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Zentralbanken Wie lange kann das Ponzi-Spiel noch gutgehen?

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Schuldgeldsystem gerät in schweres Fahrwasser

Beifallsbekundungen sollte das aber nicht auslösen. Schließlich war das Fiat-Geld der Zentralbanken die Ursache der Misere. Und ihre Eingriffe haben die aufgelaufenen Probleme nicht etwa gelöst, sondern verschlimmert. Die Volkswirtschaften befinden sich nun im Blindflug. Ob es sich um die Preise von Aktien, Anleihen, Häusern oder Derivaten handelt – alle werden durch die niedrigen Zinsen aufgebläht.

Die verzerrten Preise leiten die Marktakteure in die Irre. Das Treffen von richtigen Entscheidungen wird erschwert, wird unmöglich gemacht. Es kommt zu Spekulationsblasen, zu Fehllenkungen von Kapital, Verschwendung und Kapitalaufzehrung.

Die Volkswirtschaften sind höher verschuldet denn je. Ihre Abhängigkeit von niedrigen Zinsen war nie größer. In den vergangenen Jahren wurden nicht nur neue Kredite zu Tiefstzinsen aufgenommen. Es wurden auch fällige Kredite durch neue Kredite ersetzt, die mit Tiefstzinsen ausgestattet sind. Schon leicht steigende Zinsen würden überdehnten Schuldnern arg zusetzen. Sie würden das Vertrauen in die Kreditqualität von Staaten, Banken, Unternehmen und Konsumenten verpuffen und die Kreditpyramide kollabieren lassen. Mit anderen Worten: Eine Abkehr von der Niedrigzinspolitik ist nicht mehr möglich, ohne die Produktions- und Beschäftigungsstruktur, die sich in der Phase der niedrigen Zinsen aufgebaut hat, zu zerstören.

Wenn sich der Eindruck aufdrängt, man hätte es hier mit einem „Ponzi-Spiel“, einem „Schneeball-System“, zu tun, so kommt das nicht von Ungefähr. Das weltweite Fiat-Geldsystem schafft Schulden, die nur bedient werden können, wenn es immer mehr Schulden gibt. Bernard L. Madoff, der am 29. Juni 2009 aufgrund seines Ponzi-Spiels zu einer Haftstrafe von 150 Jahren verurteilt wurde, wird sich vermutlich fragen, warum nicht auch die Verantwortlichen in Zentralbanken angeklagt werden.

„Weiter so“

An diesen Märkten kracht es
Mit Chinas Aktienmarkt fing alles an: Jahrelang propagierte die Regierung in Peking den Einstieg in Aktien – ganz offiziell in den Staatsmedien. Der kleine Mann sollte an der Börse investieren und den chinesischen Unternehmen zu Kapital verhelfen. Doch mit dem stagnierenden Wirtschaftswachstum kamen Zweifel auf. Die Börsen in Schanghai und Shenzhen brachen innerhalb weniger Wochen drastisch ein. Und das Virus China begann, sich auszubreiten. Quelle: dpa
So zog Chinas Schwäche zum Beispiel auch das deutsche Aktienbarometer nach unten. Viele exportorientierte Dax-Unternehmen, vor allem die Autobauer, haben gelitten. Weil am Donnerstag die USA zusätzlich mit guten Konjunkturdaten aufwarten konnten und die Zinswende damit näher zu rücken scheint, ließ der Leitindex am Freitag weiter Federn. Zum Handelsschluss notierte er gut 300 Punkte tiefer bei 10.124 Punkten. Auf Wochensicht verlor der Dax knapp acht Prozent oder 861 Punkte. Quelle: REUTERS
Die voraussichtlich schlimmste Woche des Jahres für Aktien hat am Freitag auch die Wall Street nicht verschont. Nach enttäuschenden Konjunkturdaten aus China lagen die wichtigsten Indizes in New York zur Eröffnung deutlich im Minus. Der Dow-Jones-Index lag mit 16.815 Punkten ein Prozent im Minus. Der breiter gefasste S&P-500 tendierte mit 2.016 Zählern ebenfalls fast ein Prozent tiefer. Quelle: AP
Nicht nur an den Börsen, auch bei den Währungen ging es zuletzt deutlich bergab. Anfang der Woche gab die chinesische Zentralbank überraschend den Yuan-Wechselkurs frei – woraufhin dieser um mehrere Prozent nach unten rauschte. Auch in den Folgetagen konnte die Regierung den Kurs nur mit Mühe über Devisenverkäufe stabilisieren. Grundsätzlich will Peking daran festhalten, den Referenzkurs für den Wechselkurs nach Angebot und Nachfrage zu bestimmen. Quelle: dpa
Nicht nur der Yuan, auch die Schwellenländerwährungen allgemein haben in dieser Woche stark gelitten. Die türkische Lira, zum Beispiel, erreichte einen historischen Tiefstand nach dem anderen. Der Grund: Investoren ziehen ihr Geld aus den Schwellenländern ab und investieren es eher wieder im Dollar und Euro-Raum. Viele Schwellenländer hängen am Tropf Chinas. Das Vertrauen der Investoren schwindet daher. Quelle: REUTERS
Nach unten ging es diese Woche auch für den Ölpreis. Zuletzt kostete ein Barrel Brent noch 45,90 Dollar, ein Barrell der Sorte WTI noch knapp über 40 Dollar. Experten gehen längst davon aus, dass der Preisverfall weitergeht. Der Grund: Die USA hat durch die Schieferölförderung in nur vier Jahren die eigene Ölproduktion nahezu verdoppelt. Das dadurch steigende Angebot will und kann die Opec auch mittelfristig durch eigene Produktionskürzungen nicht kompensieren. Quelle: dpa
Doch nicht nur der Ölpreis leidet: Auch die Aktien der großen Ölunternehmen Exxon Mobil, Chevron, Royal Dutch Shell und Petrochina sind zuletzt deutlich eingebrochen. Experten warnen Anleger derzeit vor einem Wiedereinstieg. Quelle: dpa

Warum will die US-Zentralbank jetzt die Zinsen anheben? Vielleicht, weil einige Fed-Entscheider meinen, die US-Wirtschaft könne höhere Zinsen vertragen. Vielleicht, weil die Geldpolitiker wissen, dass man Zinssteigerungserwartungen wach halten muss. Denn würde sich die Erwartung durchsetzen, dass die Zinsen auf ewig an der Nulllinie bleiben, verabschieden sich Sparer und Investoren aus dem Schuldpapiermarkt. Der Kreditstrom versiegt, das Schuldgeldsystem gerät in schweres Fahrwasser. Ohne Zins überlebt das Fiat-Geldsystem nicht. Die Hoffnung, mit Schuldpapieren etwas verdienen zu können, darf nicht untergehen.

Daher bemühen sich die Zentralbanken sehr, die Erwartung wachzuhalten, dass die Zinsen irgendwann einmal wieder angehoben werden. Gleichzeitig schieben sie jedoch den Zeitpunkt der Zinssteigerungen immer weiter vor sich her – weil sie die Zinsen nicht anheben wollen und auch nicht mehr anheben können, von kosmetischen Anpassungen einmal abgesehen. Das Motto, dem die Zentralbankräte weltweit folgen, lautet „Weiter so!“ Sie sehen es als ihre Aufgabe an, die Finanzmärkte vor dem Zusammenbruch zu bewahren und die Konjunkturen in Gang zu halten. Und was immer dazu erforderlich ist, werden sie tun. So hat die Europäische Zentralbank jüngst angekündigt, noch mehr Staatsanleihen zu kaufen, sollte sich die Lage an den Finanzmärkten verschlechtern.

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