Warren Buffett: Die Mühen der Buffett-Jünger und die nächste Berkshire Hathaway
Investor-Legende Warren Buffett
Foto: REUTERSStundenlanger Flug in die USA, dann zwei Tage im Konferenzsaal, bis man sein Idol zu sehen bekommt: Die deutschen Aktionäre von Berkshire Hathaway nehmen einiges in Kauf, um die Unternehmenschefs Warren Buffett und Charlie Munger zu sehen, die mit 92 und 99 Jahren eine Show für 40.000 Anhänger bieten. Die Hauptversammlung ihres Beteiligungsunternehmens wird häufig als das „Woodstock des Kapitalismus“ bezeichnet.
Die rund 60 deutschen Profiinvestoren allerdings, die dorthin pilgern, feiern wenig und arbeiten viel. Von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends hocken die Teilnehmer der Reisegruppe zunächst in einem Konferenzsaal im Marriott-Hotel. Jeder präsentiert eine Aktiengesellschaft, man diskutiert darüber, dann folgt der nächste Vortrag. Daneben pflegt man die deutsch-amerikanische Freundschaft und blickt zurück in eine Zeit, als Deutschland noch große Forscher hervorbrachte.
Gemeinsam mit aktienbegeisterten Amerikanern hören sich die Anlageprofis dieses Jahr Vorträge über den deutschen Forschungsreisenden Alexander von Humboldt an. Der lebte von 1769 bis 1859 und prägte mit seinen Forschungen das Wissen über die Welt, so, wie Buffett und Munger heute das Wissen um die Unternehmensanalyse und Aktienanlage prägen.
Aktionärstreffen als Energiequelle
Hendrik Leber, Gründer des Fondsanbieters Acatis und selbst Fondsmanager, ist mit mehreren Acatis-Kollegen nach Omaha gereist und „voller Energie zurückgekehrt“, wie er sagt. Die Reisenden seien beeindruckt gewesen von den Lebenserinnerungen, die Munger und Buffett preisgaben, von den vielen vielen chinesischen Besuchern und dem freundlichen Miteinander bei der Aktionärsversammlung.
Es wurde getanzt, Musik gespielt, Andenken verkauft. „So etwas wäre in Deutschland vermutlich nicht möglich“, bedauert Leber. Schon 1976 war er zum ersten Mal zum Aktionärstreffen in Omaha. Ein Jahr später legte er den Fonds Acatis Aktien Global auf, ein weltweites, gemischtes Aktiendepot, das manchen Buffett-Prinzipien folgt.
Lebers Lehre aus den vielen Investments, die er bei Buffett im Laufe der Jahre beobachtet hat: Der Gewinn an der Börse liegt nicht im Handeln, sondern im Behalten. Also lässt Leber sich kaum von Quartalszahlen oder der Notenbankpolitik beeindrucken und bleibt in Unternehmen langfristig investiert. Dann kann der Zinseszinseffekt seine Kraft entfalten, lehrte Buffett stets.
Die Performance vieler Anleger sei häufig schwächer als die ihrer Aktien oder Fonds, sagt Leber. Der Grund: Anleger sind zu ungeduldig und halten die Papiere oder Fondsanteile nicht lange genug. Auch mit mehr Geduld dürfe man allerdings keine zu hohen Erwartungen haben. Nur alle rund fünf Jahre treffe man eine Entscheidung, die alles in den Schatten stelle. Der Rest sei Durchschnitt, habe Buffett gesagt. „Die Glücksentscheidung, die alles rauszieht, ist selten“, sagt Leber, auch aus eigener Erfahrung heraus. Corona-Impfstoffhersteller Biontech zählt bei Acatis sicherlich zu diesen Glückstreffern.
Technologischer Nachholbedarf
Manche Entwicklung bei Berkshire betrachtet Leber inzwischen kritisch. Technologisch, so sei es auf dem Aktionärstreffen deutlich geworden, sei das Unternehmen in einigen Kerngeschäftsfeldern schwach auf der Brust. So berichteten die Spartenchefs etwa, dass Autoversicherer Geico, eine der Beteiligungen der Holding, 500 IT-Systeme auf 15 reduzieren wolle. Bei seinen Versicherungen muss Buffett offenbar längst branchenweit eingeführte IT-Unterstützung bei der Prämienberechnung, die sich etwa am Fahrstil orientieren kann, erst noch installieren. Auch in der Logistikabstimmung der Eisenbahnen im Portfolio ist der aktuelle Stand der Technik wohl noch nicht erreicht.
Berkshire ist stark und finanzkräftig, aber offenbar wurden ein paar Investitionen vernachlässigt. Für Hendrik Leber ist das ein Manko. Einige der erst jetzt geplanten IT-Investitionen hätte das Unternehmen schon vor Jahren angehen müssen. Das Beharrungsvermögen, das bei Berkshire Hathaway für die Investments in Aktien ideal ist, ist bei der Führung der Beteiligungen vielleicht nicht immer ideal.
Immerhin: Die Zahlen, die Buffett und Berkshire-Co-Chef Charlie Munger präsentieren, sind grundsolide. Von 500 Milliarden Dollar Eigenkapital sind 127 Milliarden in kurzlaufenden Geldmarktanlagen investiert, die etwa fünf Prozent Zinsen abwerfen.
Ähnliche Strategie, weniger Heldentum
Leber hat auch schon ein Unternehmen im Blick, das die nächste Berkshire Hathaway werden könnte. Markel Corporation (US5705351048) aus Richmont im US-Bundesstaat Virginia ist, wie Berkshire in Teilen ebenfalls, ein Versicherungsunternehmen. Es kassiert Versicherungsprämien und legt das Geld aus dem Versicherungsgeschäft renditestark an – erzielt also den doppelten Gewinn, der auch Buffett so erfolgreich machte. Dabei zeichne sich Markel durch „weniger Heldenverehrung und mehr Tagesgeschäft“ aus, so Leber. Zudem seien manche Unternehmenskennzahlen besser als bei Berkshire.
Heiko Böhmer, Aktienstratege bei Shareholder Value Management in Frankfurt, war ebenfalls in Omaha und repräsentierte das Haus in diesem Jahr bei der Aktionärsversammlung. Ein paar Aktien haben die Frankfurter also noch behalten. Manche mussten sie wegen der fehlenden Nachhaltigkeitsbemühungen von Berkshire Hathaway aus Fonds verkaufen. Mit ihren vielen Ölbeteiligungen und einer schwachen Corporate Governance schneiden die Aktien in Nachhaltigkeitsanalysen schlecht ab. Und in puncto Nachhaltigkeit ist Buffett unnachgiebig. Hauptversammlungsvorschläge zu mehr Vielfalt in der Geschäftsführung und zum Treibhausgas-Ausstoß wurden auch dieses Jahr wieder abgelehnt.
Böhmer ist vor allem in Erinnerung geblieben, dass Buffett die Teilnehmer auf niedrigere Erträge eingeschworen hat. Dass die Zeit der hohen Kursgewinne nach dem jahrelangen US-Aktienkursanstieg vorbei sein könnte, ist aber keine Überraschung. Bei Banken bleibt Buffett der Bank of America treu, hat aber andere Bankaktien verkauft. Im Bereich der US-Gewerbeimmobilien, der momentan als wackelig gilt, wird sich Berkshire Hathaway offenbar nicht engagieren, hörte Böhmer heraus.
Rund 50 Aktionärsfragen haben Buffett und Munger ausführlich beantwortet. Auf Böhmer wirkten die Herren dabei noch vitaler als vor einem Jahr. Sie gaben auch ein paar Lebensweisheiten an die Zuhörer weiter, etwa: Weniger Geld ausgeben, als man verdient. Das Geheimnis ihrer Gesundheit enthüllten sie nicht.
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