Stelter strategisch

Setze nie auf die Notenbank

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

In den Finanzmärkten gibt es die Regel "Never bet against the Fed" - wette niemals gegen die Notenbanken. Geboren aus der Gewissheit, dass die Notenbanken über unbegrenzte Feuerkraft verfügen. Aber das ist eine Illusion.

Notenbanken verfügen über unbegrenzte Feuerkraft Quelle: dpa

Nicht nur das. Banken, Spekulanten und Investoren konnten sich immer darauf verlassen, dass sie im Zweifel rausgehauen werden. „Greenspan-Put“ hieß dies zunächst, mittlerweile sind wir beim Yellen- und Draghi-Put. Nur so lassen sich angesichts der ungelösten Schuldenkrise und der objektiven Überschuldung von Ländern wie Portugal die rekordtiefen Zinsen erklären.

Die Märkte vertrauen darauf, dass man mit immer mehr und immer billigerem Geld Probleme zwar nicht lösen, aber zumindest unter Kontrolle halten kann.

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Gewissheiten sind praktisch

Solche Gewissheiten zu haben, ist natürlich für alle Marktteilnehmer praktisch. Alleine ihre Existenz reicht, damit der erwartete Effekt eintritt. Kündigt die Fed oder die EZB eine bestimmte Maßnahme an, so reagieren die Märkte sofort entsprechend, bevor mit der Umsetzung überhaupt begonnen wurde. Schön zu beobachten  war das beim Programm des „Quantitative Easing“ der EZB, wo die Effekte – sinkende Zinsen – schon in Erwartung des Programmes eingetreten sind. Im Extremfall muss die Notenbank gar nichts machen, es genügt schon das Versprechen, „whatever it takes“ zu tun, und der Euro ist gerettet.

Damit ist aus Sicht der Investoren heute klar, was zu tun ist: Rein in Aktien und andere riskantere Anlagen, weil diese nicht nur mehr Ertrag versprechen als Anleihen, sondern auch, weil im Falle eines Falles die Notenbanken wieder einspringen werden, um größere Verluste zu verhindern. Offiziell getragen von Sorgen um die Konjunktur, faktisch wohl eher aus Sorge um die Vermögenspreise. Wer da nicht mitmacht, ist selber Schuld.

Allerdings ist das mit den Gewissheiten so eine Sache. Schauen wir nach China. In nur sieben Jahren haben sich dort die Schulden von sieben auf rund 28 Billionen US-Dollar vervierfacht. Im selben Zeitraum wuchs die Wirtschaft um fünf Billionen. Die Fehlinvestitionen in Anlagenkapazitäten und leerstehende Immobilien seit 2009 werden auf atemberaubende 6,8 Billionen US-Dollar geschätzt.

Unsere Aufmerksamkeit wird von Griechenland absorbiert. Aber die chinesische Wirtschaft ist vierzigmal so groß wie die griechische und hat siebzigmal so viele Schulden. Sollte es zu einer Schuldenkrise in China kommen, so wären die weltweiten Auswirkungen massiv. Weder die Finanzmärkte, noch die Realwirtschaft kämen ohne deutliche Blessuren davon.

Notenbanken rund um den Globus lockern ihre Geldpolitik

Von Sorge an den Finanzmärkten ist dennoch keine Spur. Denn es gibt auch hier eine Gewissheit. Die Gewissheit, dass die chinesische Regierung über erhebliche finanzielle Reserven verfügt und zudem die Wirtschaft viel besser steuert, als wir das im Westen tun. Was die Notenbank für uns, ist der Staat für China. Ein Garant dafür, dass es nie schief geht, egal wie schlimm es in Wahrheit aussieht.

In der Tat kann China denselben Weg beschreiten wie wir und tut es auch: billiges Geld und noch mehr Schulden, Änderung der Bilanzierungsregeln, damit Banken keine Abschreibungen vornehmen müssen und staatliche Konjunkturprogramme. Außerdem kann China natürlich noch die eigene Währung abwerten, wie das Japan so schön vorexerziert.

Betrachtet man allerdings die Entwicklungen der letzten Monate in China, so sind zumindest Zweifel an der Allmacht der chinesischen Führung angebracht. Hatte man zunächst einen Aktienboom befördert mit der Absicht, Unternehmen und Banken einen Weg zu eröffnen, die Eigenkapitalbasis zu stärken, so ist dieser nun außer Kontrolle geraten. Zunächst nach oben, dann - getrieben von der historisch nur in der Größe einmaligen Spekulation auf Kredit –umso schneller nach unten. Es ergeht der chinesischen Führung wie dem Zauberlehrling von Goethe: Sie wird die Geister, die sie rief, so leicht nicht wieder los.

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