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Zschabers Börsenblick
Nicht jeder Börsenneuling ist per se ein Renditegarant. Quelle: imago images

Der Börsengang-Boom – auch etwas für Privatanleger?

Die Neuemissionen häufen sich derzeit wie lange nicht mehr. Die Marktteilnehmer haben die Qual der Wahl – sollten sich aber auch fragen, ob sie wirklich bei jeder Börsenstory von Anfang dabei sein müssen.

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Wer sich den derzeitigen Markt für Börsengänge anschaut, fühlt sich womöglich an den Ketchup-Flaschen-Effekt erinnert, den jeder kennt, der oft grillt: Erst kommt lange Zeit gar nichts aus der Flasche, so stark man auch auf ihren Boden haut – aber einmal gelöst, schießt der Ketchup plötzlich heraus. Auch bei den IPOs hat es derzeit den Anschein, dass nach längerer Lethargie auf einmal wieder so viel Schwung in den Markt kommt, dass das Parkett förmlich überflutet wird.

Das gute Börsenumfeld in Form der starken Kurszuwächse über die vergangenen Monate hat die Unternehmen wieder aufmerksam auf den Kapitalmarkt gemacht. Und ist erst einmal eine der Gesellschaften erfolgreich damit, sich Anlegergelder auf diesem Wege zu beschaffen, überkommt viele andere Firmen in ähnlicher Situation plötzlich die Sorge, nicht rechtzeitig auf diesen Zug aufzuspringen. Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

An und für sich ist diese rege Betriebsamkeit ja ein gutes Zeichen, sind Börsengänge doch ein wichtiger Bestandteil des gesamten ökonomischen Systems: Unternehmen besorgen sich über die Börse Kapital bei den Anlegern, um damit Investitionen vorzunehmen, zu wachsen und so dem Wirtschaftsmotor weiteren Schub zu geben. Das schafft weitere Arbeitsplätze und und und. Den Anlegern wiederum wird mit jedem IPO eine weitere Möglichkeit geboten, an der Börse zu investieren und sich an einem Unternehmen zu beteiligen. Und mit der Wertentwicklung dieser Anteile kann der Aktionär einen Beitrag zum eigenen Vermögensaufbau leisten, etwa um für das Alter vorzusorgen.

Im Zuge der zunehmenden Zahl an Börsengänge dürfte allerdings manch ein Anleger zu blindem Aktionismus verführt werden – etwa weil er befürchtet, nicht von Anfang an einer zukünftigen Erfolgsstory beizuwohnen. Wer sich vor Augen führt, zu welchem Kurs etwa Amazon vor 24 Jahren an die Börse ging und wo die Notierung heute steht, fragt sich schließlich unweigerlich: Was wäre, wenn ich damals nur 1000 Euro in das Amazon-IPO investiert hätte...

Abgesehen davon, dass auch an der Börse der Konjunktiv wenig hilfreich ist und solche Rechenspiele irgendwie auch immer deprimierend sind, vergessen viele Anleger, dass Aktien kein Selbstläufer sind. Voraussetzung für eine gute Performance ist immer, dass das Unternehmen, das da mit Pauken und Trompeten an die Börse kommt, in der Folge prosperiert und sich sein Aktienkurs entsprechend entwickelt.

Nicht jeder Börsenneuling ist per se ein Renditegarant, geschweige denn ein zweites Amazon. Dabei schadet es grundsätzlich nicht, sich abseits aller noch so blühenden Kursfantasie eines Börsendebütanten dessen pure Fakten und Daten zu Gemüte zu führen, gerade konservative und langfristig orientierte Anleger sollten ja Wert auf Zahlen legen. Die Bewertung der Unternehmen ist dabei ein wichtiger Punkt: Experten setzen Umsätze oder – so es sie denn gibt – Gewinne in Relation zum Emissionspreis und daraus lässt sich ableiten, ob ein IPO etwa zu günstig oder zu teuer ist. Da allerdings die Bewertung für sich allein auch keine Garantie für Kurszuwächse ist, hat es durchaus Sinn sich zusätzlich die Frage zu stellen, wie ein Unternehmen wohl bei den Marktteilnehmern „ankommt“. Denn diese bestimmen letztendlich nachher über Wohl und Wehe eines Aktienkurses. Man muss vielleicht nicht gleich von Schwarmintelligenz sprechen – oftmals ist Börse eher emotional denn intelligent –, aber eine Indikation kann die Marktmeinung in jedem Fall darstellen. Und diese lässt sich erst ablesen, wenn das Unternehmen für eine Weile an der Börse ist.

Es gibt aber noch einen anderen Punkt, warum es sich auszahlen kann zu warten: Wenn in den ersten Tagen nach einem Börsengang die zuerst gestiegenen Kurse plötzlich korrigieren – beispielsweise weil manch ein Aktionär, dem eine schnelle Wertentwicklung von ein paar Prozent schon reicht, verkauft –, kann das immer noch eine gute Gelegenheit für den Einstieg sein. Oder man lässt sogar ein paar Monate ins Land gehen: Als beispielsweise Facebook im Mai 2012 an die Börse ging, lag der Emissionspreis bei 38 Dollar – im darauffolgenden Oktober hätte man das Papier unter 20 Dollar einsammeln können. (Wer es nicht auf dem Schirm haben sollte: Heute bewegt sich die Notierung um die 350 Dollar.)

In Tagen wie diesen, kurz nach einer EM, mögen Fußballbilder etwas arg strapaziert sein. Aber auch an der Börse ist es mitunter ratsam sich das Treiben fürs Erste abseits des Spielfeldrands anzuschauen, sprich ein IPO erst einmal geschehen zu lassen, ohne dass man sich als Aktionär selbst sofort engagiert. Wer Angst hat, dass die IPO-Flut vorübergeht, ohne dass er eine einzige Neuemission gezeichnet hat, sollte sich eines vor Augen halten: Aktien können dann noch kaufenswert sein, selbst wenn ihr IPO schon Jahre zurückliegt. Bei Wertpapieren ist es eben ein bisschen wie bei Fußballprofis – man sollte sie nicht in die Kategorien jung oder alt einordnen. Sondern in gut oder schlecht.

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Mehr zum Thema: Für die WirtschaftsWoche hat die Beratungsgesellschaft BCG aus den Geschäftszahlen und Börsenkursen von 2400 Aktien durchleuchtet und die stabilsten Gewinnbringer ermittelt. Hier das 17-seitige Dossier zum Download.

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