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Verkehrte (Finanz)Welt
Quelle: imago images

KI und die Zukunft der Finanzbranche

Von der Nutzung Künstlicher Intelligenz in den Finanzhäusern sollen Anleger auf verschiedene Weise profitieren: Über Automatisierungen administrativer Prozesse bis hin zur Unterstützung von Anlageentscheidungen. Welche Chancen und Risiken die Algorithmen für Anleger bergen.

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Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) befindet sich in der Finanzbranche derzeit in einem Spannungsfeld zweier Pole. Einerseits ein Megatrend, der viel mediale Aufmerksamkeit erhält und auch von den Praktikern aus der Mitte der Industrie eingefordert wird. So nannte in einer Studie der CFA Society Germany unter 200 professionellen Investoren mehr als jeder zweite Teilnehmer (55 Prozent) die „schleppende Digitalisierung“ als größte Herausforderung für den Finanzplatz Deutschland. Maschinelles Lernen wird dabei als einer der Haupttreiber des digitalen Wandels verstanden.

Doch nicht erst seit die – durch die COVID-Pandemie ausgelöste – aktuelle Krise immer mehr wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche erfasst, finden Mahner mehr Gehör. Den meisten geht es darum, das Verhältnis von Mensch und Maschine zu hinterfragen und neu zu bewerten. Einige malen gar düstere Zukunftsvisionen.

Chancen und Risken

Selbst Elon Musk gehört zu der zweiten Kategorie, ließ er sich doch zitieren mit der Aussage „AI poses the greatest threat to humanity“. Gäbe es also einen Mittelweg zwischen unreflektierter Trendgläubigkeit (Hysterie) und Ablehnung beziehungsweise Verdrängung (Apathie)? Zahlreiche Marktteilnehmer, dazu zählt unser Berufsverband CFA Society Germany, fordern dies ein.

Werfen wir zur Beantwortung der Frage, warum dies für breite Anlegerkreise in Deutschland von hoher Relevanz ist, einen Blick auf die Zahlen. Pessimistische Prognosen gehen davon aus, dass der Vermögensverwalterbranche eine erhebliche Konzentration bevorsteht. Kleinere Anbieter würden zunehmend verdrängt und diejenigen, die neue Technologien und Big Data effektiv einsetzen, verwalten dann den Großteil der weltweiten Assets under Management. Am Ende bleiben möglicherweise nur 15 Player übrig. Über die Eintrittswahrscheinlichkeit dieser Szenarien lässt sich trefflich streiten. Die wirtschaftlichen Folgen von Corona, Lockdowns und „finsterer Schwäne“ vermögen diese Prozesse potenziell noch zu verstärken. In einer globalen Umfrage vom Juni 2020 hat das CFA Institute 13.278 Investment Manager und professionelle Investoren, davon 258 aus Deutschland, befragt: Weltweit erwartet ein Drittel der Finanzexperten Insolvenzen. In Deutschland geht sogar fast jeder zweite Umfrageteilnehmer (43 Prozent) davon aus, dass dem Finanzsektor Konsolidierungswellen infolge der Corona-Krise bevorstehen.

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    Was nicht schiefgehen darf

    Dass den übriggebliebenen Häusern, die besonders erfolgreich bei Skalierung, Kostensenkung und Effizienzsteigerung sind, eine besondere Verantwortung zukommt, dazu dürfte kaum Dissens bestehen.

    Wie diese Firmen ethische und finanzielle Ziele in Einklang bringen und welche Richtlinien sie für den Einsatz künstlicher Intelligenz und technologischer Innovationen ansetzen, dies ist von gesamtgesellschaftlichem Interesse.


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    Wer eine Dystopie zum Einsatz von KI lesen möchte, dem sei die bereits im Jahr 2003 erschienene Abhandlung des schwedischen Philosophen und Oxford-Dozenten Nick Bostrom ans Herz gelegt. So weit müssen wir in unseren Überlegungen jedoch gar nicht gehen. Es reichen bereits einfache Fragen, um zahlreiche Handlungsfelder und Aufholpotenziale offenzulegen: Wie und von wem werden KI-Systeme programmiert? Wie vorurteilsfrei (z.B. ohne Bias nach Hautfarbe, Geschlecht etc.) geht man dabei vor? Welche (persönlichen) Daten liegen zugrunde? Wie verantwortungsvoll wird mit diesen Informationen umgegangen? Und letztlich: Wer reguliert dies? Brauchen wir einen „TÜV“ für Algorithmen?

    Ausblick und Lösungsansätze

    Interessanterweise zeigt sich eine überwiegende Mehrheit der großen Anleger – also Pensions- und Staatsfonds, Stiftungen und Versicherer – zuversichtlich, dass der Einsatz von KI-Technologien dem Auf- beziehungsweise Ausbau von Vertrauen dienen kann. Gilt dies auch für Sparer und kleinere Anleger? Klar ist, die Wirtschaft, wie wir sie kennen, wird sich durch die Covid-19-Zäsur strukturell verändern. Konzepte von Wohlstand und Wertschöpfung, vor allem aber von Wachstum, werden vermutlich Neudefinitionen erfahren. Dem muss auch der Umgang mit Zukunftstechnologien Rechnung tragen, die dem Menschen bei der Analyse großer Datenmengen, bei der Mustererkennung oder der Erledigung repetitiver Aufgaben überlegen sind.



    Dem Menschen kommen dagegen Aufgaben zu, die die Maschine noch nicht erledigen kann und möglicherweise auch nicht sollte: Controlling ethischer Grundprinzipien, Risikomanagement, Transparenz, Empathie.

    Vieles davon lässt sich unter der fiduziarischen Verantwortung, also dem Treuhandverhältnis von Geldinstitut und Anleger, subsumieren. Anleger dürfen eine Verpflichtung auf Ehrlichkeit (Ethik), Kompetenz und professionelle Standards erwarten und sollten diese einfordern. Wir setzen uns daher für eine Aufwertung der Digital- und Finanzbildung in Deutschland ein.

    Mehr zum Thema: Gespräche mit Künstlichen Intelligenzen gehören längst zum Alltag. Immer mehr Menschen aber entwickeln auch emotionale Bindungen zu Chatbots.

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