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Wagniskapitalgeber Einhorn-Börsengänge: Der Club der Milliardäre

Nur noch Börsengänge von Einhörnern: Risikokapitalgeber finanzieren Start-ups lieber erst bis zu einer Milliardenbewertung, also bis zum sogenannten Einhorn-Status, bevor sie ihre Beteiligungen an die Börse bringen. Quelle: imago images

Früher gingen Start-ups viel rascher an die Börse. Heute finanzieren Risikokapitalgeber sie ebenso bereitwillig wie ausdauernd – und schöpfen einen Großteil des Wachstums ab. Aktienanleger haben das Nachsehen.

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Das Jahr ist noch jung, aber das Geld der Investoren fließt schon wieder reichlich. Mehrere junge Unternehmen konnten seit Jahresbeginn frisches Geld von Wagniskapitalgebern einsammeln. Zum Beispiel OpenSea, ein US-Marktplatz für Non-Fungible Token (NFTs, nicht austauschbare Zertifikate): Der Plattform flossen Anfang Januar 300 Millionen Dollar zu, sie ist jetzt mit üppigen 13,3 Milliarden Dollar bewertet. Oder Ankorstore, gegründet von vier Franzosen: Der Großhandelsmarktplatz sammelte zu Jahresbeginn 250 Millionen Euro ein, unter anderem von den US-Investmentgesellschaften Tiger Global und Bain Capital, und wird nun mit 1,75 Milliarden Euro bewertet.

Bei Private-Equity-Gesellschaften und anderen Kapitalgebern sitzt das Geld locker. Junge Firmen, vor allem aus dem prosperierenden Fintech-Sektor, freut’s: Wenn sie frisches Kapital benötigen, müssen sie nicht lange suchen – und schon gar nicht an die Börse gehen, wo sie strengen Berichtspflichten unterliegen. Aktienanleger haben derweil das Nachsehen. Die Flut privaten Geldes, kombiniert mit längeren Haltedauern, führt dazu, dass Unternehmen immer reifer an die Börse gebracht werden. „Wenn man in die Vergangenheit schaut, auf die Börsengänge der heute bekannten, großen Firmen wie Google, Amazon, Microsoft: Da wurde 99 Prozent der Wertsteigerung am Aktienmarkt vollzogen und nur ein Prozent im Venture-Capital-Markt“, sagt Erik Podzuweit, Gründer des digitalen Vermögensverwalters Scalable Capital, im WirtschaftsWoche-Podcast Chefgespräch. „Das hat sich stark gedreht.“

Einhörner erobern die Börse

Firmen werden heute nicht mehr mit einer Bewertung von einigen Hundert Millionen an die Börse gebracht, so die Beobachtung des Scalable-Chefs, sondern oft erst mit einem Wert im Milliardenbereich. „Die Exitwerte haben sich mehr als verzehnfacht. Die Anfangsbewertungen, zu denen Investoren reingehen, sind ebenfalls gestiegen, aber bei weitem nicht so stark“, sagt Podzuweit im Podcast Chefgespräch. Exemplarisch nennt er den niederländischen Zahlungsabwickler Adyen, der 2018 mit einer Bewertung von rund sieben Milliarden Euro an die Börse ging. „Das sind Größenordnungen, die gab es früher nicht. Vor fünf, sechs, sieben Jahren war ein erfolgreicher Exit, wenn man da ein paar Hundert Millionen bekommen hat“, sagt Podzuweit.

Scalable Capital ist selbst ein Beispiel dafür, dass sich ein immer größerer Teil der Wertschöpfung vom öffentlichen Bereich, der Börse, in die Sphäre der Private-Equity- und Venture-Capital-Gesellschaften verlagert. Das Fintech hat in einer Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr 180 Millionen Dollar eingesammelt, die Hälfte davon stammte von dem chinesischen Digitalkonzern Tencent. Seitdem gehört auch Scalable zu den Einhörnern, den Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar. Einen Börsengang (Initial Public Offering, IPO) schließt Podzuweit trotz weiterer Wachstumspläne fürs Erste aus: Ein IPO befinde sich noch vier, fünf Jahre in der Zukunft – „weil man sich auch gut im privaten Bereich finanzieren kann“.

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    Die Heuschrecken sind zahm geworden

    Der Trend ist eindeutig: Eine Riege großer, professioneller Kapitalgeber schöpft beim Wachstum junger Unternehmen den Rahm ab. Kleinanleger bekommen die Reste – wenn ein Börsengang überhaupt der Exit der Wahl ist, schließlich gibt es noch andere Wege für Profiinvestoren, aus einer Beteiligung auszusteigen. Das Ironische daran: Für kürzere Engagements und raschere Exits wurden Beteiligungsgesellschaften einst hart angegangen. Zum Beispiel von Franz Müntefering. Der damalige SPD-Vorsitzende bezeichnete Private-Equity-Gesellschaften in einem Interview im Jahr 2005 als „Heuschrecken“, die Unternehmen „Substanz absaugen“ und dann weiterziehen würden.

    Das Bild der Heuschrecke ist heute schiefer denn je. Seit der Finanzkrise 2008 engagieren sich Kapitalgeber deutlich langfristiger bei Unternehmen, sagt Steve Roberts, Leiter des Bereichs Private Equity bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC Deutschland. „Bei den meisten Beteiligungen geht es heute um Transformation und Entwicklung. Das schafft man in der Regel nicht in drei Jahren“, sagt er. „Gerade für die Entwicklung junger Unternehmen benötigt man Zeit, Geduld und Kapital.“ Das hätten Private-Equity-Gesellschaften inzwischen besser verstanden.



    Dass Anleger beim IPO reifere Unternehmen serviert bekommen, ist quasi ein Kollateralschaden. Wobei es gar nicht immer zum Nachteil der Anleger sei, wenn eine Firma unter den Fittichen privater Kapitalgeber erwachsen geworden sei, sagt Roberts: „Um Rendite für Anleger zu generieren, muss ein Unternehmen nicht unbedingt ein starkes Wachstum verzeichnen.“

    Im Privatsektor ist es gemütlicher

    Schwierig wird es, wenn Unternehmen im privaten Bereich so zufrieden sind, dass sie überhaupt nicht mehr an die Börse gehen wollen. Denn dann bleiben Privatanleger auf jeden Fall außen vor – außer, sie investieren in Private-Equity-Gesellschaften selbst.

    Die Tendenz junger Firmen, sich abseits des Börsenparketts einzurichten, ist bereits seit längerem zu beobachten. Ende der 1990er Jahre gab es in den USA fast 8000 börsengelistete Unternehmen. Im vergangenen Jahr waren an der New Yorker Börse und der Technologiebörse Nasdaq zusammen weniger als 6000 Firmen notiert. Die Gründe dafür sind vielfältig: das wachsende Volumen privater Finanzierungen etwa, oder zunehmende Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit, die junge Unternehmen abschrecken. Womöglich spielt auch der Siegeszug passiver Investments eine Rolle, der großkapitalisierte Unternehmen, die es in Börsenindizes schaffen, begünstigt.

    Immerhin: Es gibt Anzeichen dafür, dass der Trend wieder dreht. Im vergangenen Jahr hat die Zahl der Börsengänge deutlich angezogen. Laut der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY war 2021 das stärkste IPO-Jahr seit der Jahrtausendwende. Fast 2400 Unternehmen weltweit wagten bis Mitte Dezember den Sprung aufs Parkett, 64 Prozent mehr als im Vorjahr. Darunter waren auch viele Firmen, die sich zuvor in den Händen von Private-Equity- oder Venture-Capital-Gesellschaften befunden hatten, wie der Online-Fahrradhändler Bike24 oder der Gebrauchtwagenhändler Auto1. Für das laufende Jahr erwarten Marktbeobachter ebenfalls einige große IPOs. Wie stark das Wachstum der betreffenden Unternehmen nach dem Börsengang noch ausfällt, wird sich indes erst in einigen Jahren beurteilen lassen.

    Mehr zum Thema: Im Podcast erzählt Scalable-Capital-Mitgründer Erik Podzuweit, was die Arbeit bei Goldman Sachs mit Rugby gemeinsam hat, warum er sich einst als Kissenverkäufer versuchte – und wie die Bank der Zukunft aussehen wird.

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