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Verlustreiche Euro-Franken-Wetten Die Tricks der Broker beim Schweizer Börsenchaos

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Anleger wehren sich

Broker versuchen nun mit allen Mitteln, Geld einzutreiben. Welche Tricks sie nutzen, was Anleger für künftige Geschäfte daraus für Konsequenzen ziehen sollten:

- Verantwortung abwälzen. Die DAB sagt, sie sei nicht verantwortlich dafür, dass Schneider nicht handeln konnte. Sie trete nur als Kommissionärin auf und stelle „keine eigenen Kurse“. Handelspartner sei die italienische Fineco Bank, eine UniCredit-Tochter. Die aber sei für ihn, so Schneider, nicht greifbar. „Mein Vertragspartner ist die DAB“, meint er. Fineco ist der gleichen Meinung: Man kenne die Kunden nicht und habe nur einen Vertrag mit der DAB. Achtung: Viele Banken lagern Geschäfte an Partner aus, die die Kurse stellen. Kunden sollten immer fragen, bei wem sie handeln.

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Ovomaltine Quelle: AP
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Swatch-Uhren Quelle: REUTERS
Uhr
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- Erst weit unten verkauft. Schneider hatte 5.000 Euro Verlust einkalkuliert. Das konnte er, weil die DAB Kundengeschäfte automatisch liquidieren wollte, wenn das hinterlegte Geld verloren zu gehen droht. Bei einem Kurs von 1,189059 Franken hätte die Bank die Euro-Papiere verkaufen sollen (Stop-Order mit Preislimit). Hier ist jede Nachkommastelle relevant – normalerweise spekulieren Anleger auf eine Veränderung der vierten Stelle hinter dem Komma.

Tatsächlich verkaufte die Bank erst gut 30 Minuten später, bei rund 1,01 Franken je Euro – eine gigantische Abweichung in einer Welt, in der Anleger normalerweise auf eine Veränderung von 0,0001 Franken wetten. Die DAB verweist darauf, dass eine automatische Verkaufsorder nicht „die Ausführung zu einem bestimmten Kurs“ garantiere. Stimmt: Der Broker muss bei Durchbrechen der Marke verkaufen. Wenn der Kurs aber schnell abschmiert, bekommt der Anleger weniger als sein Limit.

Das zeigt, wie gefährlich Limits sind. Anleger müssen damit rechnen, dass sie zu schlechteren Kursen verkaufen als erwartet. Andere Broker aber schafften es, Papiere nah am Limit zu verkaufen. Ein Kunde von JFD aus Zypern etwa hatte Glück: Das Stop-Limit von Thomas Fischer* lag bei 1,19335 – abgerechnet wurde sein Geschäft bei rund 1,16 Franken je Euro. Fischer verbuchte nur wenige Hundert Euro Minus.

- Geschäftsbedingungen sichern Bank ab. Die DAB betont, sie habe sich „zu jeder Zeit“ an ihre Bedingungen gehalten. Die erlauben, den Handel auszusetzen. Geschäftsbedingungen lesen kann sich lohnen. Außerdem, so DAB in einem Kundenbrief, gebe es beim Handel mit Währungen „keinen Referenzmarkt“, auf den sich Anleger berufen könnten. Der Handel mit Währungen führe „nicht zu offiziellen Marktpreisen, wie an den regulierten Börsen“.

- Spekulation gegen Kunden. Nicht nur der Devisenhandel unter Banken läuft abseits der Börsen. Bei vielen Finanzprodukten handeln Anleger direkt mit dem Broker – bei Differenzkontrakten (Contracts for Difference, CFDs) ist das immer, bei Optionsscheinen häufig der Fall. Der Broker verkauft dem Anleger ein CFD und kauft es ihm später wieder ab. Die Produkte beziehen sich zwar auf die in Millionen Geschäften ermittelten Wechselkurse. Weichen Preise von diesen ab, merkt der Anleger das aber selten. Broker können sich entweder am Devisenmarkt absichern, dann ist es für sie egal, ob der Kunde gewinnt oder verliert. Sie können aber auch gegen den Kunden wetten und von dessen Verlust profitieren. Anleger sollten daher ihren Broker nach Interessenkonflikten fragen.

- Preis nachträglich korrigiert. Anna Richter*, Privatanlegerin aus dem Berchtesgadener Land, hatte mit einem Geschäft auf eine Aufwertung des Franken gesetzt und Euro verkauft. Alles richtig gemacht, dachte sie, als der Broker Saxo Bank das Geschäft bestätigte. Allein, die Freude währte nicht lang: Am Abend korrigierte Saxo bereits ausgeführte und längst bestätigte Geschäfte – aus 83.000 Euro Guthaben wurden 35.500. Bei einem anderen Anleger setzte Saxo den Kurs um rund 0,18 Franken herab, der Mann hatte auf einmal 29.000 Euro Schulden. „Saxo justiert einseitig Kurse nach – ich kann als Kundin doch auch nicht Stunden später ein Geschäft rückgängig machen, wenn es gegen mich läuft“, sagt Anlegerin Richter. Ihre Order sei rechtsgültig ausgeführt und bestätigt worden. „Ich will meinen Kontostand zurück.“

*Name von der Redaktion geändert

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