Verkehrte (Finanz)welt: Geopolitik: Die bekannteste Unbekannte in der Geldanlage
Im Jahr 1993 gab Samuel P. Huntington in seinem zeitlosen Essay „The Clash of Civilizations“ eine weitsichtige Analyse geopolitischer Konflikte und ihrer Auswirkungen auf die Weltordnung.
Besonders hervorzuheben sind hier Wertekonflikte zwischen Staatsgebilden, die sich auch auf die wirtschaftliche Ordnung beziehen. Diese schwelende Konfrontation lässt sich aktuell etwa für das marktliberale Modell westlicher Prägung gegenüber dem Staatskapitalismus chinesischer Prägung nachzeichnen. Doch auch innerhalb der Systeme geraten Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle unter Druck, fordern Marktteilnehmer etwa einen Wertewandel und ein neues Bewusstsein für ökonomisches Wachstum ein.
Können Investmentmanager etwaige Risiken, die sich aus diesen (kulturellen) Konfliktlinien ergeben, in der Geldanlage überhaupt ausreichend adressieren?
Geopolitik zählt gemeinhin zu den weniger beachteten Risiken seitens der Vermögensverwalter. Die Gründe dafür sind recht simpel: Andere Leistungskennzahlen – wie Rendite oder Volatilität – liegen in der Priorisierung klar vorne. Auch der aus den Verhaltenswissenschaften bekannte „Home Bias“ lässt sich so interpretieren, dass der Einfluss massiver Störungen der Weltwirtschaftsordnung auf lokale Volkswirtschaften als eher unwahrscheinlich betrachtet wird.
Die Frage lautet daher: Sind Anlageprofis gut darauf vorbereitet, wenn es zu entsprechenden Disruptionen kommt? Die Antwort tendiert eher zu „nein“. Erstens, weil die überwiegende Mehrheit der Investitionen noch immer in bestimmten geografischen Regionen konzentriert ist – trotz der fortlaufenden Betonung der Bedeutung geografischer Diversifikation. Zweitens geraten empirische Erfahrungswerte und das Know-how, wie man sich gegen solche Unwägbarkeiten denn tatsächlich absichern kann, an ihre Grenzen. Dies zeigte sich beispielsweise zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, der nicht nur in Privatanlegerdepots, sondern auch in Portfolien institutioneller Investoren erhebliche Unsicherheit auslöste und Narben hinterließ.
Druck von innen und außen
Für die Geldanlage wird Geopolitik daher in ihrer außenwirtschaftlichen als auch innenpolitischen Dimension wichtiger. Innenpolitisch, da wir (zumindest gefühlt) an einigen Stellen eine Erosion des Marktliberalismus erleben, der in Europa und weiteren Ländern die Voraussetzzungen für Arbeitsplätze, eine wohlhabende Mittelschicht sowie entsprechenden technologischen Fortschritt und Produktivität schuf.
Diese Erosion kann sich in Feldern bemerkbar machen, in denen etwa der Ärger gegen das Establishment im Unmut über den „traditionellen Kapitalismus“ zum Ausdruck gebracht wird. Die Diskussionen, die vielerorts über Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle stattfinden – etwa zu Leistungs- und Gerechtigkeitsfragen sowie den langfristigen Zielen politischen und wirtschaftlichen Handelns – zeigen ihre Schattenseiten in Tendenzen zum Ethnonationalismus oder wirtschaftlichen Isolationismus.
In der nach außen gerichteten Komponente müssen geopolitische Überlegungen in der Geldanlage berücksichtigen, dass der Einfluss des westlichen Modells auf die Weltwirtschaftsordnung zuletzt schwindet (beziehungsweise müssen Maßnahmen des Westens, um sich in der neuen Konstellation zu positionieren, einbezogen werden).
So reagieren Großanleger auf die neue Geopolitik: Ein Ausblick
Die klassische Makroanalyse legt den Schwerpunkt auf Indikatoren wie Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit, Staatsschulden oder private Verschuldung, Arbeitslosigkeit und das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In den vergangenen Jahren rückte auch die Geldpolitik der Notenbanken signifikant mehr in den Fokus. Allerdings muss das Spektrum erweitert werden, um neue mikro- und makrosozioökonomische Einflussfaktoren zu erfassen.
Diejenigen institutionellen Investoren, welche politische Instabilitäten besser oder schneller verstehen und auch aus historischer Perspektive zu beurteilen vermögen, dürften sich Wettbewerbsvorteile erarbeiten. Es wird dabei auch darum gehen, diese neuen Kenntnisse in produktiven Verwendungen mit dem Ziel wirtschaftlichen Wohlstands nutzbar zu machen. Inwieweit können auch Privatanleger davon profitieren? Geopolitik wird zu einer wichtigen Kennziffer neben anderen Leistungskennzahlen.
Auch Privatanleger sollten entsprechende Themen und Diskurse im Blick haben, die bei Großanlegern künftig mehr Berücksichtigung finden. Dazu gehören Aspekte des politischen Dialogs (Integration versus Fragmentierung) etablierter Märkte genauso wie politische Institutionen und wirtschaftliche beziehungsweise rechtliche Stabilität in den Schwellenländern (Emerging Markets). In den führenden Industrienationen werden Fragen nach Mindestlohngrenzen und Existenzminimum die Diskussion weiterhin mitbestimmen, um die raschen Veränderungen der Lebenshaltungskosten, einschließlich Inflation und Kreditbedingungen, zu adressieren. Auch Themen wie die Erwerbstätigkeit innerhalb von Volkswirtschaften, vor allem auch unter Jugendlichen, zählen zu den sozioökonomischen Variablen.
Bildung und (akademische) Weiterbildung werden entscheidend sein, da sie sich in technologischen Durchbrüchen und gesteigerter Produktivität niederschlagen. Und letztlich wird – eine Lehre aus der Coronapandemie und dem aktuellen Krieg in der Ukraine – die Überprüfung wirtschaftlicher Abhängigkeiten in Bezug auf natürliche Ressourcen sowie in strategischen Sektoren wie Infrastruktur, Fertigung und Dienstleistungen weiter an Bedeutung gewinnen.
Die Kolumne „Verkehrte Finanzwelt“ entsteht in Zusammenarbeit mit der CFA Society Germany.
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