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Hugues Le Bret "Ich weiß nicht, was in Kerviels Kopf vorging"

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Jerome Kerviel Quelle: Reuters

Sie haben ihn nach einem ersten Gespräch sogar nach Hause geschickt. Warum haben Sie ihn nicht irgendwo hingebracht, etwa in ein Hotel?

Wir konnten ihn ja nicht festhalten, dafür gab es ja keine rechtliche Grundlage. Er war ein freier Mann.

Kerviel beharrt darauf, dass zumindest seine unmittelbaren Vorgesetzten von seinen Aktivitäten gewusst haben mussten.

Dann hätten sie ihn gefeuert. Wer betrügt, muss gehen.

Selbst wenn er keinen eigenen Vorteil hat und die Bank Gewinn macht?

Natürlich! Wahr ist allerdings, dass Kerviels Vorgesetzter es mit seiner Sorgfaltspflicht nicht so genau nahm. Aber das ist keine Straftat, sondern ein zivilrechtliches Thema. Es gibt jedenfalls keinen Beweis, dass Kerviels direkter Vorgesetzter etwas wusste. Er wurde dennoch entlassen.

Das Gerichtsurteil ist für Sie als verantwortlichen Kommunikationschef doch die ideale Lösung gewesen: Ein klarer Schuldiger, und die Bank freigesprochen.

Zunächst mal hat Kerviel Berufung eingelegt. Das endgültige Urteil steht also noch aus. Die Bank hat dennoch ihre Strafe. Sie zahlte die Verluste in Höhe von 4,9 Milliarden Euro...

...die sie steuermindernd absetzen konnte...

So ist das System: Ist der Gewinn geringer, fallen weniger Steuern an.

Aber das Urteil kennt nur einen Schuldigen. Die Bank geht als Sieger hervor.

Bezahlt haben dennoch alle: Bouton, Citerne und noch einige andere sind ihren Job los. Die Bank hat reichlich an Reputation eingebüßt. Sie hat Klienten verloren. Sie hat eine – zugegebener-maßen – vergleichsweise kleine Strafe in Höhe von vier Millionen Euro gezahlt wegen der mangelhaften Kontrolle – eine höhere Summe war im Gesetz nicht vor-gesehen. Nein, ich bin frustriert von dem Prozess.

Warum?

Weil völlig unklar geblieben ist, warum Kerviel das alles gemacht hat.

Was glauben Sie?

Ich denke, er wollte seinen Bonus erhöhen. Ende 2007 verlangte er einen Bonus von 600.000 Euro. Das Zehnfache des Vorjahres. Für mich bleibt die Frage in dem Prozess unbeantwortet, ob und wie viel von seinen versteckten Positionen Kerviel auf seine echten übertragen hat, um diese besser aussehen zu lassen. Seine normalen Positionen im Jahr 2006 brachten 20 bis 30 Millionen Euro. Dann fragte er seinen Chef Eric Cordelle, wie viel er machen müsse, um einen Bonus von 500.000 zu bekommen. Cordelle sagte: 50 Millionen. 2007 hat Kerviel in seinen offiziellen Positionen der Bank 55 Millionen Gewinn beschert. Er verdoppelte also fast seine Positionen.

Vielleicht reichte es ihm, Selbstbewusstsein aus der Tatsache zu ziehen, dass er in der Lage war, solche Summen zu handeln.

Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorging.

Haben Sie ihn gefragt? 

Nein.

Haben Sie ihn gesprochen?

Nein.

Sie sind nicht einmal zum Prozess gefahren?

Zu dem Zeitpunkt war ich Chef des Finanzdienstleisters Boursorama und hatte dafür keine Zeit.

Sie widmen Ihr Buch allen, die unter dieser Geschichte litten – und Sie wollten nicht dabei sein, als der Täter verurteilt wurde?

Doch, am Anfang schon. Ich wünschte, ihn zu treffen und zu fragen, warum er das getan hat. Um es zu verstehen. Aber ich bin überzeugt, er hätte es mir nicht gesagt. In einer Stunde Gespräch wäre nicht eine Minute Wahrheit gewesen.

Nach allem, was Sie erlebt haben, vertrauen Sie noch den Banken?

Ich vertraue ihnen mein Geld zur Aufbewahrung an, ja. Da ist es sicher sicherer als unterm Kopfkissen. Aber um Geldanlagen kümmere ich mich selber.

Haben Sie denn noch Ihr Konto bei der Société Générale?

Ja, ich kenne da noch Leute, das ist hilfreich, wenn man ein neues Unternehmen aufbaut.

In Ihrer Filiale oder in der Zentrale?

In der Zentrale redet keiner mehr mit mir.

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