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Stelter strategisch

Japans Endspiel – aber mit welchem Ende?

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Wo soll das Wachstum herkommen?

Nehmen wir an, die Bank of Japan schreibt die Forderungen gegen den Staat ab. Was wären die Folgen? Niemand weiß es mit Gewissheit, da es sich um ökonomisches Neuland handelt.

Stellen wir uns Japan nach einem Schuldenschnitt von 50 Prozent vor: eine überalterte Gesellschaft mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung und Staatsschulden auf dem Niveau von Italien. Würde das Land wirklich anders dastehen als heute?

Nur in dem Sinne, dass Staat und Notenbank weitermachen können wie bisher. Staatsfinanzierte Konjunktur- und Sozialprogramme könnten noch großzügiger vorgenommen werden, sind die Schulden doch wieder etwas tiefer. Die privaten Haushalte würden immer mehr ihre Ersparnisse angreifen, um den laufenden Lebensunterhalt zu finanzieren, die Unternehmen wären weiterhin Nettosparer, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen mit ihren Gewinnen.

Die Gewinne der Unternehmen wären sogar noch höher, sollte der Yen im Zuge der Abschreibung der Staatsschulden an Wert verlieren. Doch auch ein schwacher Yen ist keine ausgemachte Sache; schließlich wäre Japan nach dem Schuldenschnitt über die Bilanz der Bank of Japan ein noch attraktiveres Land zur Anlage von Geld. Es könnte also wirklich sein, dass die Optimisten wie der ehemalige Chef der britischen Finanzaufsicht, Adair Turner, recht behalten: es passiert gar nichts nach einem solchen Schritt. Die Schulden sind weg, und keinem tut es weh. Inflation entsteht auch keine.

An der Misere Japans änderte sich aber auch nichts. Das wiederum könnte dann schon weltweite Konsequenzen haben. Schlagartig würde nämlich klar, dass die Notenbanken die Stagnation nicht überwinden können. Sie können zwar faule Staats- und Bankschulden monetarisieren, jedoch keine Produktivitätszuwächse und steigende Bevölkerungszahlen herbeizwingen. In der Folge dürften die Aktienmärkte kräftig unter Druck kommen.

Wie schon bisher, werden die Kritiker aus dem Westen festhalten, dass der mangelnde Erfolg daran liegt, dass Japan zu spät und zu wenig aggressiv gehandelt hat. Es müssten halt mehr Schulden annulliert werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Schreibt die Bank of Japan zum Beispiel 75 Prozent der Staatschulden ab, erreicht Japan einen besseren Schuldenstand als Deutschland. Doch auch das ändert nichts an der grundlegenden Problematik: Wo soll das Wachstum herkommen? Eine Erkenntnis, die auch wir in den kommenden Jahren schmerzlich machen werden.

Bleibt nur der Weg der massiven Vertrauensvernichtung in Geld. Nicht nur die Abschreibung der alten Schulden, sondern eine offene und unbegrenzte Finanzierung der deutlich ausgeweiteten Staatsdefizite sind dazu erforderlich. Spätestens dann ruft jemand „Feuer“, und die Politiker bekommen einen kurzfristigen Boom und die Entwertung aller Schulden. Doch was dann? Höhere Wachstumsraten und Inflation sind nach dem danach zwingend erforderlichen monetären Neustart auch nicht zu erwarten. Im Gegenteil – müssten doch die privaten Haushalte die Folgen der Vermögensvernichtung erst mal verdauen.

Damit wird deutlich: Helikopter-Geld und Monetarisierung von Staatsschulden funktionieren nur, wenn sie zu deutlicher Inflation führen, und selbst dann ist nachhaltiges Wirtschaftswachstum keine logische Folge. Wir überfrachten die Notenbanken mit falschen Erwartungen; nicht sie können unsere Probleme lösen, sondern nur die Politik.

Was heißt das für Anleger? Auf den ersten Blick vielleicht paradox, bedeutet es, dass japanische Staatsanleihen gar kein so schlechtes Investment sind. Denn wo Inflation nicht droht oder erst nach extremsten Interventionen denkbar ist, unterliegen die Schuldtitel Japans keinem Ausfallrisiko und haben immer einen Käufer: die Notenbank.

Kaufen würde ich sie dennoch nicht. Denn auch hier gilt: was nicht ewig gut gehen kann, wird auch nicht ewig gut gehen.

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