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Verkehrte Finanzwelt
Jemand pflanzt eine Pflanze ein. Quelle: imago images

Daran erkennen Anleger echte grüne Investments

Seit Jahren gibt es im Supermarktregal umweltschonende Waschmittel und fair gehandelten Kaffee. Jetzt möchten Privatpersonen auch bei der Geldanlage auf Nachhaltigkeit setzen. Doch das ist gar nicht so einfach.

Seit 2007 wurden über 521 Milliarden US-Dollar durch die Begebung von „grünen Anleihen“ am Kapitalmarkt aufgenommen. Dabei ist Europa stark vertreten: Mit einem Marktanteil von fünf Prozent ist Deutschland gemäß einer Studie der Climate Bonds Initiative auf dem vierten Rang in der Tabelle der Länder, aus denen die nachhaltigen Anleihen stammen, flankiert von Frankreich auf Rang drei sowie Holland auf Rang fünf. Spitzenreiter sind allerdings die USA und China. Dennoch wurden im vergangenen Jahr die meisten Gelder in Euro geliehen – Zeichen einer Verschiebung weg vom US-Dollar, der in den Vorjahren bei der umweltbewussten Geldaufnahme noch präferiert war.

Standards für mehr Transparenz

Staaten, öffentliche Einrichtungen, genauso wie Banken und Unternehmen finanzieren über die sogenannten „grünen Anleihen“ ihre Klimaschutz- und Umweltprojekte. Die Mehrheit der Geldgeber sind professionelle Investoren wie spezielle Fonds oder nachhaltige Portfolios von Versicherungen und Pensionskassen. Deren Manager beschäftigen sich tagtäglich mit umweltfreundlichen oder gemeinnützigen Geldanlagen.

Für private Anleger ist es jedoch schwierig zu beurteilen, ob das investierte Geld auch wirklich für die erhofften guten Zwecke genutzt wird. Denn derzeit gibt es kaum gesetzliche Regelungen für die Klassifizierung bei ökologischen oder sozial verantwortungsvollen Geldanlagen. Private Initiativen und Unternehmen haben Standards für Markttransparenz aufgestellt, um die Qualität der Anleihen zu steigern, Orientierung zu geben und die Transparenz zu verbessern.

Die breiteste Anerkennung im Kapitalmarkt haben heute die (auch in Deutsch verfügbaren) Green Bond Principles der International Capital Markets Association (ICMA) sowie der Climate Bond Standard, welcher durch die zuvor erwähnte Climate Bonds Initiative (CBI) herausgegeben wird. Der Emittent muss bei beiden genau die Projekte oder Anlagevermögen definieren, die umweltfreundliche Eigenschaften erfüllen. Die Vorgaben hierfür sind in beiden Fällen ähnlich und umfassen zum Beispiel erneuerbare Energien, nachhaltiges Wassermanagement oder Reduzierung der Emission von Treibhausgas beim Transport. Sie definieren Standards für die Mittelverwendung, den Prozess bei der Projektauswahl, das Management der Projekte und erfordern eine fortlaufende Berichterstattung an den Anleger. Bei dem Climate Bond Standard ist zusätzlich eine Bestätigung der umweltfreundlichen Mittelverwendung durch ein unabhängiges Prüfungsinstitut gefordert.

Ganzheitlich grün?

Dass sich ein genaues Hinsehen trotz der Richtlinien immer noch lohnt, zeigt die Emission einer umweltfreundlichen Anleihe durch den spanischen Ölkonzern Repsol im Jahr 2017: Die mit der Anleihe zu finanzierenden Projekte konnten die Vorgaben der ICMA Green Bond Principles erfüllen und es wurde zudem eine unabhängige Zertifizierung erstellt. Jedoch gab es auch Kritik, da das Unternehmen im Gesamten auch weiterhin umweltschädliche Raffinerien betreibt und auf fossile Energieträger setzt.

Beim Kauf von Anleihen privatwirtschaftlicher Unternehmen können Anleger somit wählen zwischen Firmen, welche ein ganzheitlich umweltfreundliches Geschäftsmodell verfolgen, oder solchen, die das geliehene Geld lediglich zur Finanzierung einzelner „grüner“ Projekte nutzen.

Daneben ist, abseits aller guten Absichten, bei der Investition selbstverständlich auch weiterhin zu bewerten, ob Zins- und Rückzahlung bei Fälligkeit durch den Schuldner auch wirklich geleistet werden können, beziehungsweise, wie hoch das Ausfallrisiko sein mag.

Deutsche Grün(d)lichkeit

Ein Beispiel für ein Unternehmen, welches seit Jahren schon für seine Klimaschutzaktivitäten von den dafür spezialisierten Zertifizierungsgesellschaften ausgezeichnet wird, ist die Deutsche Bahn. Die Zertifikate werden in der Regel durch das Unternehmen auf der eigenen Internetseite zur Verfügung gestellt. Als sogenannter Daueremittent leiht die Bahn sich regelmäßig durch die Begebung von Anleihen Geld am Kapitalmarkt. Die Wertpapiere können mit einer vergleichsweise kleinen Stückelung von tausend Euro auch von Privatanlegern über Ihre Hausbank erworben werden.

Auf den „grünen“ Trend in der privaten Geldanlage hat auch die Deutsche Börse bereits reagiert. Seit November 2018 bietet die Börse Frankfurt das sogenannte „Green Bond-Segment“ an, in dem Anleihen gebündelt werden, welche die ICMA Green Bond Principles erfüllen. Derzeit werden bereits rund 150 Anleihen in dem Segment aufgeführt, die an verschiedenen europäischen Börsen notiert und in den Handel in Frankfurt einbezogen sind. Viele angebotenen Anleihen sind Privatanlegern allerdings kaum direkt zugänglich, da sie ein Mindestkaufvolumen von 100.000 Euro voraussetzen. Eine Ausnahme ist beispielsweise die Schuldverschreibung des Energieversorgers EnBW, bei dem der Einstieg ab tausend Euro möglich ist. Die Mittel hieraus fließen in Projekte und Investitionen rund um Windkraft, Fotovoltaik und Elektromobilität.

Mit der zunehmenden Nachfrage dürfte allerdings auch das Angebot an Green Bonds schnell steigen. Weiteren Schwung könnte dieses Wachstum noch dadurch erhalten, dass zuletzt auch die Bundesregierung im Februar 2019 das Ziel ausgegeben hat, Deutschland zu einem führenden Standort für nachhaltige Finanzwirtschaft zu entwickeln und zudem beabsichtigt, 2020 eine erste nachhaltige Bundesanleihe zu begeben. Gut möglich also, dass Deutschland im Ranking der „Green Bond-Standorte“ in den kommenden Jahren noch mehr Boden gut machen wird.

Podcast: Money Master

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