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Wechselkurs im Brexit-Chaos Auf und Ab beim Pfund: Gut für Touristen, schwierig für Anleger

Das britische Pfund: Einst starke Währung, dank Brexit-Chaos inzwischen ein Fünftel billiger Quelle: imago images

Das Brexit-Chaos setzt die britische Währung seit Jahren unter Druck. Das Pfund-Sterling ist zudem ungewöhnlich schwankungsfreudig. Wer daraus Vorteile ziehen kann – und wie Profi-Anleger ihr Risiko begrenzen.

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Leidtragende des Brexit-Chaos ist auch die britische Währung. Sie ist so volatil, dass sich Großanleger und Unternehmen längst vor den Schwankungen schützen und dazu Währungssicherungsgeschäfte abschließen. Nach Jahren, in denen das Pfund immer schwächer wurde, stellt sich jetzt aber wieder die Frage, wie es mit dem Pfund-Sterling weitergeht. Was erwartet Touristen aus dem Euroland, die einen Urlaub auf der Insel planen? Oder Eltern, deren Kinder ein Schuljahr in einem der beliebten britischen Internate verbringen möchten? Bei Preisen zwischen 9000 und 15.000 Pfund für einen von gleich drei Terms pro Schuljahr, lohnt es sich, die Währungsschwankungen im Blick zu behalten.

Aktuell kostet ein Euro im Schnitt 0,8968 Pfund-Sterling. Im Juli 2015 – damals begann man gerade erst über den Brexit zu diskutieren – sah das noch anders aus. Damals war das Pfund eine starke Währung. Wer einen Euro hergab, bekam dafür nur rund 0,69 Pfund. Das britische Pfund hat aus Sicht des Euroland-Bürgers seitdem aber um 22 Prozent abgewertet. Richtig bergab ging es nach dem überraschenden Brexit-Votum im Juni 2016. Heute zahlen Euroland-Bürger für das Pfund somit rund ein Fünftel weniger als 2015.

Gut für Touristen, schlecht für Importeure, riskant für Anleger

Inzwischen machen Euroland-Touristen billiger Urlaub auf der Insel, kaufen Euroland-Unternehmen Vorprodukte dort günstiger ein und Investoren kommen günstiger an Immobilien. Im Gegenzug werden Importe für die Briten teurer. Da das Pfund auch gegenüber dem US-Dollar stark abgewertet hat, ist der Pfund-Verfall für die Briten beim Einkauf von US-Waren spürbar. Wer in Großbritannien investiert, geht damit immer indirekt auch ein Währungsrisiko ein. Um Planungssicherheit zu bekommen, schalten Experten das lieber aus.

Matthias Grimm leitet das sogenannte „Overlay Management“ im Asset Management bei der Privatbank Berenberg. In dieser Rolle beschäftigt er sich auch mit der Währungssicherung von Großanlegern und Unternehmen. Kann sich der Währungsexperte über die politischen Manöver in London noch aufregen? Schockt ihn die vergangene Woche mit den Turbulenzen im Parlament um das No-Deal-Brexit-Gesetz und eine Pause des Parlaments? „Nein“, sagt Grimm. Zumindest nicht aus der Perspektive des Währungsmanagers, denn schon seit den Diskussionen über den Brexit haben viele seiner Kunden ihre offenen Währungspositionen in Pfund „risikoneutral positioniert“- also abgesichert. Wenn die Stimmung hochkocht, ist es für die Währungssicherung zu spät. Deshalb rät Grimm, sich möglichst schon vor einer Investition mit den Währungsrisiken auseinanderzusetzen. Mit Währungen sollte nicht spekuliert werden, meint er. Währungen sind für ihn nur „ein unausweichlicher Nebeneffekt eines globalen Investments“, dessen Ertrag aus der Aktie oder einer Immobilie gezogen werden sollte.

Langfristig können sich Währungsschwankungen zwar meist ausgleichen – das zeigt die Historie. Mal ist die eine, mal die andere Währung stärker oder schwächer. Aber am Brexit wird klar, wie hoch die Schwankungen in der Zwischenzeit sein können. „Kurzfristig kann so ein Währungsevent eine Investition ruinieren“, sagt Grimm.

Ohne Absicherung wären die Börsengewinne weg

Wer große Summen am britischen Aktienmarkt investiert, konnte von den Kursgewinnen der vergangenen Jahre profitieren. Der FTSE-Aktienindex hat seit Mitte 2016 etwa 18 Prozent zugelegt. Wer sich nicht gegen die Abwertung des Pfunds abgesichert hat, dem haben die Währungsschwankungen diese Gewinne aufgezehrt. Wie man sich absichert, weiß Grimm: „Aktiendepots werden über Devisentermingeschäfte mit unterschiedlichen Zeiträumen abgesichert“, sagt er. Dazu analysiert er mit den Kunden, ob sie das Währungsrisiko zu 100 Prozent oder geringer sichern sollten. „Die Ausgestaltung richtet sich dann individuell nach der Risikoneigung und den Zielen des Anlegers“, so Grimm. Die Sicherung wertet im gleichen Maße auf, wie das Pfund abwertet und umgekehrt. Die Kosten der Sicherung ergeben sich durch die unterschiedlichen Zinssätze in der Eurozone und im Pfund-Raum. Wer absichert, muss für die Besicherung der Geschäfte zudem noch Liquidität zur Verfügung stellen - die so genannten Margin-Calls. Unternehmen werden solche Kreditlinien üblicherweise bereits von ihren Banken eingeräumt.

Anleger mit Währungssicherung können jetzt die Diskussion über den „No-Deal-Brexit“ ganz entspannt verfolgen. Sobald der No-Deal wahrscheinlicher wird, gibt das Pfund gegenüber dem Euro nach. Die mögliche Verschiebung eines Brexit-Termins allerdings ließ in den vergangenen Tagen das Pfund wieder erstarken – von solchen Gewinnen profitieren die abgesicherten Anleger dann leider nicht mehr.

Seit Johnson Regierungschef ist, sind die Schwankungen doppelt so stark

Die Schwankungen beim Pfundkurses sind so stark geworden, dass sich etwa Spekulanten, die in den vergangenen Jahren gegen das Pfund oder auf unterschiedlichste Szenarien in der politischen Debatte gewettet hatten, bereits wieder aus dem Markt verabschiedet haben. Die Wetten sind vielen zu heiß geworden. „Seit der Ernennung von Boris Johnson zum Premierminister haben sich die Schwankungen des Pfundkurses verdoppelt“, sagt Grimm. Lag die Volatilität des Pfundkurses zuvor bei rund sechs Prozent, sind es jetzt etwa 13 Prozent – ähnlich hoch wie bei globalen Aktien.

Der Brexit-Zeitplan

„Bei einer Diskussion um die Verschiebung des Brexits, hat sich die Volatilität in der Vergangenheit zeitweise allerdings auch wieder reduziert“, sagt Grimm. Das beobachtet der Währungsexperte auch für andere Währungen von Industrieländern. Unter den großen zehn Industriestaaten sei die Währungsvolatilität sogar gesunken und so niedrig, wie selten zuvor. Also kein Grund zur Panik für Währungsmanager.

Wer in Zukunft eine größere Summe nach Großbritannien überweisen möchte, kann sich jetzt ein Pfundkonto bei seiner Bank einrichten lassen und beim Umtausch vom aktuell starken Euro und niedrigen Pfundkurs profitieren. Die Scharmützel zwischen Premierminister und Parlament kann man dann gelassener hinnehmen.

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