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Verkehrte (Finanz)welt
Negativzinsen drohen unser Geld auszuhöhlen Quelle: imago images

Die Zinswelt steht Kopf

Die Negativzinsen erreichen allmählich die Verbraucher. Warum das die tradierte Geldpolitik wirkungslos macht, was das für unser Erspartes bedeutet und wie Politik und Sparer darauf reagieren könnten.

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Eigentlich mag ihn niemand. Christen und Juden haben ihn verboten. Marxisten und Sozialisten wollten ihn abschaffen. Auf dem Zins lastet ein „moralischer Schatten“, wie es der österreichische Kapitaltheoretiker Eugen von Böhm-Bawerk bezeichnet. Doch seien wir ehrlich: Was ist so verwerflich daran, eine Vergütung für die Gewährung eines Kredits zu verlangen? Der Kreditgeber verzichtet schließlich für längere Zeit auf die anderweitige Nutzung seines Geldes und trägt das volle Rückzahlungsrisiko. Genauso wenig ist es verwerflich, dass ein Arbeitnehmer die Auszahlung seines Lohns am Monatsende bevorzugt anstatt einer Zahlung in fünf Jahren, ohne dafür eine Entschädigung (Zins) zu erhalten. Der Zins hat also eine Daseinsberechtigung – nur hat er sich in den vergangenen Jahren verflüchtigt.

Wie kommt es zum Negativzins?

Stark vereinfacht gesagt, bestimmen im Wesentlichen zwei Faktoren die Höhe des Zinses: Die Laufzeit des Kredites und die Bonität des Kreditnehmers. In der Regel steigt der Zins mit der Laufzeit an und sinkt, je solider ein Schuldner ist.

Doch entgegen der in den vergangenen Jahrhunderten geübten Praxis steht die Zinswelt nun Kopf: An den internationalen Anleihenmärkten rentieren derzeit Anleihen mit einem Volumen von mehr als 15.000 Milliarden US-Dollar mit einer negativen Rendite. Dies gilt selbst für sehr lange Laufzeiten wie beispielsweise die 30-jährige Bundesanleihe, die im August 2019 mit -0,11 Prozent Rendite an Investoren verkauft wurde. Wir leben in einer verrückten Welt, in der Anleger Zinsen zahlen müssen, wenn sie ihr Geld verleihen.

Wer lässt sich auf so etwas ein? Das sind vor allem institutionelle Investoren – etwa Rentenkassen und Versicherungen – mit strikten Anlageregeln, die nur einen bestimmten Teil ihrer Anlagen jenseits der als sicher geltenden Staatsanleihen investieren dürfen. Damit kommen wir auch zum Hauptgrund der Negativzinsen: Im Prinzip ist es recht einfach – es ist zu viel Geld im Umlauf und Schuld daran haben nicht nur die Notenbanken mit ihrer ultralockeren Geldpolitik.

Der Zins fungiert als Preis des Geldes und bestimmt sich über das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Und zurzeit übersteigt das Geldvermögen bei weitem die Nachfrage, so dass mittlerweile Aufbewahrungsgebühren verlangt werden können.

Volkwirtschaftlich heißt das S > I, also die privaten Ersparnisse sind größer als die geplanten Investitionen. Und auf beiden Seiten der Gleichung gibt es starke Trends.

Steigende Bevölkerungszahlen und höhere Lebenserwartungen führen zwangsläufig zu einem höheren Altersvorsorgevermögen. Der Trend zur kapitalgedeckten Altersvorsorge (Deutschland ist hier eher die Ausnahme) vergrößert das „Problem“ zunehmend. Hinzu kommt eine Art „Friedensdividende“: Dankenswerterweise leben wir in der westlichen Welt seit fast 75 Jahren ohne größere kriegerische Auseinandersetzungen, in Folge derer in der Regel Vermögenswerte vernichtet werden.

Auf der anderen Seite sind das Wachstum der Weltwirtschaft und damit auch das der Investitionen seit der Finanzkrise deutlich hinter dem der der Vergangenheit zurückgeblieben. Zum einen begrenzt der starke Anstieg der globalen Verschuldung die Wachstumsmöglichkeiten. Zum anderen haben sich auch die Geschäftsmodelle der Unternehmen geändert; sie erfordern in die Zukunft hinein einen geringeren Kapitaleinsatz (unter anderem durch die fortschreitende Digitalisierung). Das geht im extremen Fall soweit, dass die Unternehmen der sogenannten Plattformökonomie trotz rasanten Investitionswachstums gigantische Cash-Flow-Überschüsse produzieren.

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