Stelter strategisch

Zeit für die Minimierung des maximalen Risikos

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Der harmlos erscheinende Börsensommer trügt: Die Probleme der Investoren sind nicht kleiner, sondern größer geworden. Der finale Margin Call steht uns noch bevor. Zeit, Risiken abzubauen - in allen Märkten.

Broker beim Flash-Crash Quelle: dpa

Willkommen zurück aus den Sommerferien. Viel verpasst haben wir als Anleger eigentlich nicht. Die Zinsen sind weiter tief, der Aufwärtstrend an den Börsen noch intakt, vor allem in den USA konnten wir neue Höchststände feiern. Gold hält sich wacker, der Euro auch. Die italienischen Banken sind immer noch nicht gerettet, und wie es um die anderen Banken im Euroraum steht, kann man nur vermuten.

Glaubt man der Studie des ZEW, geht es unseren Banken weniger gut, als uns die EZB und die Politiker weismachen wollen. Nicht verwunderlich, ist doch das zugrundeliegende Problem der Überschuldung auch in der sommerlichen Hitze nicht weggeschmolzen. Wenig tröstlich, dass die Politiker in Brüssel sich lieber mit der undurchsichtigen Vergabe von Lizenzen für die Stabilimenti – die privaten Badeanlagen – an italienischen Stränden beschäftigen und ansonsten an der Politik der unumkehrbaren Einigung Europas und der Abschaffung von Grenzen festhalten, Brexit hin oder her.

Angesichts dieser kaum veränderten Lage wäre es durchaus verführerisch, weiter im Sommermodus zu verharren und nichts zu tun. Der wieder etwas nüchternere Blick des Alltags zeigt uns jedoch, dass unsere Probleme als Investoren nicht kleiner, sondern größer geworden sind.

Immer mehr Anleihen notieren mit negativem Zins. Nach letzten Schätzungen immerhin weltweit Anleihen im Volumen von 13,4 Billionen US-Dollar. Wer kauft diese Anleihen? Zunächst jene, die es müssen und die es nicht mit ihrem eigenen Geld tun, also Pensionskassen und Lebensversicherungen. Dabei versuchen sie natürlich negative Zinsen zu vermeiden und scheuen nicht davor zurück, Anleihen von Ländern wie Irland und Belgien mit hundertjähriger Laufzeit zu kaufen, wie hier schon deutlich kritisiert.

Andere bezahlen dem deutschen Staat lieber Geld für die Aufbewahrung der Ersparnisse, als es dem Bail-in Risiko bei der Bank auszusetzen. Sparer aus den Krisenländern hoffen, das Risiko eines Austritts des eigenen Landes aus dem Euro abzufedern, indem sie Forderungen gegen den deutschen Staat erwerben.

Ein weiteres Motiv ist die Furcht, dass die Wirtschaft wieder zurück in Rezession und Deflation fällt. Wenn wir in der westlichen Welt weiter in das japanische Szenario abgleiten, sind Staatsanleihen in der Tat noch immer ein Kauf. Die Gründe für die Flucht in die vermeintliche Sicherheit sind also vielfältig.

Fest steht jedoch: Niemand kauft diese Anleihen mit dem Ziel, einen laufenden Ertrag zu erzielen.

Die Mehrzahl der Käufer dürfte darauf spekulieren, dass die Zinsen noch weiter fallen. Sie hoffen auf den nächsten Käufer, der noch negativere Zinsen akzeptiert, im Zweifel eben die EZB. Damit ändert sich der Charakter des Anleihenmarktes fundamental. Investoren, die am laufenden Ertrag interessiert sind, handeln wenig. Investoren, die auf Kursgewinne angewiesen sind, ziehen rasch die Notbremse wenn der Trend kippt.

Sollten die Kursgewinne ausbleiben, könnte es zu einer drastischen Umkehr an den Märkten kommen. Schon die kleinen Korrekturen in den letzten Monaten haben zu deutlichen Verlusten geführt, die allerdings nur vorübergehend waren. Dies muss jedem klar sein, der in dem Markt mitspielt. Es geht nur solange gut, wie die meisten daran glauben, dass es gut geht.

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