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Tages- und Festgeld Die Zinsen sind zurück! Doch es gibt Haken

Die ersten Tagesgeldkonten werfen wieder Zinsen ab - doch es lohnt ein Blick ins Kleingedruckte Quelle: Getty Images

Mit einem Prozent Zins auf Tagesgeld lockt die ING Diba derzeit, sowohl für Alt- als auch Neukunden. Stolze zwei Prozent gibt es bei einer Hamburger Privatbank. Doch die Angebote haben Haken.

Sparer sollten sich die 72er-Regel merken. Die hilft ihnen, in diesen verrückten Niedrigzinszeiten Orientierung zu behalten. Dank ihr kann man ausrechnen, wie schnell sich eine Investition bei einem bestimmten Zins verdoppelt. Dazu teilt man einfach 72 durch den Zins. Bei zwei Prozent Zins dauert es also 36 Jahre. Bei einem Prozent 72 Jahre. Und bei 0,1 Prozent 720 Jahre. Stimmt nicht exakt. Aber die Näherungswerte reichen völlig aus, um unsere verrückte Zinswelt zu begreifen.

Beispiel: Hamburger Sparkasse. Das dortige Sparbuch (Haspa StandardSparen) wirft derzeit 0,03 Prozent Zinsen ab. Und der Zinssatz hat noch ein Sternchen. Sprich: Es gibt ihn nur begrenzt, auf maximal 100.000 Euro. Darüber gibt es nur 0,01 Prozent Zins. Selbst beim Basiszins würde es über 2300 Jahre dauern, bis sich das Vermögen verdoppelt hätte. Von der Abgeltungsteuer und der gleichzeitig auflaufenden Geldentwertung wollen wir gar nicht sprechen.

Doch jetzt wird alles besser, so scheint es. So wirbt die ING Diba derzeit „Spardosen, nehmt Euch in Acht“. Ihr aktuelles Angebot: Ein Prozent Zins auf Tagesgeld. Die Regeln dafür erklärt sie unter der Überschrift: „So gibt's die tollen Zinsen.“ Soweit hat es die Niedrigzinspolitik der EZB also schon gebracht, dass ein Zinssatz von einem Prozent „toll“ ist.

Das Angebot, mit dem die Bank auf ihre Umbenennung von ING Diba in nur noch ING hinweisen will, gilt für maximal 50.000 Euro. Die müssen im Zeitraum 6. bis 21. November neu bei der Bank angelegt werden, und zwar auf einem Tagesgeldkonto, hier Extra-Konto genannt. Immerhin können auch Bestandskunden profitieren, wenn sie weiteres Geld einzahlen. Mit einem Prozent verzinst wird das Geld dann vom 23. November an, für vier Monate. Ja, vier Monate – und keinen Tag mehr. Danach gilt wieder der variable Basiszins des Extra-Kontos, derzeit 0,01 Prozent. Das heißt also, dass Sparer mit diesem Angebot maximal knapp 170 Euro Zinsertrag in vier Monaten kassieren können. Und das eben auch nur, wenn sie 50.000 Euro neu bei der ING Diba anlegen. Bleibt es im Anschluss bei nur 0,01 Prozent Zins und lässt jemand das eingezahlte Geld bei der ING Diba liegen, läge der Zins über die nächsten 12 Monate betrachtet nur bei gut 0,3 Prozent. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es damit gut 200 Jahre dauern würde, den Einsatz zu verdoppeln. Toll?

Nicht ein, sondern sogar zwei Prozent Zins verspricht die Hamburger Privatbank Donner & Reuschel, die zum Finanz- und Versicherungskonzern Signal Iduna gehört. Sie hat ihre „Null-Zins-Alternative“ jüngst bis Ende Januar verlängert und will damit ihr 220-jähriges Bestehen feiern. Doch, soviel vorweg, das Angebot ist nur für gut Betuchte und nicht auf Festzins-Anlage ausgerichtete Kunden gedacht. Denn die zwei Prozent Zins gibt es nur, wenn Kunden mindestens 500.000 Euro mitbringen - Geld, das in den vergangenen zwölf Monaten nicht schon bei Donner & Reuschel verwahrt wurde. Wenigstens die halbe Anlegesumme müssen Kunden von der Donner & Reuschel Vermögensverwaltung investieren lassen, in deren „Vermögensmanagement-Lösungen“.

Dieser Teil der Anlage würde also nicht zum festen Zins, sondern chancen-, aber eben auch risikoreicher investiert. Prognoseunabhängig, regelbasiert, in verschiedenen Anlageklassen – so wirbt die Bank dafür. Diese Vermögensverwaltung gibt es nicht zum Nulltarif. Laut Branchenmagazin „Private Banker“ liegt der Standardgebührensatz in der Vermögensverwaltung von Donner & Reuschel bei 1,3 Prozent, zuzüglich Mehrwertsteuer (All-In-Fee). So betrachtet wäre der Lockzins von zwei Prozent für zwölf Monate vor allem ein Werbeinstrument für die eigene Vermögensverwaltung. Ach ja, auf die Gesamtsumme von wenigstens 500.000 Euro betrachtet (und ohne Kosten und Erträge aus der Vermögensverwaltung) würde das Angebot dann einem Prozent Zins entsprechen. Die Anlage würde sich - so gerechnet - in rund 72 Jahren verdoppeln (mathematisch exakt 69,7). Ob das wirklich ein überzeugendes Argument für den Wechsel zu Vermögensverwaltung ist? Wohl nur, wenn der im Einzelfall ohnehin sinnvoll ist.

Donner & Reuschel freut sich dennoch nach eigenen Angaben über großes Interesse. Und auch das Angebot der ING Diba soll laut Finanzberatern derzeit einen Nerv treffen. Vor allem angesichts der unsicheren Börsenlage freuen sich viele Sparer über einen sicheren Geldparkplatz - und sei es auch nur für vier Monate.  Soweit hat es die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank schon gebracht. Wer die 72er-Regel kennt, behält dabei aber einen kühlen Kopf.

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