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Verkehrte (Finanz-)Welt
Quelle: Getty Images

Initial Coin Offerings – Intransparenz bremst Wachstum

Trotz der teilweise verheerenden Preisentwicklung von Kryptowährungen seit Beginn dieses Jahres erfreuen sich Initial Coin Offerings (ICOs) weiterhin großer Beliebtheit. Vor allem für junge Unternehmen, die frische Mittel für den Auf- oder Ausbau ihres Geschäftsmodells benötigen, ist der innovative Finanzierungskanal reizvoll. Doch wenn der Markt so intransparent bleibt wie bisher, sind dem Wachstum möglicherweise Grenzen gesetzt.

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ICOs versprechen den emittierenden Unternehmen schnellen Zugang zu frischen Mitteln. Dafür geben sie eine eigene Währung („Coins“) heraus, die interessierte Investoren erwerben können. Im Gegenzug erhalten diese beispielsweise Mitbestimmungsrechte, Zugang zu späteren Dienstleistungen und Produkten oder Anteil am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Institutionelle und private Investoren haben in den vergangenen zwei Jahren auf diesem Weg Milliardenbeträge auf den Erfolg neuer Unternehmen gesetzt. Das hört sich nach einer rasanten Erfolgsgeschichte an. Allerdings ist damit auch das Potenzial für Vermögensverluste enorm gestiegen. Das Problem: ICOs sind viel zu intransparent. Oft wissen Investoren nicht einmal mit Sicherheit, mit wem sie es zu tun haben.

Identität als Ankerpunkt

Die Entscheidung für ein Investment ist immer eine Wette auf die Zukunft. Ob eine Investition tatsächlich sinnvoll gewesen ist, lässt sich immer nur in der Rückschau mit Sicherheit beantworten. Dies gilt sowohl für klassische als auch für innovative Finanzierungswege. Um die Ungewissheit einer Zukunftsprognose zu verringern, ist die mit Abstand wichtigste Währung die Identität der handelnden Personen.

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Nicht von ungefähr kreisen sowohl unsere Regulierungskonzepte als auch unsere Kreditwürdigkeitsprüfungen vor allem um die Feststellung der Identität und die Zuordnung von Handlungen zu dieser Identität. Das erlaubt uns, das vergangene Verhalten von Marktteilnehmern zu analysieren und dies für eine Prognose zu nutzen. Wenn ein Marktteilnehmer entgegen der Prognose handelt und so sein Zukunftsversprechen unerfüllbar macht, verliert er zusätzlich zu seiner wirtschaftlichen Grundlage in der Regel auch seine Glaubwürdigkeit – und damit die Fähigkeit, andere Marktteilnehmer für zukünftige Transaktionen zu gewinnen.

Je mehr ich also über die involvierten Einzelpersonen erfahre, desto leichter fällt es, mein Investment in ein Unternehmen zielgerichtet zu steuern. Für ICO-Investoren ist der Zugang zu diesen entscheidenden Informationen allerdings bisher limitiert. Der Umfang der öffentlich zur Verfügung zu stellenden Daten wird kaum durch rechtliche Vorgaben reguliert, sondern bleibt weitestgehend dem jeweiligen Unternehmen überlassen. Eine laufende Berichterstattung über die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage ist nicht regulatorisch eingefordert – ganz im Gegensatz zu den klassischeren Finanzmärkten. Doch ohne diese Informationen ist eine wirksame Risikoprüfung für Investoren, die sogenannten Due Diligence, nicht möglich.

Einzelne ICOs haben in den letzten 24 Monaten zwei- bis dreistellige Millionenbeträge eingesammelt. Doch eine Vielzahl dieser Projekte erreicht die Schwelle der wirtschaftlichen Tragfähigkeit ihres Modells nicht und scheidet wieder aus dem Markt aus, mit entsprechenden Folgen für die Werthaltigkeit ihrer Token. Eine regelmäßigere Berichterstattung (ob regulatorisch eingefordert oder im Wege der Selbstverpflichtung) gibt Investoren die Gelegenheit, ihre Investitionsentscheidung frühzeitiger zu überprüfen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen. Inwiefern dadurch Vermögensschäden vermieden oder verringert werden können, hängt letztlich von der Existenz und Breite von Zweitmärkten („Kryptobörsen“) ab, welche einen weiteren wesentlichen Faktor bei der Beurteilung von ICOs darstellen sollten.

Der Mensch bleibt bei seinen Vorgehensweisen, unabhängig von der eingesetzten Technologie. Mit ICOs organisieren sich Investoren und junge Unternehmen nur auf einem neuen Medium. Allerdings erfordert ein zukunftsgerichtetes, wirtschaftliches Handeln eine doppelte Abschätzung der Investoren: Einmal mit Bezug auf die handelnden Personen, und einmal mit Bezug auf die Wirtschaftlichkeit der geplanten Investition. Investoren sollten dabei aber nicht vergessen, dass der einfachere Zugang zu einem ICO nicht gleichbedeutend ist mit einer höheren Erfolgswahrscheinlichkeit. Eine eingehende Prüfung des Investitionsziels sollte auch hier die Grundlage bilden. Diese wird erschwert, da die Fristen zwischen Veröffentlichung eines ICOs und dem Abschluss der Finanzierungsrunde (oft sind das nur wenige Wochen) regelmäßig nicht genug Zeit lassen, um eine sinnvolle Prüfung des Vorhabens überhaupt durchzuführen.

Wie Länder gegen Bitcoin & Co. vorgehen
Frankfurter Skyline im Sonnenuntergang Quelle: dpa
SüdkoreaEin ursprünglich angedachtes Verbot des Handel mit Cyber-Währungen und die Schließung aller Handelsplattformen in Südkorea sorgte Mitte Januar für das erste Schlingern im Bitcoin-Kurs. Dem Finanzminister des Landes zufolge sind diese radikalen Schritte aber vom Tisch. Seit Ende Januar dürfen anonym geführte Bankkonten nicht mehr für den Handel mit virtuellen Devisen genutzt werden, die Kontrollen sollen verschärft werden. Quelle: dpa
Finanzdistrikt Shanghai Quelle: dpa
Krypto-Börse Coincheck Quelle: dpa
USADie US-Börsenaufsicht setzte den Handel mit den Aktien mehrerer Firmen, die von dem Hype um Bitcoin & Co. profitieren wollen, nach teilweise vierstelligen prozentualen Kurssprüngen zeitweise aus. Insidern zufolge besteht sie außerdem darauf, dass börsennotierte Fonds (ETFs) nur dann "Blockchain" im Namen tragen dürfen, wenn die Unternehmen, an denen die ETFs Anteile halten, einen signifikanten Anteil ihres Geschäfts mit dieser Technologie machen. Ein US-Bundesrichter stufte Kryptowährungen in einer Entscheidung als Handelsware ein. Damit folgte er der Einstufung durch die Derivateaufsicht CFTC, die Termingeschäfte mit Rohöl, Weizen & Co. kontrolliert. Quelle: dpa
SchweizICOs müssen je nach Verwendungszweck verschiedene Anforderungen erfüllen. Wird das Kapital als Zahlungsmittel eingesetzt, müssen die Gesetze zur Verhinderung von Geldwäsche und Terrorfinanzierung erfüllt werden. Entsprechen die Vermögenswerte Anteilen an Unternehmen, wird das ICO ähnlich wie etwa ein Börsengang behandelt. Quelle: dpa

Wahrscheinlich werden sich daher mit der Zeit einzelne Institutionen oder Marktbeobachter herauskristallisieren, die eine solche Vorprüfung vornehmen und somit die Informations-Asymmetrien dieses Marktsegments verringern. Solch eine Dienstleistung könnte so auch zum Ankerpunkt einer Integration mit den bestehenden Vermögensmärkten werden. Dies gäbe  klassischer geprägten Vermögensberatern und -verwaltern sowie institutionellen Investoren die Möglichkeit, eine spezialisierte Dienstleistung einzukaufen, statt selbst für jeden ICO eine eigene Vorprüfung durchführen zu müssen. Sofern sich hier ein Marktstandard etablierte, hätten solche Intermediäre des Finanzmarktes auch einen Ansatzpunkt, Krypto-Investitionen zu nutzen, ohne dabei ihre treuhänderische Verantwortung für das Vermögen ihrer Kunden zu vernachlässigen.

Der innovative Finanzierungskanal ICO benötigt noch einige weitere Schritte, um für den breiteren Kapitalmarkt ein sinnvolles und regulatorisch nachvollziehbares Instrument zu werden. Unterschiedliche Länder (neben kleineren Jurisdiktionen wie Malta und Gibraltar zum Beispiel auch so wesentliche Finanzzentren wie die Schweiz) haben in den vergangenen Monaten bereits Anstrengungen unternommen, ein klareres Regulierungsumfeld zu schaffen. Für Deutschland steht dies noch aus. Es wäre sinnvoll, eine höhere Transparenz in der Berichterstattung von Emittenten einzufordern und Marktstandards zu etablieren, die einen verlässlichen Rahmen für die Nutzung von Kryptowährungen in der klassischen Vermögensanlage bilden könnten. Das würde die Integration dieses Instruments in die bestehenden Strukturen der Vermögensberatung und -verwaltung deutlich erleichtern.

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