Verkehrte (Finanz)welt
Grüner Bulle vor der Frankfurter Börse: Nachhaltigkeit ist auch für kleine Aktien ein wichtiges Trend. Quelle: imago images

Sind kleine Unternehmen beim Thema ESG benachteiligt?

Im Gegensatz zu Unternehmen mit großer Marktkapitalisierung verfügen Small Caps oft nicht über die Ressourcen, um das Thema ESG umfassend einzubinden und darüber zu berichten. Das hat Konsequenzen – auch für Anleger.

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Erzielen große Unternehmen bessere ESG-Ratings als klein kapitalisierte Unternehmen? Verschiedene Analysen legen nahe, dass die Research-Abdeckung seitens der ESG-Rating-Agenturen mit abnehmender Größe der Unternehmen sinkt. Das schlechtere Rating der Small Caps liegt oftmals an einem Mangel an internen Ressourcen für den Austausch mit Rating-Agenturen und Investoren. Das heißt: Obwohl Produkte, soziale Faktoren und Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen der UN stehen, fehlen Erfahrung und Kompetenz, um diese gesellschaftliche Verantwortung zu kommunizieren. Es lohnt daher ein Blick darauf, welche Herausforderungen und Handlungsoptionen diese Situation sowohl für Unternehmen als auch Investoren mit sich bringt.

Schwierigkeiten mit Datenqualität

Klar, es gibt auch solche Small Caps, bei denen es an Bereitschaft der Unternehmensführung fehlt, diesem Thema einen angemessenen Stellenwert einzuräumen. Alle anderen sehen sich vor allem mit Schwierigkeiten bei der Beschaffung und Qualität notwendiger Daten konfrontiert sowie mit komplexen Berichtspflichten innerhalb eines sich schnell wandelnden regulatorischen Umfelds. Die (oftmals verwirrende) Heterogenität von ESG-Rating-Anbietern verstärkt diese Probleme. Häufig werden etwa das Humankapital und die Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen von Small Caps in den starren Bewertungsschemen der Rating-Unternehmen nicht ausreichend gewürdigt. Ein weiterer Kritikpunkt von Rating-Agenturen an Small Caps bezieht sich auf den mithin ausgeprägten Einfluss von Familien (bzw. Gründern) auf das Management und den Aufsichtsrat (und daraus resultierenden Nachteilen für Minderheitsaktionäre). Der positive Beitrag zur Unternehmensentwicklung wird dabei nicht berücksichtigt.

Für kleiner kapitalisierte Unternehmen ist es daher empfehlenswert, die Nachhaltigkeitskultur noch mehr als Teil der Firmen-DNA zu verstehen. Um sich als nachhaltige Small-Caps zu qualifizieren, sollten sie den aktiven Austausch mit Investoren suchen und die Kommunikation der Nachhaltigkeitsstrategie mehr in den Vordergrund rücken. Um dies zu erreichen wäre es beispielsweise möglich, Management und Aufsichtsrat entsprechend zu schulen oder sogar Teile der variablen Vergütung mit der Erreichung von Nachhaltigkeitszielen zu verknüpfen. Damit können auch Chancen gegenüber weiteren Zielgruppen gehoben werden, etwa bei der Auswahl und Pflege von Kunden und Zulieferern, um Risiken zu minimieren und Beziehungen zu festigen, da jene ebenso zunehmend ihre Netzwerke auf Nachhaltigkeit prüfen. Eine klare ESG-Strategie hilft auch bei der Kommunikation des Unternehmens hinsichtlich ihrer Werte, was unter anderem von Vorteil ist, wenn es um die Gewinnung junger Talente (Stichwort: Arbeitgebermarke) geht.

Nachhaltigkeitsstrategien aus Sicht der Investoren

Professionelle Investoren beziehen Nachhaltigkeitskriterien (ESG-Faktoren) zunehmend in ihre Anlageentscheidungen ein. Es besteht die Gefahr, dass kleinere, innovative, schnell wachsende Unternehmen von den Nachhaltigkeitsstrategien in institutionellen Portfolien ausgeschlossen werden, wenn ESG-Ratings fehlen oder diese schlecht ausfallen. Investoren sollten sich daher bei der Analyse von Small Caps nicht nur auf externe Ratings verlassen. Unumgänglich ist es, sich intensiv mit den Geschäftsmodellen und (individuellen) ESG-Faktoren auseinanderzusetzen. Dies erfordert einen engagierten Austausch der Investoren mit den Unternehmen (ebenso wie deren Bereitschaft, notwendige Daten zu liefern).

Privatanleger können bei der Auswahl von nachhaltigen Anlageprodukten ihrerseits prüfen, inwiefern kleiner kapitalisierte Unternehmen bereits berücksichtigt werden. Dies ist auch ein Beitrag mit Hinblick auf eine ausreichende Diversifizierung ihrer Depots. Im Zuge der neuen MIFID-2-Richtlinie sind auch die Anlageberater dazu angehalten, diese Themen mit ihren Kunden zu besprechen.

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Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es trotz aller gegenwärtigen Herausforderungen ein großes Potenzial für Small Caps im Bereich der Nachhaltigkeit gibt, welches sich künftig in der Einbeziehung in Anlagestrategien (institutioneller und privater Anleger) und damit auch in den Aktienkursen widerspiegeln sollte.

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