Berlins Bürgermeister Michael Müller "Wohnraum ist keine Aktie"

Wie managt man eine wachsende Stadt? Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller über die Fehler der Mietpreisbremse und den Kampf gegen Airbnb.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) Quelle: dpa

Herr Müller, Berlin galt lange als billiges Paradies für Kreative. Nun steigen die Mietpreise dort so stark wie kaum irgendwo in Deutschland.

Michael Müller: Wir sind weiterhin sehr attraktiv, weil Berlin im internationalen Vergleich immer noch eine bezahlbare Metropole ist. Aber dem Problem müssen wir uns stellen.

Sie waren Senator für Stadtentwicklung und hätten längst einschreiten können.

Das haben wir doch: Seit meinem Amtsantritt als Senator haben wir mehr als doppelt so viele Wohnungen fertiggestellt und die Zahl der Baugenehmigungen verdreifacht. Und wir verkaufen kaum noch stadteigene Flächen. Das ist unser Eigentum, das wir zuallererst selbst nutzen wollen – für günstigen Wohnungsbau oder um Unternehmen anzusiedeln. Außerdem stellen wir privaten Bietern Bedingungen, dass sie Sozialwohnungen integrieren müssen.

Die Spekulation mit Bauland blüht trotzdem.

Wir prüfen derzeit, wie Spekulationen mit brach liegenden Grundstücken eventuell über eine deutlich höhere Grundsteuer entgegen gewirkt werden kann. Auch ein gesetzlicher Zwang, gekaufte Baugrundstück zu bebauen, ist denkbar. Wohnraum ist keine Aktie. Beim Verkauf landeseigener Grundstücke gilt schon eine Bauverpflichtung, sonst fällt die Fläche zurück ans Land.

Wohnen in Großstädten wird teuer
Das Wohnen in Deutschlands Großstädten wird offenbar immer teurer. In sieben großen Städten, von Berlin bis Stuttgart, sind die Preise für Eigentumswohnungen binnen fünf Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen – bei den Mieten sind es 25 Prozent. Deshalb klagen viele Familien, dass sie sich das Wohnen in der Stadt kaum noch leisten können. Über 20 Jahre gesehen sind die Mieten dagegen langsamer als die Verbraucherpreise gestiegen. Unter der Frage „Was macht das Wohnen in den Städten so teuer?“ hat die DZ Bank in einer Research-Publikation die Gründe zusammengestellt. Dabei wurde der Preisanstieg der vergangenen 20 Jahre analysiert. Quelle: DZ Bank Quelle: dpa
Ein Grund für steigende Mieten ist das vielerorts knappe Wohnungsangebot. Lange Zeit hielt der Neubau nicht Schritt mit der steigenden Bevölkerung. Die Mieten in Berlin legten von 2010 bis 2015 (jeweils auf das erste Quartal gerechnet) um 32 Prozent zu – der stärkste Anstieg im Vergleich zu anderen Metropolen. Die Mieten stiegen demnach auf 8,20 Euro je Quadratmeter (Wiedervermietung) und die Erstbezugsmiete auf 11,30 Euro je Quadratmeter. Dennoch wohnt man in der Bundeshauptstadt noch vergleichsweise günstig. Der überproportionale Mietanstieg ist hier auf ein niedriges Ausgangsniveau (1994) zurückzuführen. Mehr als 80 Prozent der Haushalte wohnen in Berlin zur Miete. Quelle: dpa
Es ist nicht verwunderlich, dass in der bevölkerungsreichsten Stadt von Nordrhein-Westfalen Wohnungsknappheit herrscht. Umso teurer werden auch die Mietkosten. Die Mieten in Köln legten um 16 Prozent in den vergangenen fünf Jahren zu. Bei der Wiedervermietung müssen Mieter 9,20 Euro je Quadratmeter zahlen, bei der Erstbezugsmiete sogar 11,40 Euro. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Wohnpräferenz stark gewandelt. Zog es die Menschen 1990 an den Stadtrand, wollen die meisten heute in der Stadt leben. Quelle: dpa
Die Politik hat zum 1. Juni die Mietpreisbremse eingeführt, die das Wohnen in der Stadt wieder erschwinglich machen soll. Doch es sind nicht nur die Mieten gestiegen, sondern auch die Ansprüche der Mieter. So wünschen sie sich immer größere Wohnungen. Das treibt natürlich die Wohnungskosten in die Höhe. Bei einer Wiedervermietung kostet ein Quadratmeter in Düsseldorf 9,30 Euro. Bei einem Erstbezug muss der Mieter mit 11,40 Euro tiefer in die Tasche greifen. Insgesamt legten die Mieten von 2010 bis 2015 um 23 Prozent zu. Quelle: dpa
Deutlich verteuert haben sich auch die Nebenkosten des Wohnens, etwa für Strom und Heizung. Zudem hat der Staat das Wohnen über steigende Steuern und verschärfte Bauvorschriften verteuert. Diese Vorgaben gelten zwar bundesweit, belasten aber stärker die Stadtbewohner. In Stuttgart sind die Mieten in fünf Jahren um 22 Prozent gestiegen. Mit zehn Euro je Quadratmeter müssen Mieter bei einer Wiedervermietung einer Wohnung rechnen. Hier ist der Unterschied bei einem Erstbezug nicht so groß: Der Quadratmeter kostet 11,40 Euro. Quelle: dpa
Die Situation an den Wohnungsmärkten der Großstädte ist ein normaler Trend. Im Vergleich mit ausländischen Metropolen sind die Großstadtmieten hierzulande sogar eher niedrig. Dennoch sind gute und günstige Wohnungen in Hamburg Mangelware und entsprechend begehrt. 13,10 Euro kostet ein Quadratmeter einer Neubauwohnung, 10,10 Euro bei einer Wiedervermietung. Der Neubau, in Hamburg zum Beispiel, hat wieder angezogen. Quelle: dpa
Der Anteil der leerstehenden marktaktiven Wohnungen ist zuletzt (2013) knapp drei Prozent gesunken. So sind in Hamburg (0,7 Prozent) und Frankfurt (0,7 Prozent) am Wohnungsmarkt fast keine Wohnungen mehr verfügbar. Das wird sich auch in naher Zukunft nicht ändern: Denn die über Jahre entstandene Bedarfslücke lässt sich nicht so schnell schließen. Wohnungen in den Ballungsräumen werden auch weiterhin ein knappes Gut bleiben. 11,40 Euro kostet ein Quadratmeter bei einer Wiedervermietung, 13,30 Euro bei einem Erstbezug. Insgesamt sind die Mieten um 26 Prozent gestiegen. Quelle: dpa
Am teuersten ist der Quadratmeter in einem Neubau in München: Stolze 15,50 Euro kostet der Quadratmeter. Zwei Euro weniger ist es bei einer Wiedervermietung – die Preise legten von 2010 bis 2015 um 23 Prozent zu. Die Mieten in Deutschlands Großstädten werden weiter in die Höhe schießen. Weil zuletzt aber mehr gebaut wurde, könnte die Dynamik des Anstiegs etwas nachlassen. Nichtsdestotrotz dürften geräumige und zugleich günstige Wohnungen in den Metropolen der Vergangenheit angehören – oder glückliche Ausnahmen sein. Quelle: dpa

Wollen sie private Investoren verjagen?

Natürlich nicht, aber ich wünsche mir faire Spielregeln. Wir brauchen private Investoren. Nur muss für städtische Grundstücke ein anderer, höherer Maßstab gelten. Dabei handelt es sich schließlich um das Vermögen aller Berliner.

Die große Hoffnung namens Mietpreisbremse hat bislang nicht geholfen.

Die Mietpreisbremse war nie ein allein selig machendes Instrument, sie ist ein Baustein. Richtig ist, dass es Nachbesserungsbedarf gibt. Wir ergreifen deshalb im Bundesrat die Initiative: Wir wollen Vermieter verpflichten, die Vormiete neuen Mietern offen mitzuteilen. Sonst läuft das Gesetz ins Leere.

Berlin hat ein Gesetz gegen Ferienwohnungen aufgelegt. Ist das nicht Symbolpolitik gegen US-Anbieter wie Airbnb? Kontrollieren lässt sich so ein Gesetz kaum.

Einspruch. Wenn das Gesetz so stumpf wäre, gäbe es wohl kaum so viele Klagen dagegen. Außerdem überwachen sechzig städtische Mitarbeiter die Einhaltung der Regeln. Und es gibt ja auch noch Nachbarn, die melden können, wenn in ihrem Haus das Ferienwohnungswesen überhandnimmt.

Die Berliner sollen denunzieren gehen?

Hier geht es um Gesetze, die einzuhalten sind. Wir wollen gar nicht alle Ferienwohnungen verhindern. Entscheidend ist deren Konzentration in wenigen Stadtteilen. Wir möchten keine Straßenzüge in Szenevierteln, in denen keine Berliner mehr leben. Passt das einem Unternehmen nicht, muss es eben in einer anderen Stadt Geschäfte machen oder mit uns Kompromisse ausloten.

Stößt die Boomstadt Berlin beim Zuzug an ihre Grenzen?

Seit fünf Jahren kommen hier je rund 40.000 Menschen netto dazu, ohne Flüchtlinge. Jedes Jahr integrieren wir also eine mittelgroße Stadt. Das heißt, wir müssen mehr und höher bauen, verdichten, aufstocken und investieren. Aber das geht nur schrittweise, nicht von heute auf morgen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%