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Verkehrte Finanzwelt
Die digitale Collage des Künstlers Mike Winkelmann, Künstlername Beeple, mit dem Titel „Everydays: The first 5000 days“ erreichte nach zweiwöchiger Versteigerung einen Preis von 69.346 250 Dollar (rund 57,8 Millionen Euro). Quelle: dpa

NFT: Vom Hype zur ernsthaften Assetklasse?

Im Zuge des rasanten Aufstiegs von Kryptowährungen entstand in den letzten Monaten ein regelrechter Hype um digitale Kunstwerke. Anzahl und Kaufpreise dieser sogenannten Non-Fungible Token (NFT) schießen derzeit in die Höhe. Viele Anleger fragen sich: Werden NFTs zum nächsten Bitcoin?

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Digitale Assets zählen zu den größten Investmenthypes der letzten Jahre. Mehrfach totgesagt, um sich danach zu neuen Rekordhöhen aufzuschwingen, kommen Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether zunehmend im Establishment der Investmentbranche an.

In ihrem Windschatten hat sich mit Non-Fungible-Token, kurz NFT, eine weitere Anwendung der Blockchain-Technologie zum Trendthema des Jahres 2021 aufgeschwungen. Hinter NFTs verbergen sich digitale Kunstwerke beziehungsweise Online-Sammlerstücke. Diese sind im Gegensatz zu Kryptowährungen nicht fungibel, das heißt, sie können nicht gegen etwas Gleichwertiges eingetauscht werden. Jedes derartig „tokenisierte“ Asset hat nur einen einzigen Eigentümer.

Was sich wie eine Spielerei für Nerds anhört, ist inzwischen im Mainstream der globalen Kunstwelt angekommen. Laut aktueller Statistiken kletterte die Marktkapitalisierung von NFT-Projekten allen im ersten Quartal 2021 um sage und schreibe 1785 Prozent von 23 Millionen auf 432 Millionen US-Dollar. Tendenz weiter steigend. Im März stellte der Künstler Mike Winkelmann (Beeple) mit dem Verkauf seiner digitalen Collage „The first 5000 days“ für 69,3 Millionen US-Dollar beim renommierten Auktionshaus Christie’s einen Rekord auf. Umso mehr stellt sich daher die Frage, ob NFTs in diesem Zuge zu einer ernstzunehmenden und attraktiven Anlageklasse werden.

Wie funktionieren NFTs?

NFTs nutzen die Blockchain-Technologie, um – wie in einem Logbuch – sämtliche Informationen über ein digitales Kunstwerk und damit verbundene Transaktionen festzuhalten.

Wie diese „Kunst“ aussieht, ist dabei nahezu grenzenlos. So gibt es beispielsweise animierte GIFS, digitale Gemälde, Digitalisierungen physischer Gemälde, Musik, Videos oder gar Tweets, welche als NFT gehandelt werden.

Durch die Blockchain-Technologie ist es nahezu unmöglich, ein digitales Kunstwerk zu kopieren oder zu stehlen. Dies macht NFTs zum ultimativen Echtheitszertifikat und hochinteressant für Sammler und Sammlerinnen. Nur als Inhaber des NFTs, was jederzeit eindeutig nachprüfbar ist, sind Sie auch Eigentümer des entsprechenden Kunstwerks. Doch auch für Künstler und Künstlerinnen sind NFTs attraktiv, weil sie mehr Kontrolle über ihr Werk erhalten. So ist die Urheberschaft des Künstlers im NFT eindeutig festgeschrieben und ein Mechanismus etabliert, der Künstler und Künstlerinnen am Weiterverkauf ihrer Kunst partizipieren lässt.

NFTs als Investment

Genau wie physische Kunstwerke erzielen NFTs in der Regel keine laufenden Erträge, können aber als Investitionsobjekt erfasst werden, wenn man den möglichen Weiterverkauf berücksichtigt. Die Veräußerung an den Höchstbietenden kann durch die Knappheit des Angebots gigantische Gewinne ermöglichen. Von dieser Aussicht sollte man sich allerdings nicht blenden lassen, denn wie bei allen Anlageklassen gehen hohe Gewinnchancen immer auch mit einem hohen Risiko einher. Der Markt für NFTs steckt noch in den Kinderschuhen und erschwert Elemente wie beispielsweise die Preisfindung. Es fehlt derzeit an einer Historie von Transaktionen, die Anhaltspunkte für die Bewertung digitaler Kunstwerke liefert. Die Akteure und Treiber hinter den öffentlichkeitswirksamen „Rekordverkäufen“ sind nicht immer transparent.

Auf der anderen Seite sind die Einstiegsbarrieren zum Investieren geringer als bei physischen Kunstwerken. Auch bei kleineren Projekten ist eine Beteiligung möglich. Bemerkenswert ist zudem, dass sich die besprochene Nicht-Fungibilität auch auf NFTs als Investmentklasse bezieht: Anders als bei Aktien oder anderen Wertpapieren, mit einem liquiden Markt und einer täglichen Preisstellung, lässt sich der Wert eines NFTs nur feststellen, indem er tatsächlich zum Verkauf angeboten wird. Relevant ist also einzig die zukünftige Nachfrage nach diesem konkreten Kunstwerk.

Wie bei allen exotischen Geldanlagen gilt daher: Investieren Sie nur einen Betrag, dessen Verlust Sie sich leisten können. NFTs sind hoch spekulativ und können sich als nicht-werthaltig herausstellen. Sogar Totalverluste sind möglich. Erwarten Sie also keinen schnellen Reichtum, sondern setzen Sie sich ein Limit, so dass Sie entsprechende Rückschläge verkraften können.



Ausblick: Quo vadis, NFT?

Die Historie ist reich an Beispielen für „Hype“-Anlageklassen und -produkte mit scheinbar gigantischen Gewinnaussichten, die am Ende vor allem zerplatzte Träume und viel verlorenes Kapital hinterließen. Ob NFTs sich in die Reihe von Tulpen und Dotcom einreihen oder sich als Investmentkategorie etablieren, lässt sich aktuell noch nicht seriös beurteilen.

Tatsächlich hat sich die Kunst in den vergangenen 2000 Jahren immer wieder neu erfunden. Es gibt einigen Anlass zur Annahme, dass sich digitale Kunstwerke, analog zur immer weiter fortschreitenden Digitalisierung unseres Lebensalltags, zu einem akzeptierten Segment der Kunstwelt entwickeln.

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Am Ende könnte es also gar nicht so sehr darauf ankommen, ob ein Kunstwerk „digital“ ist oder nicht. Damit gilt auch für Investoren ein altes Credo unter Kunstsammlern: Kaufen Sie nur Kunst, die Ihnen auch gefällt.

Mehr zum Thema: Auktionen und Messen abgesagt, Galerien geschlossen: Der Kunstmarkt geht online und öffnet sich. Einsteiger finden Chancen auf Wertsteigerung bei jungen Talenten. Für deren Preise gibt es eine simple Formel.

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