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Verkehrte (Finanz)welt Inverse ETFs und ihre versteckten Risiken

Quelle: dpa

Neben professionellen Investoren stehen auch Privatanlegern mittlerweile verschiedene Instrumente zur Verfügung, um „short“ zu gehen, also auf fallende Kurse zu setzen. Eine Möglichkeit bieten sogenannte „Inverse ETFs“. Zur Depot-Absicherung sind diese Produkte jedoch nur bedingt geeignet.

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Mitte März dieses Jahres erlebten die großen Leitindizes historische Verluste. So verlor der Dow Jones am 16. März rund 13 Prozent seines Kurswertes, nachdem er an drei Handelstagen zuvor bereits Verluste von jeweils sechs bis zehn Prozent eingefahren hatte. Ein ähnlich düsteres Bild ergibt sich für den Dax, der am 12. März einen Tagesverlust von mehr als zwölf Prozent auswies. Jedoch zeigten sich in dieser Phase auch Rebound-Effekte. Nach dem historischen Absturz auf rund 8.500 Punkte erholte sich der Index im Juni wieder nahezu auf das Niveau vor der Coronkrise und übersprang im Juli sogar zwischenzeitlich die 13.000-Punkte-Marke. In dieser Phase werden sich viele private Anleger gefragt haben, wie sie ihr Portfolio gegen derartige Kursrutsche absichern können. Sollten sie sich ganz aus den Märkten zurückziehen und ihre Positionen auflösen oder sich mit den Mitteln des Finanzmarktes gegen zwischenzeitliche Rücksetzer absichern?

Funktionsweise inverser ETFs

Ein potenzieller Kandidat für ein solches Absicherungsinstrument, welches auch privaten Anlegern offensteht, scheint der inverse ETF zu sein. Inverse Indexfonds funktionieren nach einem recht einfachen Prinzip: Weist der Dax an einem Tag einen einprozentigen Kursrückgang aus, so sollte der inverse ETF auf den Dax einen einprozentigen Gewinn verbuchen. Einem Plus von einem Prozent im Dax steht umgekehrt ein Minus von einem Prozent des inversen ETF gegenüber.

Darüber hinaus existieren auch gehebelte inverse Produkte. Bei einem um den Faktor zwei gehebelten inversen ETF wird dann aus dem einprozentigen Kursverlust des ETF ein Kursgewinn in Höhe von zwei Prozent. Dies klingt insbesondere für diejenigen Investoren interessant, deren Portfolien von Kurskorrekturen bereits deutlich betroffen waren. Bei weiteren Abstürzen, so die Überlegung, könnte mit einem gehebelten inversen ETF zumindest ein Teil der ursprünglichen Verluste wieder wettgemacht werden.

Die Funktionsweise inverser ETFs vermittelt den Eindruck, dass diese ein adäquates langfristiges Absicherungsinstrument gegen Kursverluste sind. Doch deren Design hat einen entscheidenden Haken: Nehmen wir an, dass der Wert eines hypothetischen ETFs (beziehungsweise der zugrundeliegende Index) von einem Tag auf den nächsten von 100 auf 104 steigt, um am darauffolgenden Tag wieder auf 100 zu fallen. Dann würde der Wert des entsprechenden inversen ETFs von 100 auf 96 sinken (vier Prozent Verlust) und am Folgetag auf 99,69 steigen. Der Kurs des inversen ETFs erreicht also nicht wieder den Ausgangswert.

Das mag auf den ersten Blick wie ein marginaler Effekt wirken. Nach 60 Handelstagen mit gleich starken abwechselnden Auf- und Abwärtsbewegungen stünde der inverse ETF jedoch nur noch bei 91,17. In stark volatilen Märkten, wenn ein häufiges Auf und Ab innerhalb eines Zeitraums stattfindet, ist dieser Effekt besonders ausgeprägt und kann sich signifikant aufschaukeln. Finanzmathematiker weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der kumulierte Wertzuwachs über einen längeren Zeitraum umso geringer ausfällt, je stärker die Volatilität der Tagesrenditen ist. Als Lektüre sei dafür der bereits im Jahr 2009 für das CFA Institute verfasste Artikel The Pitfalls of Leveraged and Inverse ETFs von Rodney N. Sullivan, CFA, empfohlen.


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Risiken der Hebelwirkung

Durch einen hohen Hebel wird der skizzierte Umstand sogar noch verstärkt. Beispiel: Blickt man auf einen länger laufenden inversen ETF mit einem großen Hebel (etwa minus drei), steht der gehebelte inverse ETF nach 60 Handelstagen mit den oben angenommenen Pendelbewegungen nur noch bei 57,18 Punkten, obwohl der zugrunde liegende Index bis dato keinen einzigen Indexpunkt verloren hat. Charakteristisch ist folgendes Bild: Anfänglich zeigt sich ein Verlauf, der dem typischen Kursverlauf einer Aktie oder eines Index ähnelt, welcher sich dann allerdings im Laufe der Zeit langsam nach unten bewegt und der Nulllinie annähert.

Ausblick

Finanzmathematische Analysen dieser Produkte bestätigen solche stichprobenartigen Untersuchungen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit weisen stark gehebelte ETFs nach längeren Zeiträumen einen hohen Verlust aus. Dem steht ein potenziell sehr hoher Gewinn gegenüber, der jedoch extrem unwahrscheinlich ist. Daher eignen sich – insbesondere stark gehebelte – inverse ETFs nur bedingt als langfristiges Absicherungsinstrument gegen größere Kursverluste. Es ist also Vorsicht geboten und es zeigt sich wieder einmal, dass an den Finanzmärkten selbst scheinbar simple Produkte durchaus hohe Risiken bergen können.

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