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Vor Zinsentscheidung der US-Notenbank Die Geldpolitik steht vor dem monetären Endspiel

Die Zinswende vor Jahresende - sie ist obsolet. Denn die US-Notenbank Fed hat das Zeitfenster für eine Anhebung der Leitzinsen de facto verstreichen lassen. Ohne Vertrauen in die Notenbanken droht ein ungemütliches 2016.

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Die zunehmend fragile Weltwirtschaft, aber auch das lange Zögern von US-Notenbankchefin Yellen haben die Zinsanhebung faktisch obsolet gemacht. Quelle: dpa

Das Szenario für den Jahresendspurt an den Märkten ist alles andere als rosig: Die globalen wirtschaftlichen Trends entwickeln sich abwärts, die Risiken in Schwellenländern nehmen weiter zu, und die US-Konjunktur trübt sich zunehmend ein. In einer solchen Situation schauen alle auf die großen Notenbanken – welchen Kurs die europäische, amerikanische und die japanische Zentralbank einschlagen, hat enorme Bedeutung für die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte. An diesem Mittwochabend gibt die US-Notenbank nach zweitägiger Sitzung ihre weitere Geldpolitik bekannt.

Gerade erst hat die EZB klar gemacht, dass die bisherigen Maßnahmen - extreme Niedrigzinsen und massiver Ankauf von Wertpapieren- weiter ausgedehnt oder verlängert werden könnten.

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Fed hat zu lange gezögert

Das Ziel der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, kurz Fed, durch eine noch so marginale Zinsanhebung den Ausstieg aus einer extremen Geldpolitik einzuleiten, war im Grunde richtig und lobenswert. Die zunehmend fragile Weltwirtschaft, aber auch das lange Zögern von Fed-Chefin Yellen haben diesen Schritt nun jedoch faktisch obsolet gemacht.

Was jetzt noch als Maßnahme bleibt, sind weitere expansive QE-Programme. Oder – noch radikaler - die Schaffung von "Helicopter Money", also das Drucken von Geld auch für private Haushalte. Diese Vorstellung gleicht einem monetären Endspiel, das ambivalente Folgen hätte: Wenn die globalen Finanzmärkte noch stärker als bisher von der "Politik der monetären Verwässerung" getrieben werden, könnten sie zwar zunächst reflexhaft steigen. Verlieren sie aber an einem gewissen Punkt den Glauben an die Wirkungsmacht der Notenbanken, drohen Vertrauenskrisen und ein möglicher Absturz.

Heinz-Werner Rapp, Vorstand und Chief Investment Officer beim Vermögensverwalter FERI Quelle: Presse

Geplatzte Hoffnung erfordert weitere Lockerung

Fakt ist: In den USA ist die Hoffnung, dass die Notenbanken durch Reflationierung einen Aufschwung erzwingen können, bereits geplatzt. Der Grund für eine Beibehaltung der Null-Zins-Politik liegt hier nämlich nicht in erster Linie in der anhaltenden Wirtschaftsschwäche Chinas und auch nicht in der begründeten Angst vor neuen Turbulenzen in den Schwellenländern. Vielmehr sind es die derzeitige Verfassung der US-Wirtschaft selbst und die absehbaren konjunkturellen Perspektiven, die eher eine weitere Lockerung der Geldpolitik als eine erste Straffung nahelegen.

In den vergangenen Wochen sind nahezu sämtliche Konjunkturindikatoren aus den USA negativ ausgefallen: Die Industrieproduktion ging zwei Monate in Folge zurück, die Kapazitätsauslastung ebenfalls, obwohl letztere ohnehin deutlich unterhalb der langjährigen Durchschnitts liegt. Die Auftragseingänge lassen für die kommenden Monate keine Besserung erwarten. Die Exporte sind wegen des starken Dollars seit längerem rückläufig. Zuletzt überraschten auch die Einzelhandelsumsätze negativ. Lediglich die Autoverkäufe steigen weiter an, aber die Daten zeigen auch, dass sich der Umfang der Kreditfinanzierungen in den vergangenen Jahren um mehr als 50 Prozent erhöht hat und ein erheblicher Teil dieser Kredite Subprime-Qualität hat. Es überrascht kaum, dass auch der Beschäftigungsaufbau in den Monaten August und September deutlich schwächer ausfiel als zuvor.

Ein ungemütliches Jahr 2016

Der starke Dollar setzt den exportorientierten Wirtschaftszweigen ebenso zu wie die Nachfrageschwäche in den Schwellenländern. Der niedrige Ölpreis wirkt zwar positiv auf den privaten Verbrauch, macht aber das in den USA verbreitete Fracking deutlich unattraktiver und stellt viele Unternehmen vor ernsthafte Finanzierungsprobleme. Die binnenwirtschaftliche Entwicklung war zwar lange Zeit wesentlich robuster als in anderen Weltregionen und insbesondere dynamischer als in Europa, dabei aber dennoch spürbar schwächer als in früheren Aufschwüngen. Die Gewinne der Unternehmen sinken seit einiger Zeit, was zum Teil die Investitionszurückhaltung erklärt und eher weiter sinkende Beschäftigungszuwächse erwarten lässt. Der vielbeachtete PMI-Index dürfte schon sehr bald unter die kritische Marke von 50 Punkten fallen. Und schließlich: Auch ein vergleichsweise schwacher Aufschwung währt aller Erfahrung nach nicht ewig, und die USA befinden sich bereits im sechsten Aufschwungsjahr.

Chronik der Zinsschritte der US-Notenbank

Gesenkte Prognose

Wir gehen daher davon aus, dass die US-Wirtschaft im kommenden Jahr nur um 1,5 Prozent wachsen wird – mehr als ein Prozentpunkt weniger, als es der aktuelle Konsensus (noch) unterstellt. Die Fed hatte selbst ihre Wachstumserwartungen im Laufe des Jahres sukzessive revidiert. Von der ursprünglichen Prognose von drei Prozent geht sie jetzt nur noch von einem Wachstum zwischen 2,2 und 2,6 Prozent aus. Vor diesem Hintergrund ist nicht mehr davon auszugehen, dass die amerikanische Zentralbank in diesem Jahr noch ihre Zinsen erhöhen wird.

Da auch die Inflation auf absehbare Zeit niedrig bleiben wird, geht sie damit zumindest keine Risiken im Hinblick auf die Preisstabilität ein. Denkbar ist vielmehr, dass die Fed versuchen wird, mit einer neuerlichen Lockerung der Geldpolitik die wirtschaftliche Aktivität auf den Pfad des robusten Wachstums zurückzuführen.

Geldanlage



Eine erste Maßnahme dafür könnte darin bestehen, auslaufende Wertpapiere in ihrem Bestand jeweils zu ersetzen und damit die Bilanzsumme mindestens konstant zu halten. Die Fed würde dann im Jahr 2016 Wertpapiere im Volumen von mehr als 200 Milliarden US-Dollar aufkaufen. Ob man dies schon als QE4-Programm bezeichnen will und ob es weitere Maßnahmen zur geldpolitischen Lockerung geben wird, bleibt abzuwarten.

Ob diesseits oder jenseits des Atlantiks: Die größte Gefahr besteht derzeit für die Zentralbanken in einem tief greifenden Verlust ihrer Glaubwürdigkeit. Wenn die Marktteilnehmer ihr Vertrauen in die Wirksamkeit der Geldpolitik verlieren – und das zeichnet sich bereits ab – droht den Märkten ein ungemütliches Jahr 2016. Gerade für die globalen Aktienmärkte bedeutet das zunehmende Risiken auf Sicht der kommenden sechs Monate.

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