Verkehrte (Finanz-)Welt
Den Deutschen fehlt es an Finanzwissen. Quelle: Fotolia

Finanzbildung – der unterschätzte Renditeturbo

Mit der Geldanlage ist es bei den Deutschen so eine Sache: sie arbeiten und sparen zwar viel, ihre Rendite ist aber trotzdem vergleichsweise gering. Das liegt auch an der fehlenden Finanzbildung.

Seit Jahren wird der deutschen Bevölkerung immer wieder ein unzureichendes Finanzwissen attestiert. Der Diagnose folgen aber kaum Taten. So verwundert es auch nicht, dass Privatanleger aus Deutschland, schaut man sich die Renditen ihrer Kapitalanlagen an, im Vergleich zu den europäischen Nachbarn oft deutlich das Nachsehen haben.

Den schlechten Status quo in puncto Finanzbildung bestätigt auch die jüngste Studie der CFA Society Germany. Danach stufen Finanzexperten das Knowhow der deutschen Bevölkerung, insbesondere mit Blick auf Instrumente und Produkte, als bedenklich gering ein. Die Deutschen sind aber dahingehend keinesfalls unreflektiert, wie eine Erhebung der ING DiBa zeigt. Danach geben 51 Prozent von ihnen zu, dass sie in ihrem bisherigen Leben keine Finanzbildung erhalten haben. 90 Prozent würden hier aber gerne mehr Wissen aufbauen.

Einfache Produkte gefragt

Das heißt natürlich nicht, dass die Anleger hierzulande völlig blauäugig im Finanzmarkt unterwegs sind. Themen und Begrifflichkeiten wie Zinseszins, Inflation und Risikostreuung sind ihnen durchaus geläufig. Gleichwohl scheint das limitierte Wissen aber mit einer starken Tendenz zur Vorsicht zu korrelieren, die sich dann in „einfacheren“ Finanzprodukten wie festverzinslichen Anlagen und Immobilien niederschlägt. Nicht ohne Grund schneiden im Vermögensbarometer der Sparkassengruppe immer wieder Immobilien und Anlagen wie Bausparverträge, Lebensversicherungen und Sparbücher als Favoriten ab. Aktien empfinden nur zehn Prozent der Befragten als gut geeignet zur Vermögensbildung, Investmentfonds nur zwölf Prozent.

Peter Nies, CFA, lic.oec.HSG, ist Mitglied der CFA Society Germany und Geschäftsführer der LPI Anlagewissen GmbH, die auf ihrer Internetseite anlagewissen.com Anlegern kostenfrei Finanzbildung vermittelt. Quelle: Presse

Hohe Risiken werden eingegangen

Unwissen führt jedoch nicht nur zur Vorsicht, sondern auch zu überhöhter Risikobereitschaft. Dies zeigt die große Beliebtheit der geschlossenen Fonds in Deutschland, die im Ausland weit weniger üblich sind. Diese Fonds investieren in den Bereichen Schiffe, Umwelt, Immobilien oder Medien. Sie gelten als hochriskant, weil das Kapital dort sehr langfristig gebunden ist - bei recht bescheidenen Ergebnissen, wie Finanztest schon vor zwei Jahren festgestellt hat. Von 1139 geschlossenen Fonds, die zwischen 1972 und 2014 aufgelegt wurden, erfüllten lediglich sechs Prozent die in Aussicht gestellte Gewinnprognose, ein Viertel blieb darunter, aber noch in der Gewinnzone, mehr als zwei Drittel erzielten insgesamt über die Laufzeit einen Verlust. Im gleichen 42-jährigen Betrachtungszeitraum zeigte der DAX-Index eine durchschnittliche jährliche Wertentwicklung von über zehn Prozent.

Durchschnittliche nominale Renditen des Geldvermögens (2012-2016). Zum Vergrößern bitte anklicken.

Hohe Sparquote, geringe Performance

Anleger im europäischen Ausland lassen ihr Geld meist besser für sich arbeiten. Bei der Rendite auf private Geldvermögen liegt Deutschland im Zeitraum 2012 bis 2016 mit 3,2 Prozent pro Jahr auf dem zweitletzten Platz von elf Euro-Ländern, während die Niederlande und Finnland bei sechs bis acht Prozent liegen. Interessanterweise haben die Deutschen in diesem Zeitraum mit Abstand am meisten aus ihrem Arbeitseinkommen gespart und dadurch per Saldo mit dem Geldvermögenszuwachs der Eurozonen-Länder gut mithalten können.

Die Deutschen scheinen es ganz offensichtlich vorzuziehen, mehr zu arbeiten und zu sparen, während unsere Nachbarn mit höherer Aktienquote ihr Geld besser für sich arbeiten lassen. Die Defizite in der Finanzbildung haben aber nicht nur einen Effekt auf das persönliche Investmentportfolio. In Summe verstärkt das Ganze auch die gesellschaftliche Vermögensungleichheit, wie US-Forscher nachweisen konnten. Danach sind 40 Prozent der ungleichen Vermögensverteilung in den USA auf Unterschiede in der Finanzbildung zurückzuführen.

Überfordert von der Alternativenvielfalt

Den Deutschen fehlt es also grundsätzlich nicht an der Bereitschaft zu sparen. Der Wille, bei der Anlage von Sparbüchern und Tagesgeldkonten abzuweichen und das Geld langfristig rentabler zu investieren, ist jedoch nicht stark genug ausgeprägt. Dabei stehen deutschen Privatanlegern eine große Vielfalt an Anlageinstrumenten zur Verfügung, worunter in ausreichendem Maße auch gute und kostengünstige Produkte zu finden sind. Über das Internet sind zudem Informationen leicht zugänglich und Produkte können einfach und kosteneffizient über Online-Banken erworben werden. Die Vielfalt der Anlagearten und Produkte scheint jedoch so enorm, dass viele Privatanleger ohne ausreichende Finanzbildung den „Wald vor lauter Bäumen“ nicht sehen. Ganz gleich ob Altersarmut oder ungleiche Vermögensverteilung: Der Schlüssel, um diese beiden zentralen gesellschaftlichen  Probleme zu bewältigen, liegt daher klar auch im Auf- und Ausbau des Finanzbildungsniveaus.

„Lassen Sie sich nicht für dumm verkaufen“
1. Gehen Sie bewusst Risiken ein, um kontinuierliche Vermögensverluste zu vermeiden Quelle: dpa
Widerstehen Sie kurzfristigen Gewinnmitnahmen Quelle: dpa
Begrenzen Sie Ihre Verluste Quelle: dpa
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Vermeiden Sie es, auf vermeintlich attraktive Modethemen aufzuspringen Quelle: dpa
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Investieren Sie niemals in todsichere Tipps Quelle: obs

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