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Währungspolitik „Der Euro ist keine Alternative zum Dollar“

Tatsächlich ist die verblüffendste Lehre aus dem jüngsten Geschehen die Widerstandsfähigkeit des Dollars, meint Barry Eichengreen. Quelle: REUTERS

Die aktuelle Dollarschwäche ist kein Signal für einen globalen Bedeutungsverlust der amerikanischen Währung. Denn der Euro ist strukturell zu schwach – und dem chinesischen Renminbi wird es wie Huawei beim 5-G-Netz ergehen, prophezeit US-Ökonom Barry Eichengreen in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche.

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Die jüngsten Schlagzeilen hatten es in sich: „Dollar im freien Fall!“ oder „Greenback als Weltwährung dem Untergang geweiht“, hieß es effekthascherisch in manchen Medien. Zuvor war der Dollarkurs auf ein Zweijahrestief gegenüber dem Euro gefallen.
Wie ist dieser Kursrutsch zu erklären? Als im März die Coronapandemie begann, zog der Dollarkurs angesichts des Geldstroms in als sicher betrachtete US-Schatzanleihen an – so wie er es traditionell zu Beginn jeder Krise tut. Im Mai bediente die als „Kreditgeber der letzten Instanz“ handelnde US-Notenbank Fed diese wahnwitzige Nachfrage nach Dollar, indem sie massenhaft Liquidität über den Finanzmärkten ausschüttete. Der Greenback gab daraufhin seine Gewinne wieder ab.

Die nachfolgende Abwertung spiegelt die sich wandelnden Aussichten der US-amerikanischen und europäischen Volkswirtschaften wider. Angesichts der Ausbreitung von Covid-19 haben sich die Perspektiven in den USA verschlechtert; daher gehen die Anleger davon aus, dass die Fed die Zinsen länger niedrig halten wird. In der Eurozone ist das Virus besser unter Kontrolle, und die Daten aus Umfragen der Einkaufsmanager sind überraschend positiv. Die verbesserten Aussichten bedeuten zwar nicht, dass die Europäische Zentralbank schnell den Leitzins anheben wird. Aber die Anleger gehen davon aus, dass die EZB die Zinsen früher normalisieren wird.

In dem Bemühen, die derzeitige Stärke des Euro zu erklären, verweisen einige Beobachter auf die Übereinkunft der europäischen Regierungschefs über die Ausgabe von EU-Anleihen im Volumen von 750 Milliarden Euro. Dies ist Unsinn. 750 Milliarden Euro entsprechen weniger als fünf Prozent der im Umlauf befindlichen US-Staatsanleihen. Sie sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und so ein Tropfen bringt keinen liquiden Markt für sichere Kapitalanlagen hervor.

Selbst wenn dies wirklich Europas „Hamilton-Moment“ sein sollte, wird die Ausweitung der EU-Emissionen um den Faktor 20 Jahrzehnte dauern. So lange dürfte Europa brauchen, um einen maßgeblichen Anlagewert mit der Liquidität von US-Schatzanleihen zu schaffen. Die Devisenmärkte aber werden vom Tagesgeschehen bestimmt und nicht von Dingen, die möglicherweise in ein paar Jahrzehnten passieren.

Tatsächlich ist die verblüffendste Lehre aus dem jüngsten Geschehen die Widerstandsfähigkeit des Dollars. Normalerweise halten die Anleger eine Währung dann, wenn die Politik des Emittenten solide und stabil ist. Die aktuelle US-Politik aber ist riskant und erratisch. Banken und Unternehmen halten eine Währung, wenn sie nützlich für die Fakturierung und die Abwicklung des Handels mit dem ausgebenden Land ist. Doch hat die Regierung von Präsident Donald Trump mehr als jede andere seit Menschengedenken getan, um den US-Handel zu stören. Regierungen ihrerseits halten und nutzen die Devisen ihrer Bündnispartner. Doch unter Trump sind die USA heute nicht mehr der zuverlässige Bündnispartner, der sie einst waren.

Könnte es angesichts dieser Gemengelage nicht zu einer Dollar-Abkehr von Banken, Unternehmen und Regierungen kommen? In Wahrheit hat sich die internationale Rolle der US-Währung nicht wesentlich verringert. Sie hat nur in Teilbereichen nachgelassen, etwa was ihren Anteil an den Devisenreserven der Notenbanken angeht, und selbst dort nur marginal.


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Die Erklärung dafür ist: Es gibt schlicht keine Alternative zum Dollar. Der Euro jedenfalls ist es nicht. Der Bestand an sicheren Euroanlagen bleibt entlang nationaler Linien aufgespalten, und Alexander Hamilton wird sobald nicht zur Rettung eilen.

Der chinesische Renminbi stellt erst recht keine praktikable Alternative dar. Angesichts der wachsenden Spannungen mit China wird keine westliche Regierung ihre Einwohner ermuntern, sich zu Liquiditätszwecken auf die chinesische Währung zu verlassen – genauso wenig, wie sie sie ermutigen wird, bei 5G auf Huawei zu setzen.

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