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Verkehrte Finanzwelt
Quelle: dpa

Warum Anleger den CO2-Fußabdruck von Unternehmen kennen sollten

Zur Eindämmung des schädlichen Klimawandels gilt die Bepreisung von CO2-Emissionen als wichtiges Instrument. Welche Rolle könnte dabei den Anlegern und der Finanzindustrie zukommen?

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„Carbon Pricing“. Was erst einmal sperrig klingt, gilt als einer der effizientesten Wege, um Treibhauseffekte zu reduzieren und die Risiken des Klimawandels zu bekämpfen. Konkret geht es dabei um die Etablierung eines angemessenen Systems zur Bepreisung von CO2-Emissionen. Diese werden von Land zu Land nämlich sehr unterschiedlich angesetzt – etwa in der Industrie, im Straßenverkehr usw.
In Deutschland hat das Thema eine sehr aktuelle Dimension: Von 2021 an will die Politik einen festen CO2-Preis für Benzin, Heizöl und Erdgas festlegen, der von 25 Euro pro Tonne auf (mindestens) 55 Euro im Jahr 2025 ansteigen soll.
Klar ist, dass dies die Realwirtschaft in ihren wirtschaftlichen Aktivitäten unmittelbar betreffen wird. Aber auch Verbraucher, auf welche die Kosten etwaig umgelegt werden. Doch inwieweit betreffen CO2-Sätze die Anleger und die Finanzbranche?

Angebot und Nachfrage

Das Thema hat eine politische Motivation. Die europäischen Aufsichtsbehörden streben einen Finanzmarkt an, der erschwingliches Kapital für klimafreundliche Investitionen bereitstellt. Derzeit arbeitet die EU an der Klassifizierung (sogenannte Taxonomie) und Regulierung nachhaltiger Geldanlagen. Das Thema hat aber nachweislich auch eine Dynamik auf der Nachfrageseite. Unlängst hat das CFA Institute rund 3.000 Anleger im Rahmen der Studie „Climate Change Analysis in the Investment Process“ befragt: Fast die Hälfte (47 Prozent) der Befragten berichtet, dass die Berücksichtigung von Klimakriterien zunehmend von der Investoren- respektive Kundenseite eingefordert wird. Die Ergebnisse der Umfrage legen nahe, dass in Europa fast jeder zweite Investor (45 Prozent) Klimaaspekte in Investments einbezieht, weltweit sind es immerhin 40 Prozent.

Folglich müsste einem erheblichen Teil der Marktteilnehmer daran gelegen sein, dass die (aus Steuern und Emissionshandel resultierenden) Daten zum CO2-Fußabdruck akkurat sind, insofern diese als Basis in die Kalkulation und Konzeption nachhaltiger Geldanlagen einfließen. Gleiches gilt für die einheitliche Berechnung dieser Daten über Grenzen hinweg, also eine internationale Harmonisierung der Standards.

Welche Informationen Anleger einfordern sollten

Von denjenigen Teilnehmern unserer Umfrage, die bislang keine Klimakriterien in Investmententscheidungen einbeziehen, begründen 57 Prozent dies mit einem Fehlen glaubwürdiger Daten und Messwerkzeuge. Liegen also erst einmal international einheitliche, transparente und verlässliche Informationen über CO2-Preisbildungsmechanismen vor, so könnte sich dies künftig deutlich (mehr als bisher) auf Anlageentscheidungen auswirken. Erstrebenswert wäre, die Themen Klimastrategie und CO2-Bepreisung zunehmend in Analystenpapiere und die unternehmerische Berichterstattung (Reporting) einzubeziehen. Bei der Frage nach der Behandlung und Offenlegung dieser klimabezogenen Angaben bieten die Standards des Sustainability Accounting Standards Board (SASB) und der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) bereits wichtige Orientierungen. Es ist auch gut denkbar, dass Emittenten mit Investoren bei der Erarbeitung und Bereitstellung von Informationen über Risiken und Szenarien des Klimawandels, die den Investmentprozess betreffen, künftig enger zusammenarbeiten.

Ausblick: Hausaufgaben einer 30 Billionen Dollar-Industrie

Weltweit sind bereits über 30 Billionen Dollar nachhaltig investiert, rechnet die Global Sustainable Investment Alliance (GSIA) vor. Wobei sie „verantwortliche Investments“ hinzuzählt. Fehlende einheitliche Definitionen sind ein Teil des Dilemmas: Viele Anleger fühlen sich unzureichend darüber informiert, wofür die Bezeichnung „nachhaltig“ in der Kapitalanlage denn nun genau steht, auch weil der CO2-Fußabdruck nur ein Teil des Nachhaltigkeitsmosaik ist. Damit etwa Fondshäuser nicht letztlich Produkte vermarkten, die gar nicht mit den Wünschen des Kunden übereinstimmen, müssen beide Seiten – Anbieter und Investor – weitere Hausaufgaben machen.


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Investmentmanager müssen wesentliche Klimarisiken und ökologische Kriterien, die in nachhaltige Finanzlösungen einfließen, kennen und kommunizieren können. Anleger sind dazu angehalten, Daten zu den Implikationen des Klimawandels und den Berechnungsmethoden des CO2-Fußabdrucks in den Prospekten kritisch zu hinterfragen und diese einzufordern.
Denn: Wie schnell es Unternehmen gelingt, ihre Kohlendioxidemissionen zu senken, dies wird zunehmend auch über Refinanzierungskosten und Ertragschancen entscheiden. Sowie letztlich Aktienkursrelevanz haben.

Mehr zum Thema: Brigitte Knopf, Generalsekretärin der Denkfabrik Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, über den europäischen Anstrich der Klimapolitik.

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