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Verkehrte (Finanz)welt
Ein Mann mit einer Gießkanne in der Hand steckt ein Geldstück in eine Spardose in Form der Erde, alles sieht sehr idyllisch aus (Illustration) Quelle: imago images

Anspruch und Realität: Wie nachhaltig ist die Finanzbranche wirklich?

Kaum ein Tag vergeht, an dem das Thema Nachhaltigkeit nicht für neue Nachrichten sorgt. Hintergrund: Immer mehr Anleger wollen mit ihrer Geldanlage eine ökologische oder soziale Wirkung erzielen. Doch klafft hier möglicherweise eine Lücke zwischen den Ankündigungen und der Praxis?

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Neben den nationalen Aufsichtsbehörden und EU-Regulierern beschäftigen sich mittlerweile auch zahlreiche Branchenvertreter, Verbände und sogar die Europäische Zentralbank (EZB) offen mit Fragestellungen rund um das Thema grüner beziehungsweise nachhaltiger Kapitalanlagen (Sustainable Investing).

Es ist also korrekt, wenn auf sogenannte „Push“- als auch „Pull“-Faktoren verwiesen wird, die die Wachstumsdynamik des Themas befördern: Also einerseits der politische Wille, hier Einfluss zu nehmen. Und andererseits der Wunsch auf der Kundenseite, Gelder nach ESG-Kriterien anzulegen. ESG steht dabei für Umwelt, Soziales und Grundsätze guter Unternehmensführung. Die Beweggründe können indes sehr unterschiedlich sein, von altruistischer Natur bis hin zu rein renditeseitigen Motiven.

Dass diese Nachfrage nicht nur kolportiert, sondern tatsächlich gelebte Wirklichkeit ist, dafür sprechen die Ergebnisse unterschiedlicher, groß angelegter Umfragen. In einer aktuellen Erhebung, für die weltweit 900 institutionelle Investoren, rund 3.500 Privatanleger sowie 2.800 Praktiker aus der Finanzindustrie befragt wurden, hat das CFA Institute herausgefunden, dass länderübergreifend 85 Prozent der Investmentmanager ESG-Kriterien in Anlageentscheidungen einbeziehen. Drei Viertel (76 Prozent) der institutionellen Anleger und 69 Prozent der Privatanleger weltweit (in Deutschland sogar 81 Prozent) zeigen sich derzeit interessiert an ESG-Investments oder sind bereits entsprechend positioniert. Eine aktuelle Umfrage des Vermögensverwalters Blackrock, der rund 150 Milliarden Dollar in dezidiert nachhaltigen Strategien anlegt, legt einen ähnlichen Trend nahe. Danach rücken 86 Prozent der Investoren in Europa das Thema ESG derzeit in den Mittelpunkt ihrer Anlagestrategien.

ESG-Ausbildung

Die in der Einleitung dieses Kolumnenbeitrags aufgeworfene Frage nach einer „ESG-Gap“, einer Lücke von Ist und Soll, bezieht sich daher auf die Frage, wie kompetent diese hohe Nachfrage vonseiten der Industrie saturiert werden kann. Bei der Ausbildung hochqualifizierter Nachhaltigkeitsexperten besteht mithin der höchste Nachholbedarf. Nur jeder zehnte der weltweiten Finanzprofis traut sich ein umfassendes Wissen zum Thema ESG zu, so die Resultate der CFA Institute-Studie. Von einer Million dem Finanzsektor zugeordneter LinkedIn-Profile führten im Schnitt nur 8.000 das Thema „Nachhaltigkeit“ als Kernexpertise auf. Diese Zahl steigt im Moment rapide an. Aber können die Finanzhäuser bei der Personalentwicklung und der Vermittlung dieser Inhalte temposeitig mithalten? Auswertungen deuten darauf hin, dass sich 70 Prozent der Finanzprofis mehr Training seitens ihrer Arbeitgeber zu ESG wünschen.

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    Daten, Daten, Daten

    Die jüngsten Großtrends, die wir in den letzten Jahren in der Finanzbranche erleben durften, waren sicherlich der Siegeszug von Indexfonds und der Aufstieg quantitativer Strategien bis hin zu KI. ESG, so vermuten nicht wenige Marktbeobachter, wird all diese Trends in den Schatten stellen. Ausschlaggebend dafür, wie durchdringend der Erfolg sein wird, dürften die Verfügbarkeit entsprechender Nachhaltigkeitsdaten sowie die globale Harmonisierung von ESG-Standards sein. Alternative Daten jenseits klassischer Preis- und Umsatzdaten werden künftig noch systematischer erfasst und integriert werden. Vermögensverwalter, Finanzanalysten und Anlagerberater müssen lernen, Nachhaltigkeitsdaten auszuwerten und diese im Portfoliomanagement und in Kundengesprächen zu nutzen.


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    Blick nach vorn: Anleger sollten Informationen einfordern

    Der Trend in Richtung nachhaltige Geldanlage und die Frage nach den Auswirkungen auf die Investmentbranche werden durch die Covid-19-Pandemie zusätzlich angetrieben. Die Pandemie hat abermals offengelegt, dass das Finanzsystem durch seine globale Verkettung sehr verwundbar ist. Der übergeordnete Daseinszweck (Purpose) der Finanzindustrie ist es, langfristige Werte für Sparer und Anleger zu schaffen und damit den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand zu heben. Zur Verfolgung dieses Purpose wird die Einbeziehung von Nachhaltigkeit zu einem ganz wesentlichen Aspekt.

    Der Stand der Ausbildung zu dem Thema und die Qualität von Nachhaltigkeitsdaten hinken diesem Anspruch vielerorts noch hinterher oder sind sogar als Basis für Anlageentscheidungen teilweise noch unzureichend.

    Anleger sollten die Emittenten, Verkäufer oder Vermittler nachhaltiger Finanzprodukte daher stets nach deren Erfahrungen mit ESG-Investments fragen und danach, welche Daten, Ratings und Modelle in die finanziellen Entscheidungen einfließen.

    Mehr zum Thema: Bergbau führt oft zu Umweltschäden, in Minen herrschen teils menschenunwürdige Zustände. Doch mit der richtigen Auswahl können auch Mineninvestments nachhaltig sein.

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