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Architektur Die Ehrlichkeit der Fünfziger

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Alte Substanz retten

Jetzt hat er seine Taille wiedererhalten, durch eine Verglasung hinter den Stützen. Nach vier Jahren Sanierung, Bauherr ist die Bayerische Hausbau, streckt sich das Bikini-Haus am Breitscheidplatz nach Jahren des Niedergangs wieder mit unaufdringlicher Eleganz, zeitlos schön, als sei es nie anders gewesen. Das Architekturbüro Hild und K, ein Spezialist für die gleitenden Übergänge zwischen Alt und Neu, hat das Bikini-Haus getreulich rekonstruiert und zugleich im Geist der Fünfzigerjahre neu erfunden.

Das Sich-Einlassen auf das Denkmal und seine Geschichte wurde zur Quelle der Inspiration. Während das Erdgeschoss mit den nierenförmigen Seiteneingängen eine Neuinterpretation ist, kopieren die Fassaden am Breitscheidplatz akribisch das Original. Das „Leichte und Luftige der Erbauungszeit“, so Dionys Ottl, der als Partner bei Hild und K für das Projekt verantwortlich ist, „sollte wieder spürbar werden“, vor allem bei der Südfassade, die mit dem „Thema von Ordnung und Unordnung“ spiele. Das strenge Raster wird aufgelöst durch das Relief unterschiedlich breiter Glaserker, die Anordnung von Fenstern und Glasbrüstungen geben der Fassade etwas Gewebeartiges, das Farbspiel der Betonstege wirkt belebend durch den Wechsel von Blau- und Orangetönen.

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Zur Überraschung der Architekten kamen beim Abtragen der Kunststoffverkleidung der Siebzigerjahre die Glaselemente des Kleinen Hochhauses zum Vorschein, sie wurden ersetzt, aber nicht verloren gegeben. „Um ein Stück der alten Substanz in den neuen Bauzustand zu retten“, so Dionys Ottl, wurden die Glasflächen, die den energetischen Standards nicht mehr entsprachen, geschreddert und im Neubaubereich auf den Putz der wärmegedämmten Wände aufgetragen. So legt sich die mit Glas bestreute Fassade um den Baukörper und ergibt reizvolle Licht- und Schatteneffekte.

Ein Spiel, ganz im Sinn der dekorativen Moderne, zu der sich das Bikini-Haus nicht zuletzt mit den rekonstruierten Fensterprofilen und Türgriffen im Erdgeschoss bekennt. Schimmernde Materialien wie Chrom, Kupferblech und Keramikfliesen, schwingende Formen wie Segeldächer oder Treppenspindeln waren in den Fünfzigern en vogue. Zeitgleich entwarfen die Parteigänger der Bauhaus-Moderne ihre kubischen Kunststücke, die es, wie der Architekturkritiker Dieter Bartetzko schreibt, „mit der Unbefangenheit des New Look spielend aufnehmen konnten“.

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