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Verkehrte (Finanz)welt

Warum aktive Fonds sich neu erfinden müssen

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Eher ein reinigendes Gewitter als eine Sintflut

- Computer werden besser, aber auf absehbare Zeit sollte man von Ihnen dennoch keine Wundertaten erwarten. Sie erkennen Muster in Daten und ziehen ihre Schlüsse aus der Vergangenheit. Bei langfristigem Anlagehorizont und Themen, die im größeren Gesamtbild betrachtet werden müssen, sind sie aber immer noch schwach – und dies sollten dann auch Angriffspunkte der fundamentalen Strategien sein. Wie wollen denn Computerprogramme die wirtschaftlichen Folgen von nuancierten Verschärfungen weltpolitischer Spannungen bepreisen? Auf welche Vergangenheitsdaten wollen sich Computer berufen, wenn sich das Zinsumfeld in der Eurozone wieder ändert? Klar, in einem solchen Investitions-Umfeld fühlt sich der Mensch auch nicht besonders wohl, aber er ist doch besser aufgestellt als die Maschine.

- Apropos Mensch gegen Maschine: Menschen sind Computern in Sachen Rationalität unterlegen (wie uns die Verhaltenswissenschaftler Kahneman und Tverski in ihren Arbeiten gezeigt haben), können aber in schwierigen Entscheidungssituationen mit einer erfahrungs- und kenntnis-basierten „informierten Intuition“ punkten. In einer Zeit, in der quantitative Strategien immer leistungsstärker werden, steigen somit auch die Anforderungen an das Skill-Set der erfolgreichen fundamentalen Investment-Manager. Neben einer guten Aus- und Weiterbildung werden auch langjährige qualifizierte Erfahrungen in Entscheidungssituationen am Markt immer erfolgskritischer. Nur so können Investment-Manager eine ausreichende Immunität gegenüber Verhaltensfallen, eine gute Wahrscheinlichkeitsschule und die Fähigkeit, Analyse und Intuition sinnvoll zu vereinen, aufbauen. Kurz: Es wird die Zeit der Profis kommen!

- Inhaltlich werden sich erfolgreiche Manager mehr und mehr mit Themen außerhalb der reinen Zahlen, wie ESG, Managementqualität oder Reputation auseinandersetzen müssen. Das hat nichts mit Mode zu tun, sondern vielmehr mit Wertrelevanz, gerade bei langfristigem Anlagehorizont. Die große Menge an heute verfügbaren Informationen soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Themen aktuell noch sehr stiefmütterlich behandelt werden. Die meisten Daten sind nämlich reine Ja/Nein-Abfragen von internen Unternehmensregelungen. Sinnvolle Investitionsentscheidungen sind aber nur selten an dieser Art von Information auszurichten, sondern vielmehr an der gelebten Praxis und den Schattierungen dazwischen. Interessant ist beispielsweise nicht, ob ein Unternehmen Regelungen zum „Product Impact“ auf Umwelt und Gesellschaft vorweist, sondern wie genau diese Regelungen aussehen, welche Opportunitätskosten auftreten, wer sie überwacht. Hier ist noch viel Potenzial für einen differenzierenden fundamentalen Analyseansatz.

Was die Investment-Landschaft aktuell erlebt, ist also eher ein reinigendes Gewitter als eine Sintflut. Das fundamentale, aktive Aktieninvestment wird in den nächsten Jahren sicher einige Opfer beklagen, sich teilweise neu erfinden und ein paar liebgewonnene Gewohnheiten über Bord werfen müssen. Aber eines wird in Zukunft mehr als in den letzten Jahren gelten: Es gibt einen starken Business Case für fundamentales Active Investing!

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