Verkehrte (Finanz-)Welt
Klemens Höppner, CFA, ist Mitglied der CFA Society Germany und International Partner des Conscious Business Institute, LLC. Quelle: Presse

Die Finanzwelt muss die Sinnfrage stellen

Gesellschaftliche Verantwortung wird in der Finanzbranche zwar immer wichtiger, ist aber längst nicht überall Realität. Eine stärkere Beteiligung der Mitarbeiter könnte Abhilfe schaffen.

In den vergangenen Monaten wurde der Ruf am Kapitalmarkt stetig lauter, wonach Unternehmen stärker gesellschaftliche Verantwortung übernehmen sollten. So sorgte beispielsweise Blackrock-CEO Larry Fink im Januar in seinem jährlichen Schreiben an die Vorstände der Unternehmen, in denen Black Rock investiert ist, für Schlagzeilen. Seine Forderung: Firmen sollten „all ihren Stakeholdern nutzen“, also „Aktionären, Mitarbeitern und den Gesellschaften, in denen sie tätig sind.“ Die Gesellschaft verlange, dass sowohl öffentliche als auch private Unternehmen einem gesellschaftlichen Sinn dienen.

Machtkonzentration geht mit gesellschaftlichen Pflichten einher

Ähnlich formulierte es bereits im vergangenen Jahr die vom CFA Institute beauftragte Studie „Future State of the Investment Profession“: Danach sollten Investoren und andere Kapitalmarktteilnehmer ihre Arbeit wieder an einem größeren Sinn ausrichten und Kapital zur Unterstützung von gesellschaftlichem Wert und Wohlbefinden nutzen. Viele Erhebungen belegen, dass insbesondere Millennials einen solchen Unternehmenssinn fordern, der jenseits von Profitstreben liegt und so diverse Gruppen wie Arbeitnehmer, Kunden und weitere Mitglieder der Gesellschaft einbezieht. Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Unternehmen sind schließlich in die Gesellschaft und in die Ökosysteme der Natur eingebunden. Sie sollten deshalb auch sinnvoll dazu beitragen.

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In diesem Kontext kommt der Finanzwelt eine ganz besondere Bedeutung zu, da Geld inzwischen in all unseren Lebensbereichen – von der Bildung, Lebensmittelproduktion, Energie oder Gesundheit, bis hin zum Klimawandel – eine entscheidende Rolle spielt. Mit der gefühlten, zunehmenden Konzentration von (Finanz-)Macht in den Händen immer weniger Menschen kommt diesen eine zunehmende Verantwortung zu: Je mehr Macht eine Institution oder Person hat, desto stärker ist sie in der Pflicht, ihren Beitrag zum Gesamtwohl zu leisten. Die Forderungen des weltgrößten Vermögensverwalters Black Rock und des CFA Institutes, der größten Vereinigung von Investment Professionals weltweit, nach einer Ausrichtung am gesellschaftlichen Wohl sind also durchaus nachvollziehbar.

Allerdings stellt dies Organisationen und insbesondere Führungskräfte vor eine Grundfrage, die wir regelmäßig in unserer Beratungsarbeit sehen: Wie richten wir die Organisation am gesellschaftlichen Sinn aus? Die Antwort liegt in einem Paradigmenwechsel im Denken und Handeln! Es geht in erster Linie um eine Verschiebung des Fokus von der kurzfristigen Profitmaximierung zu einer ganzheitlichen Perspektive, zum Denken in Ökosystemen und über langfristige Horizonte. Dies bedeutet, dass die klassische Steuerung über KPIs, also die Erreichung von Kennziffern, ergänzt oder gar ersetzt werden muss.

Die Orientierung an einem gesellschaftlichen Sinn wird so zur Messlatte. Ziele, wie steigende Profite oder höhere Marktanteile werden hinfällig, sobald sie erreicht sind. Ein sinnvoller Beitrag zu etwas Größerem, zum Wohl der Gesellschaft, endet dagegen nie und kann dauerhaft als Orientierung dienen. Gleichzeitig ermöglicht diese Art von Zielorientierung die häufig gewünschte Agilität, die bei einer Fixierung auf bloße (Finanz-)Kennziffern schnell Makulatur ist.

Dabei gilt es, die Stakeholder in den Prozess der Identifikation und Definition des Unternehmenssinns einzubeziehen. Wenn die Mitarbeiter aktiv an der Beschreibung des Unternehmenssinns beteiligt werden, können sie leicht und insbesondere in Zeiten von Krisen und Veränderung auf ihre intrinsische Motivation zurückgreifen und ihre Entscheidungen daran ausrichten. Die häufig geforderte, aber viel zu selten gelebte Teilhabe kann so Realität werden. Tatsächlich können die verschiedenen Abteilungen einen jeweils eigenen Sinn finden, wenn ihnen ein passender Prozess an die Hand gegeben wird.

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