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Strategie von Stiftungen Ausweg aus dem Anlagedilemma

Die Rekordniedrigzinsen der EZB kommen für viele Stiftungen zur Unzeit. Viele hochverzinste Altanleihen laufen aus, Neuanlagen mit ähnlichen Renditeaussichten sind entweder unmöglich oder hochriskant. Was nun? Es ist höchste Zeit, die eigene Anlagestrategie zu überdenken! Ein Gastbeitrag.

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Besonders die kleinen Stiftungen leiden unter der Niedrigzinsphase. Sie müssen weg von der konservativen Geldanlage. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms

Die Phase der Niedrigzinspolitik erlebt einen neuen Höhepunkt. Vor wenigen Tagen hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen auf neues Rekord-Niedrigniveau gesenkt. Was die Unternehmen und die Konjunktur auf der einen Seite freut, schadet auf der anderen Seite ungemein: Lebensversicherer, Pensionskassen und insbesondere auch Stiftungen sind die großen Verlierer der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank! Denn auf der einen Seite ist eines ihrer Kernziele, das Stifterkapital zu erhalten. Auf der anderen Seite steht jedoch als zweites großes Ziel das Mehren des Stiftungsvermögens. Und hier befinden wir uns im Zentrum eines immensen Dilemmas: Positive Erträge sind angesichts der Dauerniedrigzinsen mit klassischen Anlageformen nicht mehr zu erzielen. Ein Stiftungsmanager, der heutzutage versucht, positive Erträge ohne Risiko zu erzielen, erreicht genau das Gegenteil. Er erwirtschaftet Renditen unterhalb der Inflationsschwelle und sorgt damit für ein Abschmelzen des Stiftungskapitals.

Anja Welz, Vorstand der Laureus AG Privat Finanz, der Private Banking Tochter der Sparda-Bank West eG. Quelle: Presse

Der erneute Dreh an der Zinsschraube hat das Problem noch einmal verschärft und er kommt zur Unzeit: Aktuell sind in vielen Stiftungsvermögen hochverzinste Anleihen älteren Datums am Ende ihres Investitionszyklus angekommen. Das Kapital wird in den kommenden Monaten zurückfließen und soll neu angelegt werden. Die aktuellen Renditen von vermeintlich "sicheren" Anleihen liegen jedoch deutlich unter der Inflationsrate. Damit wird es schwer, das Stiftungskapital dauerhaft zu erhalten und darüber hinaus zur Erfüllung des Stiftungszwecks Erträge auszuschütten. Wie können die Stiftungen und deren Assetmanager auf diese Situation reagieren? Auf der einen Seite sollen Risiken gerade bei Stiftungen vermieden werden, auf der anderen Seite sinken die Renditen im Rekordtempo. Gibt es einen Weg aus dem Anlagenotstand? Das ist für Vermögensverwalter von Stiftungskapital die drängendste Frage.

Deutschlands größte Stiftungsunternehmen
Bertelsmann Quelle: dpa
ThyssenKrupp Quelle: dapd
Bosch Quelle: dpa
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Carl-Zeiss Quelle: dpa
Schott Quelle: dpa

Die Antwort auf die aktuelle Herausforderung ist einfach, aber dennoch scheuen viele Stiftungsvorstände davor zurück: Es müssen neue Anlagestrategien entwickelt werden, weil die alten Modelle in der aktuellen Marktphase nicht mehr funktionieren.

Ohne Frage erkennen viele Stiftungsvorstände, dass die reine Rentenanlage auf Dauer weder sicher noch ertragreich sein kann. Dennoch scheuen sie die Beimischung von Aktien- oder Sachwertanlagen. Dies hat ganz reale Hintergründe: Der Stiftungsvorstand haftet bei der Realisierung von Verlusten, sofern er grob fahrlässig gehandelt hat. Viele Vorstände halten sich aus diesem Grund lieber zurück und wählen im Zweifel lieber ausschließlich vermeintlich sichere Anlagen aus.

Dabei könnten sie problemlos anders investieren: Aktien, Aktienfonds oder Sachwerte sind für Stiftungen durchaus nicht per se tabu. Es gibt keine konkrete gesetzliche Vorgabe, wie hoch der Aktienanteil einer Stiftung sein darf beziehungsweise, dass er bei Null liegen muss. In den Stiftungsgesetzen der Bundesländer ist nur vorgegeben, dass "das Stiftungsvermögen erhalten bleiben muss". Hier bleibt unklar, ob es sich bei dieser Vorgabe lediglich um den nominalen oder den realen Kapitalerhalt handeln muss.

Höchste Zeit umzuschwenken

Deutsche Anleger bangen um ihr Geld
Wie sehen die deutschen Anleger die Euro-Krise? Worauf setzen sie bei der Altersvorsorge? Zum dritten Mal führte das Gothaer Asset Management in Zusammenarbeit mit der GfK Marktforschung eine repräsentativen Studie durch, die das Anlageverhalten der Deutschen beleuchten sollte. Die Ergebnisse sind zum Teil widersprüchlich. Was wollen die Anleger? Quelle: dpa
Wovor fürchten sich die Anleger am meisten? Die Studie zeigt: Fast die Hälfte (47,3 Prozent) der Bundesbürger sieht die steigende Inflation als größtes Problem an. 34,5 Prozent haben Sorge, dass sie ihren Lebensstandard nicht halten können. Ein Auseinanderbrechen der Währungsunion befürchten lediglich 18 Prozent. Quelle: dpa
Die Sicherheit ihrer Geldanlage hat für die Deutschen nach wie vor höchste Priorität. Für 60,3 Prozent der Befragten ist dieser Aspekt entscheidend, das sind ungefähr genauso viele wie im Vorjahr. Eine möglichst hohe Rendite spielt dagegen nur für 11,4 Prozent der Bürger eine vorrangige Rolle. Quelle: dpa
Laut Umfrage war die Risikobereitschaft der Deutschen noch nie so gering wie heute. Auf die Frage, ob sie bereit seien, bei der Geldanlage ein höheres Risiko einzugehen als früher, antworteten 93,4 Prozent der Befragten mit Nein. Quelle: dpa
Trotz minimaler Zinsen bleibt das Sparbuch mit einem Anteil von 42,4 Prozent die liebste Anlageform der Deutschen. Rund 30 Prozent legen ihr Vermögen überhaupt nicht an. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Ein Risiko will kaum jemand eingehen. Fonds (8,8 Prozent) und Einzelaktien (4,8 Prozent) liegen abgeschlagen auf den hinteren Rängen. Das ist angesichts der wachsenden Furcht vor der Geldentwertung umso überraschender. Quelle: dpa
Auch eine Geldanlage außerhalb Europas ist für die meisten (88,9 Prozent) kein Thema, daran ändert auch die Krise offenbar nichts. Dabei raten Experten stets dazu, das Geld bei der Anlage möglichst breit zu streuen. Quelle: dpa

Aus dieser Vorgabe interpretieren viele Banken und Anlageberatern fälschlicherweise, dass eine Stiftung ihr Kapital mündelsicher anlegen muss, dass es gesetzliche Begrenzungen für eine Aktienquote gibt und dass bestimmte Anlageklassen als Investitionsobjekte gänzlich ausgeschlossen sind.

Konsequenz: Die Anlageprofis scheuen das offene Gespräch mit den Entscheidern der Stiftung. Sie bleiben aus Unwissenheit oder Vorsichtsgründen bei ihren herkömmlichen Empfehlungen mit der Folge, dass Stifter und Stiftungsvorstände heute häufig sehr unzufrieden mit der Performance des Stiftungsportfolio sind und letztlich auch reale Vermögenseinbußen hinnehmen müssen. Die geplanten Ausschüttungen an den gewählten Stiftungszweck bleiben aus und das Ziel, zum Beispiel den Bau eines Kinderheims zu unterstützen, kann nicht erfüllt werden.

Die größten Stiftungen in Deutschland

Dies ist vor allem ein Problem von kleinen Stiftungsvermögen, denn häufig werden sie nicht von professionellen Stiftungsberatern betreut, sondern von Anlageberatern, die sich ansonsten um das Privatvermögen "normaler" Kunden kümmern. Die Besonderheiten einer Stiftung sind hier in einigen Fällen gar nicht bekannt. Es gibt zwar mittlerweile in Deutschland knapp 20.000 private Stiftungen. Aber nur wenige Banken haben sich dem Thema bereits näher gewidmet und sich auf die Bedürfnisse der Stiftungen spezialisiert und weisen die erforderliche Erfahrung und Kompetenz auf.

Fragen und Antworten zum EZB-Zinsentscheid

Jetzt fordert diese Indifferenz ihren Tribut. Aus dem Sicherheits-Rendite-Dilemma kann man sich nur mit Hilfe professioneller Unterstützung und einem individuell angepassten Anlagekonzept befreien. Stiftungen können in gewissen Umfang Risiken tragen, weil sie einen sehr langfristen Anlagehorizont haben. Damit sind grundsätzlich auch Aktien, Aktienfonds, Mittelstandsanleihen, Rentenanlagen aus Schwellenländern, Immobilienanlagen oder selbst risikoreichere Anlagen kein Problem - sofern es sich um eine vertretbare Beimischung handelt. Die Risiken sollten möglichst breit gestreut werden. Hierbei ist besonders zu beachten, das Anlageformen gewählt werden, die eine regelmäßige Ausschüttung bieten, dividendenstarke Aktien beispielsweise. Die Ausschüttungen dienen einerseits der Erfüllung des Stiftungszwecks, andererseits haben dividendenstarke Aktienwerte in der Vergangenheit bewiesen, dass sie auf lange Sicht schwankungsärmer sind als andere Aktien.

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Stiftungen und risikobehaftete Anlagen schließen sich also per se nicht aus - im Gegenteil. Mit einem breiten Anlagemix lassen sich auch in der Niedrigzinsphase ausschüttungsfähige Erträge generieren. Gleichzeitig ist professionelle Beratung heute mehr gefragt denn je. Das A und O liegt dabei in einer kompetenten Beratung der Entscheidungsgremien. Der Stiftungsberater muss genauestens prüfen, inwieweit die Anlagen für die Stiftung geeignet sind und die Entscheider über die Funktionsweise der Anlagen, deren Kosten, Chancen und vor allem Risiken umfassend aufklären.

Stiftungsvorstände sollten somit stets nur Anlageformen wählen, die sie selbst nachvollziehen und verstehen können. Für dieses notwendige Umschwenken ist es jetzt höchste Zeit: Ein Aussitzen der Niedrigzinsphase ist inzwischen auch für andere institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen keine Option mehr.

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