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Bausparkassen Eine Branche am Pranger

Früher galt Bausparen als langweilig. Nach Enthüllungen über die Wüstenrot-Tricks bricht nun ein Sturm der Entrüstung über die Branche her. Ausgerechnet AWD-Gründer Maschmeyer wird zum Kronzeugen für den Verbraucher.

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Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Quelle: dapd

Düsseldorf Die Fehlberatungen der Bausparkasse Wüstenrot empören die Kunden. Sie treffen aber auch auf heftige Kritik in Politik und Wirtschaft. Verbraucherministerin Ilse Aigner warnte gegenüber dem Handelsblatt vor Übervorteilung der Kunden. Die Chefin der Finanzaufsicht (Bafin), Elke König, stellte fest, Umdeckungen störten das Vertrauensverhältnis zwischen Anbieter und Kunden. Und der Gründer des Finanzvertriebs AWD, Carsten Maschmeyer, forderte schärfere Gesetze.

Die drittgrößte deutsche Bausparkasse Wüstenrot, die zur Wüstenrot & Württembergische Gruppe gehört, hatte hunderttausende Kunden von hoch verzinsten Verträgen in schlechtere gelockt. Gleichzeitig versprach sie jedem Vermittler bis zu 1300 Euro und mehr Provision pro Umdeckung.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sagte: „Ich erwarte, dass Vertragspartner fair miteinander umgehen." Die Fairness werde verletzt, wenn ein Vertragspartner das Vertrauen des anderen ausnutze, um diesen zu finanziell nachteiligen Entscheidungen zu bewegen, die dem eigenen Vorteil dienten. „Bei jeder Vertragsumwandlung ist Vorsicht geboten. Wer die finanziellen Konsequenzen nicht abschätzen kann, sollte unabhängigen Rat in Anspruch nehmen“, forderte Aigner die Kunden vor Abschluss eines neuen Vertrages auf.

Auch die Präsidentin der Finanzaufsichtsbehörde Bafin, Elke König, kritisiert provisionsgetriebene Umdeckungs-Praktiken von Versicherern und Bausparkassen. „Wenn ein Versicherer einen Kunden dazu überredet, einen Vertrag aufzulösen, um einen neuen, für den Kunden weniger günstigen Vertrag bei ihm abzuschließen, ist das ein Problem – nicht nur für die Reputation des Unternehmens“, sagte König im Interview mit dem Handelsblatt.

Ein solches Verhalten sei mit geltenden Beratungspflichten kaum in Einklang zu bringen und berge daher ein hohes Schadensersatzrisiko, sagte König. „Dass dadurch das Vertrauensverhältnis von Versicherern und Versicherungsnehmern gestört wird, versteht sich von selbst.“ König zufolge handelt es sich dabei um „bedauerliche und ärgerliche Einzelfälle“.


Maschmeyer: "Der Verbraucher muss geschützt werden."

Von den sogenannten Umdeckungen profitieren nicht zuletzt die Vermittler. Denn sie kassieren für jeden umgedeckten Vertrag Provisionen – egal, ob der Kunde damit besser oder schlechter gestellt wird. Der Finanzinvestor und Gründer der Vertriebsagentur AWD, Carsten Maschmeyer, forderte eine Reform des Provisionsmodells für Finanzberater. „Ich bin für Gesetze, die regeln, dass die Provision nur einmal gezahlt wird und nicht mehrfach“, sagte er dem Handelsblatt. Der Markt für Versicherungsprodukte stagniere, trotzdem gebe es ständig Neuabschlüsse, ein Beleg für Umdeckungen. „Davor muss der Verbraucher geschützt werden.“

Auch Erik Schweickert, verbraucherschutzpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, alarmieren die Vorfälle bei Wüstenrot. „Es kann schlicht nicht sein, dass Kunden zu einem Tarifwechsel überredet werden, der nicht ihnen selbst zugute kommt, sondern nur dem Berater eine hohe Provision einbringt“, sagte Schweickert dem Handelsblatt.

Es zeige sich dabei mal wieder, dass exorbitante Provisionen falsche Anreize bei der Kundenberatung setzten. „Deswegen sind wir auch dabei, das Gesetz zur Honorarberatung voranzutreiben. Damit können die Kunden dann selbst zwischen Nettotarifberatungen und Beratungen auf Provisionsbasis wählen“, sagte Schweickert.

Konkurrenten von Wüstenrot verteidigten dagegen die Beratungspraxis, die das Handelsblatt bei Wüstenrot offengelegt hatte. Ein Sprecher der größten Bausparkasse im Sparkassenlager, der LBS West, erklärte, Vertriebsphilosophie sei es, die Beratung am jeweiligen Bedarf des Kunden auszurichten.

Das bedeute auch, dass bei einer Änderung des Bedarfs mit dem Kunden über eine Anpassung des Bausparvertrages gesprochen wird. Dabei biete die LBS West auch ehemals unentschlossenen Kunden bei einem auftretenden Finanzierungsbedarf einen Tarifwechsel an, um einen Anspruch auf ein niedriger verzinsliches Darlehen zu erhalten.


LBS: Die Bausparkassen handeln im Sinne des Kollektivs

Bei der LBS West hätten Angebote zum Tarifwechsel in niedrig verzinslichere Bausparverträge zur Folge, dass im Gegensatz zu einer Kündigung keine neue Abschlussgebühr anfalle. Diese Beratungsanlässe würden zeitweise auch durch Aktionen unterstützt. So könnten Kunden, die bis dahin angefallenen Zinsgutschriften nach einem Tarifwechsel in den neuen Vertrag mitnehmen.

Hiervon zu unterscheiden sei die Kündigung von Verträgen, die über die vereinbarte Bausparsumme hinaus bespart würden. Die LBS West habe, wie in der Branche üblich, die durch die Rechtsprechung und die BaFin gebilligte Möglichkeit, über die komplette Bausparsumme angesparte und zuteilungsreife Bausparverträge zu kündigen. „Dieses trifft auf alle und nicht nur hochverzinsliche Tarife zu“, betonte der LBS-Sprecher. Die Bausparkassen handelten in diesen Fällen auch im Sinne des Bausparkollektivs.

Die Kunden zahlten eine Abschlussgebühr, die sich an der Höhe der Bausparsumme bemesse. Wenn das Guthaben die Bausparsumme übersteige, nehme der Kunde eine Leistung in Anspruch, für die er nicht bezahlt habe. Die LBS West schreibe daher regelmäßig die Kunden mit Verträgen an, deren Guthaben über der Bausparsumme liege.

Man weise sie darauf hin, dass der eigentliche Zweck des Bausparens, ein zinsgünstiges Bauspardarlehen zu bekommen, nicht mehr gegeben ist. Kunden, die danach nicht reagieren, sprechen wir eine Kündigung des betreffenden Bausparvertrages aus, sagte ein Sprecher der LBS. In diesem Jahr betraf es etwa 5.600 Verträge. Dabei hat kein Kunde seinen vertraglich zugesicherten Bonus verloren.

Hintergrund der Debatte um dubiose Verkaufsmethoden: Die deutschen Bausparkassen ächzen unter den niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten. Denn Hunderttausende Bausparer haben in den 1990er Jahren Verträge unterschrieben, die ihnen hohe Zinsen garantieren, solange sie in der Ansparphase sind.

Doch diese Zinsen können Schwäbisch Hall, Wüstenrot und BHW nicht mehr erwirtschaften. Das wäre kein Problem, solange die Bausparer dann auch das - ebenfalls höher verzinste - Darlehen in Anspruch nehmen, um früher mit dem Bau beginnen zu können. Doch da winken viele ab: Entweder sie bekommen das Geld längst billiger bei ihrer Hausbank - oder sie hatten den Vertrag von Anfang an als Geldanlage begriffen, weil er lukrative und sichere Zinsen versprach.


Verband verteidigt sich: Bausparen ist Zwecksparen

Das passt den Bausparkassen gar nicht in den Kram. Um gegenzusteuern, haben sie zwei Möglichkeiten: Entweder kündigen sie den Vertrag - das dürfen sie, sobald die volle Bausparsumme angespart ist, mit einer Frist von drei Monaten. "Denn Bausparen ist Zwecksparen", wie der Vorsitzende des Verbandes der privaten Bausparkassen, Andreas Zehnder, betont.

Wer den Kredit nicht mehr abrufen kann, dessen Vertrag hat seinen Zweck verfehlt. Deshalb versuchen die Bausparkassen auch gerne, die Kunden auf einen neuen Bausparvertrag umzusteuern, der beim Ansparen zwar weniger abwirft, später aber auch niedrigere Kreditzinsen kostet. 1997 lag der Guthabenzins auf Bausparguthaben noch bei durchschnittlich 3,12 Prozent. 2012 gerade noch bei 1,15 Prozent.

Das Umsteuern versucht die zu den drei Großen in der Branche gehörende Wüstenrot mit Macht: In einer "Beratungsoffensive" sollen Kunden vor dem Jahresende hochverzinste Verträge kündigen und einen neuen Bausparvertrag unterschreiben.

Die Bausparkasse Wüstenrot betont wie andere Institute auch, ihr gehe es dabei vor allem um die Kunden, die nun doch bauen wollten statt nur Geld anzulegen. Das seien nach Wüstenrot-Schätzungen rund zehn Prozent. "Dieses Angebot ist insbesondere für die Kunden von großem Vorteil, die bislang von attraktiven Guthabenzinsen profitiert haben, nun aber aufgrund einer veränderten Motivlage in absehbarer Zeit ein Darlehen zu günstigen Konditionen benötigen", erklärte die Tochter des Finanzkonzerns Wüstenrot & Württembergische (W&W) in Stuttgart.

Andere Bausparkassen haben ähnliche Initiativen gestartet oder streichen den Kunden die hohen Bonuszinsen, die sie ihnen einst versprochen haben, wenn sie kein Darlehen zum Bau oder Umbau brauchten. Das "Handelsblatt" wirft Wüstenrot eine "Attacke gegen die eigenen Kunden" vor. Denn den Kunden, die wechseln, entgingen hohe Zinsen, ohne dass der Wüstenrot-Vertreter darauf hinweise. Stattdessen würden sie mit einer "Prämie" gelockt.

"Wir bekommen ständig Nachrichten von Bausparkunden, die von ihrem Anbieter überrumpelt worden sind", zitierte die Zeitung Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Der Verband der privaten Bausparkassen dagegen verweist auf eine Zahl von 700 Beschwerden im Jahr - bei 19 Millionen Bausparverträgen. Auch die Zeitschrift "Finanztest" spricht in ihrer jüngsten Ausgabe von "Tricks", mit denen die Bausparkassen versuchten, Kunden aus gut verzinsten Verträgen heraus zu drängen.

W&W-Vorstandschef Alexander Erdland verspricht Kunden, die sich falsch beraten fühlen, eine Rückabwicklung der Kündigung ohne finanzielle Einbußen. Auch die Vertreter müssten dann ihre Provision zurückgeben, die sie für den Wechsel bekommen haben. "Es gibt bislang nur sehr wenige Einzelfälle, jeden nehmen wir sehr ernst", sagte er dem "Handelsblatt". "Ich erwarte von unseren Beratern Fairness und Kundenorientierung."

Seit 2007 wurden bei Wüstenrot zwar 728.000 von 1,7 Millionen hochverzinsten Verträgen vorzeitig aufgelöst. Doch nur rund 100.000 davon seien nach Beratungsgesprächen umgewandelt oder ausgezahlt worden. Die übrigen seien zugeteilt oder von den Kunden selbst gekündigt worden, erklärte die Bausparkasse. 

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