Verkehrte (Finanz)welt
Die hohe Inflation, vor allem bei Energiepreisen wie Öl und Gas, belastet die Börse. Quelle: imago images

Birgt die neue Inflationswelt auch Chancen?

Mit 7,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr sind die Verbraucherpreise in der Eurozone im März so stark gestiegen wie nie zuvor. In den kommenden Monaten sollte die Inflationsrate zwar leicht zurückgehen, von Entwarnung kann allerdings keine Rede sein. Bietet dieses Szenario Anlegern auch Chancen?

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Die Teuerungsrate wird sich bis zum Spätsommer knapp oberhalb von 7,0 Prozent bewegen und erst im vierten Quartal erkennbar sinken. Für das Jahresende zeichnet sich ein Wert von etwa 5,0 Prozent ab, im Jahresdurchschnitt ergibt sich ein Anstieg um mehr als 6,0 Prozent, nach 2,6 Prozent im Jahr 2021.

Inflationstreiber Nummer eins bleiben die Energiepreise. Nachdem es bis Anfang des Jahres vor allem die Preise für Gas und Strom waren, die massiv stiegen, legten im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine insbesondere die Preise für Kraftstoffe und Heizöl massiv zu. Im März lagen die Energiepreise 44,7 Prozent höher als im Vorjahr und trugen fast fünf Prozentpunkte zur Inflationsrate bei. Sofern sich die Börsenpreise für Öl, Gas und Strom auf dem aktuellen Niveau einpendeln, sind auf Verbraucherpreisebene keine weiteren Preisrekorde zu erwarten. Verhindert werden diese aber nur durch die massiven staatlichen Eingriffe – Stichworte Kraftstoffrabatt und Energieschecks. In so gut wie allen Euroländern wurden Maßnahmen ergriffen, um den Energiepreisanstieg zu begrenzen: In Frankreich wurden die Preise für Gas und Strom eingefroren, in Spanien und Belgien wurden die Steuern auf Gas und Strom erheblich gesenkt und in Deutschland, Frankreich und Italien werden die Kraftstoffpreise rabattiert.

Rückkehr zu niedrigen Inflationsraten unwahrscheinlich?

Mit derlei Eingriffen gelingt es der Politik zwar, einen weiteren Anstieg der Teuerungsraten zu unterbinden, allerdings nur unter Inkaufnahme eines längerfristig höheren Preisauftriebs. Die zeitliche Befristung der Maßnahmen führt nämlich dazu, dass der Verbraucherpreisindex nach Auslaufen der politischen Maßnahmen wieder nach oben gedrückt wird. Anstatt ab dem Sommer rasch zu sinken, wird die Inflation daher nur sehr zäh zurückgehen.

Abgesehen von den Energiepreisen entwickeln sich mittlerweile auch die Nahrungsmittelpreise zum Inflationstreiber. Trockenheit, Überschwemmungen und massiv gestiegene Kosten für Energie, Futtermittel und Dünger hatten die Preise für Lebensmittel schon vor dem Ukraine-Krieg in die Höhe getrieben. Der Einmarsch Russlands hat zu einem neuerlichen Schub geführt. In der Folge dürften die Verbraucherpreise so stark zulegen wie zuletzt im Jahr 2008, als die Teuerung im Vorjahresvergleich zwischenzeitlich auf Werte zwischen 6,0 und 7,0 Prozent kletterte.

Schließlich zeichnet sich auch bei der Kerninflationsrate – Verbraucherpreisindex ohne Energie, Nahrungs- und Genussmittel – keine Entspannung ab. Gemäß den Einkaufsmanagerumfragen vom März heben so viele Unternehmen ihre Preise an wie noch nie zuvor seit Beginn der Datenerhebung Ende der 1990er bzw. Anfang der 2000er Jahre. Unter anderem deswegen wird die Kerninflationsrate in den kommenden Monaten wohl auf Werte zwischen 3,5 und 4,0 Prozent klettern. Der gegenwärtige Kostendruck dürfte in den nächsten Quartalen zumindest teilweise sinken. Ausgehend von 3,2 Prozent im laufenden Jahr sollte die Kerninflationsrate daher wieder etwas nachgeben, die 2,0-Prozent-Marke jedoch in absehbarer Zeit nicht mehr unterschreiten. Im Jahresdurchschnitt 2023 und 2024 ist ein Anstieg um etwas mehr als 2,0 Prozent zu erwarten.

Man darf sich von dieser Entwicklung aber nicht täuschen lassen. Zum einen ist der außergewöhnlich starke Anstieg in diesem Jahr durch pandemiebedingte Aufholeffekte (Normalisierung der Konsumnachfrage) getrieben. Zum anderen bedeuten Kerninflationsraten von dauerhaft mehr als 2,0 Prozent verglichen mit den zehn Jahren vor Ausbruch der Corona-Pandemie eine neue Inflationswelt. Von 2010 bis 2019 stieg die Kerninflationsrate durchschnittlich nur um 1,1% pro Jahr. Einen wesentlichen Beitrag zum dauerhaften Preisauftrieb dürften spürbar höhere Lohnabschlüsse liefern. Das Lohnwachstum wird in den kommenden Jahren voraussichtlich nachhaltig auf mehr als 3,0% anziehen. Hinzu kommen teils enorme Anstiege bei den Mindestlöhnen. Vor diesem Hintergrund ist ein nachhaltiger Anstieg der Inflationsrate in der Eurozone auf über 2,0% sehr wahrscheinlich. Eine Rückkehr zu niedrigen Teuerungsraten ist dagegen nicht plausibel.

Ausblick: Wie Anleger sich positionieren können

Die EZB wird auf das neue Inflationsregime mit einer merklichen Straffung der Geldpolitik reagieren und wohl noch in diesem Jahr damit beginnen, die Leitzinsen aus dem negativen Bereich anzuheben. Nach zwei Zinsschritten beim Einlagensatz um 25 Basispunkte bis Ende 2022 sollte 2023 eine Reihe weiterer Anhebungen folgen. Das Ziel dürfte sein, mindestens das neutrale Zinsniveau bei knapp 2,0 Prozent zu erreichen. Sollte sich tatsächlich eine Lohn-Preis-Spirale herauskristallisieren, wird die Notenbank nicht umhinkommen, die Zinsen in restriktives Terrain zu führen.
Momentan preisen die Geldterminmärkte in der Eurozone jedoch bei den Leitzinsen nur ein Zielniveau von gut 1,60 Prozent ein. Wir sehen daher noch Aufwärtspotenzial, das sich auch in steigenden Renditen deutscher Bundesanleihen niederschlagen sollte. Die Renditen zehnjähriger deutscher Staatspapiere dürften entsprechend im Jahresverlauf die 1,00-Prozent-Marke überschreiten. Der Aufwärtstrend bei den Bund-Renditen ist somit noch nicht zu Ende.

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Aktieninvestoren sollten sich vor diesem Hintergrund auf diejenigen Segmente fokussieren, die auch in einem Umfeld erhöhter Inflation zuverlässige Gewinne erzielen können. Dazu gehören neben Value-Aktien vor allem Infrastruktur-Aktien. Aufgrund regulatorischer Rahmenbedingungen, Konzessionen und langfristiger Verträge sind die Umsätze der meisten Infrastruktur-Unternehmen an die Inflation gekoppelt. Doch auch wenn keine explizite Koppelung besteht, haben viele Unternehmen eine Quasimonopolstellung, die ihnen eine starke Preissetzungsmacht verleiht.
Ein Dank geht an meinen Kollegen Jörg Angele, dem „besten Konjunkturanalysten der Eurozone“ (Bloomberg Ranking), für seine volkswirtschaftlichen Analysen.

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