzt deutlich bergab. Anfang der Woche gab die chinesische Zentralbank überraschend den Yuan-Wechselkurs frei – woraufhin dieser um mehrere Prozent nach unten rauschte. Auch in den Folgetagen konnte die Regierung den Kurs nur mit Mühe über Devisenverkäufe stabilisieren. Grundsätzlich will Peking daran festhalten, den Referenzkurs für den Wechselkurs nach Angebot und Nachfrage zu bestimmen. Quelle: dpa
Nicht nur der Yuan, auch die Schwellenländerwährungen allgemein haben in dieser Woche stark gelitten. Die türkische Lira, zum Beispiel, erreichte einen historischen Tiefstand nach dem anderen. Der Grund: Investoren ziehen ihr Geld aus den Schwellenländern ab und investieren es eher wieder im Dollar und Euro-Raum. Viele Schwellenländer hängen am Tropf Chinas. Das Vertrauen der Investoren schwindet daher. Quelle: REUTERS
Nach unten ging es diese Woche auch für den Ölpreis. Zuletzt kostete ein Barrel Brent noch 45,90 Dollar, ein Barrell der Sorte WTI noch knapp über 40 Dollar. Experten gehen längst davon aus, dass der Preisverfall weitergeht. Der Grund: Die USA hat durch die Schieferölförderung in nur vier Jahren die eigene Ölproduktion nahezu verdoppelt. Das dadurch steigende Angebot will und kann die Opec auch mittelfristig durch eigene Produktionskürzungen nicht kompensieren. Quelle: dpa
Doch nicht nur der Ölpreis leidet: Auch die Aktien der großen Ölunternehmen Exxon Mobil, Chevron, Royal Dutch Shell und Petrochina sind zuletzt deutlich eingebrochen. Experten warnen Anleger derzeit vor einem Wiedereinstieg. Quelle: dpa
Kasachstan ist der größte Ölexporteur Südostasiens – und leidet ganz besonders unter dem schwachen Ölpreis. Um die Wirtschaft wettbewerbsfähig zu halten, hat der Präsident gerade die Währung, den Tenge, freigegeben. Dieser rutschte daraufhin drastisch ab. Man müsse sich langfristig auf Ölpreise zwischen 30 und 40 Dollar je Barrell einstellen, hieß es aus der Hauptstadt Astana. Quelle: dpa
Wo es überall abwärts geht, muss es auch Profiteure geben. Ungeachtet aller Schwarzmalerei, Gold habe als Krisenwährung und Inflationsschutz ausgedient, ist der Goldpreis zuletzt wieder gestiegen – auf rund 1.150 Dollar je Feinunze. Der Langfristtrend sinkender Goldpreise bleibt aber dennoch intakt. Große Fondsgesellschaften und Vermögensverwalter haben Gold aus ihren Depots geworfen. Quelle: dpa
Die Gemeinschaftswährung hat sich im unsicheren Marktumfeld gut gehalten. Nachdem die Griechenland-Sorgen vorerst ausgestanden scheinen, hat sich der Euro am späten Freitagnachmittag auf einen Kurs von 1,1342 Dollar gemausert. Die Warnungen einiger Investmentbanken, der Euro würde bald gleichauf zum Dollar stehen, haben sich damit bislang nicht bewahrheitet. Quelle: dpa

Nun merken auch andere, was für ein gutes Geschäft das ist und geben sich mit Renditen unter 30 Prozent zufrieden, zahlen also mehr für die Aktie.

Steigt der Kurs auf 140 Euro haben Sie nicht nur einen schönen Kursgewinn erzielt, sondern auch wieder erheblich mehr Eigenkapital. Ihre zur Beleihung zur Verfügung stehende „Margin“ erhöht sich dadurch auf 300 Euro (100 plus 200 Kursgewinn). Zwar ist die Dividendenrendite von 10 auf nur noch 7 Prozent gefallen. Doch liegt sie damit immer noch über dem Zinssatz der Bank. Sie leihen sich weitere 840 Euro und kaufen dazu. Dann haben sie 11 Aktien im Wert von 1540 Euro und Schulden von 1240 Euro. Die Rendite auf ihr Eigenkapital von 300 Euro sinkt zwar auf 16 Prozent, der Gesamtüberschuss  (Dividende minus Zinsen) wächst allerdings von 30 auf 48 Euro. Es lohnt sich, solange mehr Schulden aufzunehmen, wie die Dividendenrendite über dem Zinssatz der Bank liegt. Man spricht vom Hebeleffekt (Leverage).

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