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Goldfixing Wer täglich den Goldpreis festlegt

In London wird täglich festgelegt, was eine Unze des gelben Metalls kosten soll - nach Regeln aus dem Jahr 1919.

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Kilogramm-Goldbarren Quelle: dpa

Es scheint fast wie ein Wunder, aber es funktioniert: Fünf Banker in London handeln an jedem Börsentag den Goldpreis aus – und Banken, Minengesellschaften und Großinvestoren akzeptieren diesen Preis. Der hier „gefixte“ Goldpreis ist Referenzwert für alle Goldgeschäfte.

Jeremy Charles ist einer dieser Banker. Der Brite, der mit seinem blond-graumelierten Haar dem James-Bond-Darsteller Daniel Craig ähnelt, ist weltweit für das Edelmetallgeschäft der britisch-asiatischen HSBC verantwortlich und leitet in dieser Funktion ein Jahr lang das Goldfixing. Zum ersten Mal trat er 1980 an, vorschriftsmäßig mit Krawatte, dunklem Anzug und blank geputzten Schuhen: „Ich war extrem nervös. Das Goldfixing hatte eine geradezu mystische Aura, die Verantwortung war riesengroß. Man durfte sich keinen Fehler erlauben“, sagt Charles.

Von 1919 bis Ende April 2004 lief das Fixing immer nach demselben Ritual ab, im Herzen der Londoner City, in den Geschäftsräumen der Privatbank N. M. Rothschild & Sons an der St. Swithin Lane. Charles erinnert sich an den Ehrfurcht einflößenden, holzgetäfelten Raum, in dem Ölgemälde europäischer Monarchen hingen und eine wertvolle alte Uhr tickte. An polierten Tischen saßen die fünf Banker, jeder hatte neben seinem altmodischen Telefon einen kleinen Flaggenständer mit dem Union Jack. „Ich mochte die Romantik, ich bin halt seit 35 Jahren im Geschäft – manche würden mich einen Dinosaurier nennen“, sagt Charles.

Der Goldpreis, der seit dem 12. September 1919 einmal und seit 1968 zweimal täglich festgestellt wird, ist der Richtwert für den globalen Goldhandel. Am Londoner Markt für physisches Gold (London Bullion Market) bieten die Gold-Broker zwar laufend Kurse, zu denen Gold gehandelt wird. Für viele große Geschäfte und zur Bewertung ihrer Bestände brauchen Minengesellschaften, Investoren, Banken und Zentralbanken einen gemeinsamen Referenzpreis. Münzhändler und Schmuckhersteller weltweit orientieren sich an ihm; er ist zudem auch Basis für Derivate-Geschäfte.

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    Von 1919 bis 1968 wurde er in Pfund Sterling notiert, seit 1968 in US-Dollar. Beide Papierwährungen haben gegenüber Gold gewaltig an Wert verloren: 1919 wurde die Feinunze Gold (31,1 Gramm) beim ersten Fixing mit vier Pfund, 18 Shilling und neun Pence bewertet – heute etwa 6,50 US-Dollar. Aktuell kostet die Unze 1380 Dollar gleich 873 Pfund , mehr als das 200-Fache des Preises von 1919.

    Grossbanken übernehmen

    Rothschild zog sich 2004 aus dem Goldhandel zurück – das Geschäft lohnte sich angeblich nicht mehr. Die anderen vier Gründungsmitglieder des Fixings – Mocatta & Goldsmid, Samuel Montagu & Co., Pixley & Abell und Sharps & Wilkins – wurden in den Neunzigerjahren von Großbanken übernommen oder verkauften ihre Sitze. Heute handeln HSBC, die britische Barclays Capital, die kanadische Bank of Nova Scotia, die französische Société Générale und die Deutsche Bank den Goldpreis aus – immer noch nach den Regeln von 1919.

    Das Ritual findet an jedem Werktag um 10.30 Uhr und 15 Uhr statt. Die Sitzungen, die früher immer von Rothschild geleitet wurden, laufen jetzt unter dem jährlich rotierenden Vorsitz einer der Banken. Seit Mai 2004 kommen die Vertreter der fünf Häuser nicht mehr in einem Raum zusammen, sie telefonieren oder geben Preise in Handelssysteme ein. Auch die Krawattenpflicht gilt längst nicht mehr – Jeremy Charles, den der starke Schneefall an diesem Wintertag gezwungen hatte, statt zu Hause überraschend im Hotel in London zu übernachten, trägt offenen Kragen und Plastikmanschettenknöpfe in seinem neu gekauften Hemd.

    Bei HSBC sitzt rund ein Dutzend Edelmetallhändler in einer Ecke des großen Handelsraums, in dem auch Devisen- und Rentenhändler untergebracht sind. Zu Beginn der Sitzung schlägt einer der erfahrenen Mitarbeiter, der das Fixing leitet, einen Preis vor, der dem Mittel des Nachfrage- und Angebotskurses (Geld- und Briefkurs) der letzten Goldtransaktion im Handel zwischen Banken entspricht. „Wir starten das Fixing mit 1380,50 Dollar“, sagt der Chairman etwa, der telefonisch und elektronisch über ein Reuters-Terminal mit seinen Counterparts bei den übrigen vier Goldhäusern verbunden ist.

    Binnen Sekunden wird dieser Preisvorschlag von den Edelmetallhändlern im eigenen Haus und bei den vier anderen Goldfixing-Banken an deren Kunden weitergegeben, die den Preis wiederum ihren Kunden in anderen Häusern vorschlagen. „In unserem Handelsraum stehen die Händler im Kontakt mit ihren Kunden, die wiederum ihre eigenen Kunden kontaktieren, und so geht es immer weiter – bis zu dem Punkt, an dem eine sehr breite Teilnahme großer institutioneller Kunden möglich ist“, sagt Charles. Beteiligt sein können unter anderem Goldproduzenten, Notenbanken, Geschäftsbanken, Goldverarbeiter und Pensionsfonds.

    Das System gleicht einer riesigen virtuellen Pyramide, über die – ausgehend von den fünf Fixing-Mitgliedsbanken – Preisvorschläge von einer Stufe zur nächsten weitergegeben werden. An der Spitze, beim Goldfixing-Chairman, laufen alle Informationen zusammen. Seine Aufgabe ist es, einen fairen Marktpreis festzustellen, zu dem Banken und deren Kunden Gold abgeben oder kaufen würden.

    Liegen Kauf- und Verkaufspreise vor, müssen als Nächstes die Mengen genannt werden. Der Chairman fragt seine vier Counterparts in den Banken, ob sie zu dem von ihm genannten Kurs Netto-Käufer oder -Verkäufer sind und wie viele Barren sie erwerben oder veräußern wollen.

    Zustande kommt das Fixing nur dann, wenn sich ein Gleichgewicht zwischen Kauf- und Verkaufsangeboten herstellen lässt. Andernfalls muss der Chairman einen neuen Kurs-Vorschlag machen. Will einer der Teilnehmer sein Angebot oder seine Nachfrage ändern, sagt er „flag“ und nennt gleichzeitig den Namen seiner Bank, das Fixing wird dann unterbrochen.

    Früher, bei Rothschild, stellte er dann seinen Union Jack vor sich auf. Heute wird die Flagge nur noch verbal gehisst, der Leiter des Fixings malt ein kleines Symbol auf seinen Notizblock. Die Preisfindung geht so lange weiter, bis sich Angebot und Nachfrage ausgleichen. Der Prozess erfordert viel Konzentration, „und man muss schnell und gut im Kopfrechnen sein“, sagt Charles.

    Am Ende ruft der Chairman: „Wir sind im Gleichgewicht, und wir haben gefixt.“. In der Regel dauert der Prozess etwa zehn Minuten. Brennt es an den Finanzmärkten oder drohen politische Krisen, kann er deutlich länger dauern.

    „Am Schwarzen Montag, beim Börsenkrach von 1987, brauchten wir zwei Stunden und 15 Minuten, so lange hatte ich den Telefonhörer am Ohr kleben“, erinnert sich Charles an das längste Fixing der Geschichte. Auch am 21. Januar 1980 dauerte das Fixing ungewöhnlich lange. Die Geisel-Krise im Iran und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan trieben den Goldpreis auf 850 Dollar. So hoch notierte die Unze erst 28 Jahre später wieder.

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      Die größten Goldproduzenten sind China, Australien, Südafrika und die USA; das meiste Gold verbrauchen Indien und China. Trotzdem findet das Goldfixing immer noch in der britischen Hauptstadt statt. Erklären lässt sich das mit der langen Tradition der ehemaligen Kolonialmacht und Handelsnation Großbritannien. London wurde erstmals zum weltweiten Zentrum des Goldhandels, als der jüdische Kaufmann Moses Mocatta 1671 von Amsterdam nach London segelte, um mit Gold und Diamanten zu handeln und später die Mocatta & Goldsmid Bank gründete.

      Seither ist London das internationale Zentrum des physischen Handels mit Goldbarren. Der Handel läuft außerhalb von Börsen (Over the Counter, OTC). Zugelassen sind nur 400-Unzen-Barren mit 995 Promille Feingoldgehalt.

      Geheime Gold-Lagerhäuser

      Vertrauensbildend, sagt Charles, sei nicht nur die hohe Liquidität des Londoner Marktes, sondern auch die Tatsache, dass das Gold tatsächlich physisch vorhanden ist. In der britischen Hauptstadt und im Großraum London befinden sich zahlreiche wie Festungen gesicherte Lagerhäuser, in denen das gelbe Edelmetall gelagert wird.

      Wo – das ist streng geheim. Bekannt ist, dass in den Kellergewölben der Bank of England nicht nur deren Goldbarren lagern, sondern auch die anderer Notenbanken – auch Gold der Deutschen Bundesbank.

      Gold wird selbstverständlich auch an Terminbörsen wie der New Yorker Comex gehandelt, in Form von Kontrakten, die erst in einigen Monaten eingelöst werden müssen. Die Preise von sekündlich gehandelten Anlageprodukten, zum Beispiel von Gold-Zertifikaten, richten sich meist an diesen Terminbörsenpreisen aus. Der Börsenhandel allerdings ist öffentlich und staatlich beaufsichtigt.

      Der außerbörsliche Handel dagegen läuft eher im Verborgenen ab. Einblick darin haben nur die Handelspartner und – zweimal am Tag – die fünf Häuser, die das Goldfixing betreiben. So viel Vertraulichkeit wissen Banken, Minengesellschaften und Großinvestoren zu schätzen.

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