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Verkehrte (Finanz)Welt
Quelle: dpa

Warum viele Anleger die Wahrscheinlichkeit von Kursverlusten falsch einschätzen

Jens Kummer, CFA, ist Senior-Portfoliomanager bei der StarCapital AG und Mitglied der CFA Society Germany.
Jens Kummer Portfoliomanager

In ruhigen Zeiten überschätzen viele Investoren, die auf Buy-and-Hold-Portfolios setzen, ihre persönliche Verlusttoleranz. Dabei sind Krisen keine Seltenheit. Ein aktives Risikomanagement kann Verluste begrenzen, wenn es zu Turbulenzen kommt.

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Wachstum ist kein kontinuierlicher Prozess. Und Krisen sind keine Ausnahmephänomene. Die damit verbundenen Kursrückschläge an den Kapitalmärkten führen zu schmerzhaften Verlusten. „Buy-and-Hold-Investoren“ sind darauf nicht immer eingestellt. Dabei verloren deutsche Aktien in den vergangenen 100 Jahren durchschnittlich alle fünf Jahre deutlich an Wert (siehe Grafik) – aktuellstes Beispiel dafür ist zweifelsohne der Coronacrash.

Doch nicht immer sind die Ursachen für einen Kurseinbruch eindeutig feststellbar. Das erhöht die Unsicherheit für Investoren, die auf „Kaufen und Behalten“ setzen. Was war die Ursache des „Schwarzen Montags“ vom 19. Oktober 1987, als die Aktienmärkte weltweit um mehr als 20 Prozent einbrachen? Es gibt unterschiedliche Deutungen dieses Ereignisses. Rückblickend jedoch erscheint der damalige Crash als bloße Korrektur eines zu schnellen und zu steilen Zins- und Aktienkursanstiegs, und dieses Beispiel ist kein Ausnahmefall.

Überschätzte Verlusttoleranz
Die meisten Anleger folgen einem Buy-and-Hold-Ansatz, der das Portfoliorisiko nicht reduziert, wenn Krisen auftreten. In den vergangenen Jahren war die Strategie des Kaufens und Behaltens durchaus sinnvoll, denn in den USA und Westeuropa gab es nur kurze und relativ milde Korrekturen. Der langfristige Trend zeigte aufwärts.



Doch selbst in den zurückliegenden, stabilen Jahren erlitten Anleger, die diese Strategie verfolgten, immer wieder Verluste von deutlich mehr als 10 Prozent. Der maximale Verlust eines gemischten Buy-and-Hold-Portfolios (50 Prozent Aktien und 50 Prozent Anleihen) betrug immerhin 25 Prozent – für zahlreiche Anleger zu viel.

Verlusttoleranz mit Risiken abstimmen
Wenn die Kurse unter die persönliche Verlusttoleranz fallen, ändern viele Anleger abrupt ihre Anlagestrategie: Sie verkaufen, wenn die Schmerzen am höchsten sind. Das kostet Rendite. Was ist zu tun? Zunächst sollten Anleger ihren Anlagemix in ruhigen Zeiten an ihrer persönlichen Verlusttoleranz ausrichten, um nicht von der nächsten Krise kalt erwischt zu werden. So weit, so gut? Nicht ganz, denn es gilt, noch andere Aspekte zu beachten.

Risikomanagement als Antwort
Anleger stehen vor dem Dilemma, das Bedürfnis nach Sicherheit und den Wunsch nach Rendite abwägen zu müssen. Das war am deutschen Markt nicht immer so. Früher waren Bundesschatzbriefe, die mittlerweile eingestellten Bundesanleihen, ein Synonym für Sicherheit und Renditestärke zugleich. Im heutigen Marktumfeld hingegen bieten risikolose Anlagen nur noch geringe bis negative Renditen. Zu vorsichtiges Anlegen kann also ähnlich viel Rendite kosten wie der eilige Verkauf während eines Kurstiefs. Doch es gibt Abhilfe.



Der Schlüssel zum Erfolg liegt in aktivem Risikomanagement mit dynamischer Steuerung über unterschiedliche Anlageklassen und Märkte hinweg. Ein statischer Ansatz wird diesen Anforderungen nicht gerecht. Aktives Risikomanagement hingegen reagiert zeitnah auf Marktentwicklungen. Wenn Turbulenzen aufkommen, besteht das Ziel darin, umzuschichten und zur rechten Zeit in die richtigen Märkte zu investieren. Dazu gehört aber auch, notfalls einmal auszusteigen. Wie sind vor diesem Hintergrund Buy-and-Hold-Strategien zu bewerten?

Verluste begrenzen
Der Buy-and-Hold-Ansatz war in den USA und Westeuropa in den vergangenen Jahren eine gute Wahl, da ein relativ stabiles wirtschaftliches und politisches Umfeld herrschte.
Bei geografisch unabhängiger Betrachtung eines längeren historischen Zeitraums fällt die Bewertung jedoch anders aus. In den zurückliegenden 100 Jahren gab es in fast jedem Land mindestens einen Bärenmarkt, in dem die Aktienkurse um mehr als 80 Prozent nachgaben. So brach der griechische Aktienmarkt 2012 um 93 Prozent, die Anleihen um 85 Prozent ein.

Schwellenländer sind das beste Beispiel dafür, dass Buy-and-Hold nicht in jedem Fall funktioniert. Lateinamerikanische Märkte bieten seit Jahrzehnten schwache Renditen. Ein Beispiel dafür ist Peru. In dem Andenstaat fiel der Aktienmarkt im 20. Jahrhundert zweimal um real 99 Prozent gefolgt von einer vollständigen Entwertung. Nicht viel besser erging es Buy-and-Hold-Investoren in Argentinien, Sri Lanka und Venezuela.

Die Erfahrung zeigt also, dass eine Strategie des Kaufens und Behaltens wirtschaftliche und politische Stabilität voraussetzt, um zu funktionieren. In Krisenzeiten sind Anleger jedoch mit anderen Voraussetzungen konfrontiert.

Das Festhalten an Anlageklassen, die unter anderen Marktgegebenheiten einmal sinnvoll waren, kann sich als verhängnisvoll erweisen. Eine marktgerechte Anlagestrategie muss diese Tatsache berücksichtigen. Sie muss flexibel genug sein, um durch ein aktives Risikomanagement auch auf die häufigen extremen Kursrückschläge zielführend zu reagieren. Andernfalls dürften sich viele Anleger dazu bewegt fühlen, zur Unzeit auszusteigen.

Mehr zum Thema: Die Furcht vor der Pandemie belastet die Börsen und verunsichert Anleger. Das muss nicht sein. Die WirtschaftsWoche hat die besten Geldmanager getroffen, befragt und bewertet. Wie sie ihre Depots schützen, welche Aktien Chancen bieten – und wie viel Glück sie brauchen. Lesen Sie die Geschichte hier.

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