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Bausparberatung „Das ist der Gipfel der Verlogenheit“

Verbraucherschützer Niels Nauhauser attackiert die Bausparkasse Wüstenrot heftig. Dessen Chef hatte im Handelsblatt seinen Beratern mehr Fairness empfohlen. Die Praxis sieht allerdings ganz anders aus.

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Der Vorstandsvorsitzende der Wüstenrot & Württembergische AG, Alexander Erdland im Handelsblatt:

Düsseldorf Der Stuttgarter Verbraucherschützer Niels Nauhauser nimmt kein Blatt vor den Mund. „Verbraucherschädigendes Anbieterverhalten hat System“, sagte er auf eine Anfrage von Handelsblatt Online zum Beratungsverhalten der Bausparkasse Wüstenrot.

Das Handelsblatt berichtet in seiner Dienstagsausgabe von Lockangeboten, die sich überhaupt nicht lohnen. Die Kunden sollten aus einem attraktiv verzinsten Alt-Vertrag aussteigen und in einen weniger attraktiv verzinsten Vertrag einsteigen. Wenn Wüstenrot-Vertreter dies umsetzten, könnten sie viel Geld verdienen.

In einem Markt, der von Bonis und Provisionen dominiert werde, gebe es keine bedarfsgerechte Finanzberatung, erklärte Nauhauser, der für die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg arbeitet. Seit Jahren seien die Probleme bekannt. Schrottimmobilien würden nicht wegen ihrer Renditeaussichten verkauft, Zertifikate nicht wegen ihrer Geeignetheit für den Anleger. Dasselbe gelte für überteuerte Investmentfonds mit skurrilen Anlageideen.

Warum wohl würden Bausparverträge mit mickrigen Zinsen und überflüssigen Versicherungen verkauft? Warum gebe es überteuerte und unflexible Riester Verträge, die dann nach wenigen Jahren schon wieder umgedeckt würden? So fragt Nauhauser und liefert seine Antwort: „Die Symptome des Marktversagens sind offenkundig, und eine wesentliche Ursache liegt im Vergütungssystem, das auf Boni, Provisionen und Margen basiert.“

Der Verbraucherschützer reagierte zudem direkt auf ein Interview in der Dienstagsausgabe des Handelsblatt. Der Vorstandsvorsitzende des Versicherungs- und Bausparkonzerns Würtembergische & Wüstenrot (W&W), Alexander Erdland, sagte darin unter anderem: „Jedem im W&W Konzern muss klar sein, dass wir es nicht akzeptieren, einen Kunden zu seinem Nachteil zu beraten."

Nauhauser dazu: „Das ist eine Steilvorlage an alle Kunden des Konzerns (also auch Versicherungskunden), die schlecht beraten wurden. Sie können damit Erdland beim Wort nehmen und Schadenersatzansprüche oder Rückabwicklungsansprüche geltend machen.“ Die Verbraucherzentrale freue sich über Rückmeldungen, die zeigten, dass der Konzern Wort halte.

Erdland sagte auch: „Ich erwarte von unseren Beratern Fairness und Kundenorientierung.“ Für Nauhauser ist diese Aussage nicht akzeptabel. „Das ist der Gipfel der Verlogenheit, wenn hausintern noch im September Anreizsysteme praktiziert werden, die das exakte Gegenteil bewirken.“ Aber Verlogenheit sei vermutlich eine Charaktereigenschaft, die in dieser Branche Karrieren erst möglich mache.


Was der Verbraucherschützer Sparern rät

Wüstenrot verteidigte sich darüber hinaus in einer Pressemitteilung gegen die Berichterstattung im Handelsblatt. Diese sei irreführend und liefere nur einen Ausschnitt. Die angesprochenen Kunden hätten in Zeiten höherer Zinsen Verträge abgeschlossen, heißt es darin. Diese Verträge ermöglichten es nicht mehr, ein zinsgünstiges Bauspardarlehen für den Erwerb oder den Umbau von Wohnungseigentum zu erlangen.

Wüstenrot erklärte weiter, im Rahmen der Beratungsoffensive habe die Bausparkasse den Kunden ein Angebot gemacht. Dieses war bis zum Jahresende befristet. Es beinhaltete einen kostenlosen Wechsel in einen Bauspar-Finanzierungstarif mit deutlich niedrigeren Darlehenszinsen. Damit hätten sich Immobilienpläne günstiger realisieren lassen.

Dieses Angebot sei insbesondere für diejenigen Kunden von großem Vorteil, die bislang von attraktiven Guthabenzinsen profitiert hätten, verteidigte sich Wüstenrot. Nun jedoch benötigten diese Personen aufgrund einer veränderten Motivlage in absehbarer Zeit ein Darlehen zu günstigen Konditionen. Diese Möglichkeit bestehe mit den hochverzinslichen Altverträgen nicht, da die hohen Guthabenzinsen an hohe Darlehenszinsen gebunden seien.

Nauhauser wertete diese Argumentation als plumpen Vorwand, um die für Verbraucher schädlichen Umdeckungen zu rechtfertigen. Denn ein deutlich überdurchschnittlich verzinster Sparvertrag sei tatsächlich die beste Option, um Eigenkapital für einen Immobilienerwerb zu bilden.

Und zudem sichere auch ein neuer Vertrag kein „zinsgünstiges Bauspardarlehen“. Denn möglicherweise lägen die Kreditzinsen bei Bankdarlehen in ein paar Jahren (wieder) unter den „günstigen“ Bauspardarlehenszinsen, weil das Zinsniveau weiter fällt.

Wüstenrot erklärte zudem: Grundsätzlich seien diese Verträge mit hohen Guthabenzinsen im aktuellen Niedrigzinsumfeld unattraktiv für Kunden, die ihre Immobilienpläne mit einem Bausparvertrag realisieren wollten. So liege die Verzinsung für Kunden im Alt-Tarif zum Beispiel bei 2,5 Prozent Guthabenzins. Der Darlehenszinssatz betrage dafür 4,6 Prozent.

Bei einer Tarifumwandlung in den aktuellen Tarif zahle der Wüstenrot-Kunde für das Bausparprodukt nur 1,6 Prozent Zinsen für ein Darlehen. Dafür reduziere sich der Guthabenzins auf 0,5 Prozent. Das heiße, einer Absenkung des Guthabenzinses um 2 Prozentpunkte stehe eine Verringerung des Darlehenszinses von Bestandsverträgen um 3 Prozentpunkte gegenüber, erklärte Wüstenrot.

Nauhauser dazu: So „zinsgünstig“ seien die 1,6 Prozent auch wieder nicht. Herkömmliche Banken verlangten aktuell 2,1 Prozent. „Wir raten in diesen Fällen ganz klar dazu, den guten Altvertrag zu behalten und nicht mit Bauspardarlehen zu finanzieren, sondern mit normalen Bankdarlehen“, erklärte der Verbraucherschützer.


"Verträge enden nicht mit Zuteilung"

Aus der Sicht von Wüstenrot nutzten rund 80 Prozent der Kunden, die aktuell ihr altes Konto ändern oder auflösen, diese vorteilhaften Alternativangebote. Sie blieben damit auch weiterhin Wüstenrot-Kunden. Selbstverständlich bleibe das bisherige Konto unverändert bestehen, wenn die Kunden es wünschten und es weiterhin zu ihren Zielen passe.

Wüstenrot gehe davon aus, dass dies auch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle (rund 90 Prozent) so sein werde. Nauhauser kommentiert dies so: „Das heißt, die haben 80 Prozent umgedeckt in schlechtere Verträge? Das kann ich kaum glauben!“
Das Handelsblatt sprach von 728.000 Bausparverträgen, die vorzeitig aufgelöst worden seien. Davon seien rund 15 Prozent nach einer aktiven Kundenansprache und Beratung umgewandelt oder ausgezahlt worden, erklärte Wüstenrot. „Im Großteil der Fälle endeten die Verträge, da diese zugeteilt wurden oder die Kunden diese Verträge selbst gekündigt haben.“

Nauhauser kontert: „Die Verträge enden nicht mit Zuteilung, das ist eine Falschaussage. Sie enden erst mit Kündigung einer der beiden Vertragsparteien.“ Seit Jahren wollten Bausparkassen unliebsame hochverzinste Verträge loswerden und immer wieder erweckten sie hier in Kundenanschreiben den Eindruck, der Vertrag ende mit Zuteilungsreife. „Das ist Unsinn“, so der Verbraucherschützer aus Stuttgart.

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