Volker Wittberg "Strafzins hat bedrückende Wirkung"

Die Commerzbank will von großen Unternehmen mit hohen Einlagen einen Strafzins verlangen. Müssen jetzt auch Mittelständler um ihre Spargroschen fürchten?

Volker Wittberg ist seit 2001 Professor für Mittelstandsmanagement an der FH des Mittelstands in Bielefeld und Leiter des Instituts für den Mittelstand (IML) in Lippe.

Zuletzt haben mehrere Banken erklärt, die negativen Einlagezinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) an ihre Kunden weiterzugeben. Mit der Commerzbank ist nun erstmals eine Großbank der Euro-Zone darunter. Deutschlands zweitgrößtes Institut will eine Gebühr bei großen Firmenkunden erheben, die viel Geld anlegen.

Noch sind es also nur die größeren Konzerne; die Commerzbank betont, Mittelständler seien nicht betroffen. Volker Wittberg, Leiter des Instituts für den Mittelstand und Professor an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld (FHM), untersucht regelmäßig das Finanzanlageverhalten von Mittelständlern. WirtschaftsWoche Online hat den Finanzexperten nach den Auswirkungen der Zinspolitik auf das Anlageverhalten von mittelständischen Unternehmen gefragt.

Das Wichtigste zuerst: glauben Sie, dass in naher Zukunft auch der Mittelstand eine Gebühr für seine Bankeinlagen zahlen muss?

Wittberg: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Vor allem, weil viele Banken ja gute Geschäfte mit Mittelständlern machen und diese sicher nicht als Kunden vergraulen wollen. Aber einen Nullzins halte ich für realistisch.

Trotzdem ist doch die damit verbundene Botschaft negativ, oder nicht?

Ja, allerdings sehe ich eher eine psychologische als eine fundamentale Wirkung. Aber die ist bedrückend. Denn die Botschaft, die dahinter steckt, ist ja, dass es schädlich ist, zu sparen und Liquidität vorzuhalten.

Eigentlich die Tugenden des Mittelstands.

Genau, das konservative Finanzdenken des Mittelstands ist eine seiner Tugenden. Viele Mittelständler sind nur deshalb ohne Insolvenz oder viele Entlassungen durch die Finanzkrise gekommen, weil sie mit einem hohen Kapitalpolster in die Krise reingegangen sind. Im Nachhinein haben sich diese Reserven also als sehr klug erwiesen. Auch aktuell verfügen mittelständische Unternehmen über sehr hohe Barreserven. Die fallen ihnen gerade auf die Füße.

Investieren scheint das neue Sparen zu sein. Glauben Sie, viele Unternehmen werden ihre realen Investitionen jetzt erhöhen?

Nein. Dafür sorgen Unruheherde wie die Ukraine-Krise oder die schwächelnde Konjunktur in der Euro-Zone. Die Unternehmen dürften sich daher bei großen Investitionen zurückhalten, denn die fundamentalen Risiken sind gravierender als ein möglicher Strafzins, von dem Mittelständler bisher ja nur indirekt über Investmentfonds betroffen sind.

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Wie sieht die Lösung der kleinen und mittelständischen Unternehmen dann aus?

Schon seit einiger Zeit beobachten wir, dass Unternehmen, die traditionell nur auf einfache und risikoarme Sparprodukte gesetzt haben, ihre Anlagestrategie verändern. Das gilt vor allem für kleinere Mittelständler. Auch die suchen sich mittlerweile andere Assetklassen und sind eher bereit, ihr Geld längerfristig zu investieren.

Welche Assetklassen sind das? Auch Aktien?

Nein, der reine Aktienanteil ist im Mittelstand weiterhin relativ gering. Aber in Fonds wird vermehrt investiert, in Mischfonds oder Immobilienfonds. Auch Unternehmensanleihen werden häufiger beigemischt.

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