Betonburg statt Szeneviertel Großsiedlungen profitieren von Wohnungsnot

Weil Innenstadtwohnungen knapp werden, drängen wieder mehr Mieter in die lange ungeliebten Blocks am Rand vieler Großstädte. Schon gibt es Warnungen, alte Fehler nicht zu wiederholen.

Weil Innenstadtwohnungen knapp werden, drängen wieder mehr Mieter in die lange ungeliebten Blocks am Rand vieler Großstädte. Quelle: dpa

Heute hat Andrej Eckhardt das nicht mehr nötig. Es ist zehn Jahre her, dass seine Inserate Aufsehen erregten: Junge Paare wohnen ein Jahr mietfrei! „Wir hatten elf Prozent Leerstand“, sagt der Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Grüne Mitte im Berliner Plattenbau-Viertel Hellersdorf. Heute betont Eckhardt: „Wir machen keine Sonderaktionen mehr.“ Die Mieter kommen auch ohne Werbegags. „Letztes Jahr hatten wir einen richtigen Run.“

So teuer ist Wohnen in Deutschland
Ein Run auf Immobilien und kräftig steigende Mieten: Der Wohnungsmarkt in Deutschland ist äußerst angespannt. Die zunehmende Urbanisierung treibt die Mietpreise in den deutschen Metropolen seit Jahren in die Höhe. Doch auch in einigen Kleinstädten gehen die Preise für Mietobjekte durch die Decke. In welchen Bundesländern die Mietpreise am stärkten zulegen, zeigt eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes. Quelle: dpa
Platz 10: Sachsen-AnhaltIm Jahr 2012 verzeichnete Sachsen-Anhalt lediglich einen moderaten Mietpreisanstieg von 1,7 Prozent. Die Netto-Kaltmieten lagen im vergangenen Jahr bei 4,79 Euro pro Quadratmeter, nach 4,71 Euro im Jahr 2011. Ein Grund für den geringen Preisanstieg ist der leichte Bevölkerungsrückgang im Jahr 2012. Die lokalen Behörden zählten insgesamt 17.000 Abwanderer. Die Nachfrage nach Wohnraum ging deutlich zurück. Quelle: dpa
Platz 9: HessenIm Bundesland Hessen lag der Mietpreisanstieg im Jahr 2012 nur minimal höher. Die Netto-Kaltmieten legten um 1,8 Prozent auf 8,0 Euro pro Quadratmeter zu. Quelle: dpa
Platz 8: BayernDie bayrische Landeshauptstadt München gehört zu einem der teuersten Pflaster in Deutschland. Die Mietpreise sind in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert. Im gesamten Bundesland fällt der Preisanstieg dagegen deutlich geringer aus. Im vergangenen Jahr kletterten die Netto-Kaltmieten um 0,26 Euro auf 7,77 Euro pro Quadratmeter - ein Anstieg von 3,5 Prozent. Preistreiber war vor allem die Zuwanderung. Von den knapp 200.000 Einwanderern fanden 76.000 Menschen in Bayern ein neues Zuhause. Quelle: AP
Platz 7: HamburgWenn's ums Wohnen geht, gehört Hamburg sicherlich zu einem der Top-Adressen in Deutschland. Die hohe Nachfrage nach Wohnobjekten spiegelt sich auch in den Immobilen - und Mietpreisen wieder. Im Jahr 2012 zahlten Mieter 10,92 Euro pro Quadratmeter. Im Vergleich zum Jahr 2011 ein Anstieg von 3,6 Prozent. Quelle: dpa
Platz 6: Nordrhein-WestfalenDer Trend – weg vom Land, hin zu den Städten – sorgt für einen starken Bevölkerungszuwachs in Nordrhein-Westfalens Metropolen. Eine Studie der BBSR Bonn rechnet mit einem Bevölkerungszuwachs bis 2030 von 7,5 Prozent in Großstädten wie Köln und Düsseldorf . Gleichzeitig wird der Wohnraum immer knapper. Das treibt die Preise. Im Jahr 2012 zahlten Mieter 5,97 Euro pro Quadratmeter - ein Anstieg von 4,0 Prozent im Vergleich zum Jahr 2011. Quelle: dpa
Platz 5: Baden-Württemberg Auch in Baden-Württemberg steigen die Mietpreise seit Jahren an. Preistreiber ist vor allem die relativ geringe Arbeitslosenquote. Die Spitzenwerte liegen bei maximal sieben Prozent, in vielen Teilen des Bundeslandes herrscht sogar Vollbeschäftigung . Eine finanzstarke Mittelschicht, das Haushaltseinkommen liegt vielerorts bei über 1750 Euro, treibt so die Mietpreise seit Jahren in immer neue Sphären. Alleine im Jahr 2012 legten die Mieten um 4,2 Prozent zu. Der Preis für einen Quadratmeter lag bei 7,47 Euro. Quelle: dpa
Platz 4: Schleswig-HolsteinDie Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung in Schleswig-Holstein sagen einen Bevölkerungsschwund in den kommenden Jahren voraus. In der Region um Kiel rechnen Forscher mit einer Abwanderung von 2,5 bis 7,0 Prozent der Bevölkerung bis 2030. Die Nachfrage nach Wohnimmobilien könnte in den kommenden Jahren also stark zurück gehen. Doch noch steigen die Preise. Im Jahr 2012 legten die Mieten um 4,4 Prozent auf 6,45 Euro pro Quadratmeter zu. Quelle: dpa
Platz 3 : NiedersachsenNoch höher fielen die Mietpreissteigerungen in Niedersachsen aus. Mieter zahlten im Durchschnitt 5,55 Euro und damit 15 Eurocent pro Quadratmeter mehr als im Jahr 2011 - ein Anstieg von 4,8 Prozent. Quelle: dpa
Platz 2: BerlinSeit Beginn der Euro-Krise stiegen die Kauf - und Mietpreise in Berlin auf immer neue Rekordstände. Während die Kaufpreise von einer hohen Nachfrage finanzstarker ausländischer Investoren in die Höhe getragen wurden, kletterten die Mietpreise aufgrund von fehlendem Wohnraum. Trotz einer steigenden Bevölkerungszahl blieben die neu fertiggestellten Wohnungen je tausend Wohnungen mit 1,5 bis drei auf einem unterirdischen Niveau. Alleine im Jahr 2012 kletterten die Mietpreise um satte 11,1 Prozent in die Höhe. Für den Quadratmeter zahlen Berliner im Schnitt 7,82 Euro. Quelle: dpa
Platz 1: BremenBremen verzeichnete im Jahr 2012 den mit Abstand kräftigsten Preisanstieg in Deutschland. Die Mieten kletterten um 11,9 Prozent in die Höhe. Der Quadratmeterpreis stieg somit von 5,54 Euro auf 6,21 Euro. Bremen gehört zu den am dicht besiedelten Städten in Deutschland. Die Einwohnerdichte liegt bei über 1000 Menschen pro Quadratkilometer. Der Bevölkerungszuwachs lag in den vergangenen Jahren auf einem hohen Niveau. Am Ende treibt das die Preise. Quelle: dpa
DeutschlandIn Deutschland lag der Mietpreisanstieg im Jahr 2012 bei 3,6 Prozent. Damit liegen die Preise in insgesamt acht alten Bundesländern (Berlin mitberücksichtigt) deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Die Zahlen machen deutlich: Das Mietpreisgefälle zwischen den alten und neuen Bundesländern ist nach wie vor ziemlich hoch. Quelle: dpa

Das ist nicht nur in Berlin so. Ob Köln, Hamburg, München, Leipzig - in den Hochhausvierteln rund um die deutschen Großstädte gibt es immer weniger freie Wohnungen. Aktionen mit Windel-Abos für Familien und Fahrräder zum Einzug oder Wellness-Wochenenden für alte Mieter sind dort meist Geschichte. Während in schrumpfenden Städten in Ost wie West die Abrissbirne noch in Zehntausende Wohnungen einschlagen soll, planen andere schon Neubauten zwischen 60er-Jahre-Wohnblöcken.

„Die Großsiedlungen erleben vielerorts eine Renaissance“, heißt es beim Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Die Vermieter sprechen von einem Imagewandel der Quartiere, von denen viele lange Zeit als soziale Brennpunkte verschrien waren.

Wohnungsbau hinkt hinterher

Denn allein in den sieben größten Städten stieg die Bevölkerungszahl laut Bundesbauministerium seit 2007 um rund 330.000. Der Wohnungsbau hält nicht Schritt. In manchen Szenevierteln stehen Mietinteressenten bei Besichtigungen Schlange bis auf die Straße. Und die, die sich die angesagten Quartiere nicht leisten können, weichen aus.

Beispiel Berlin: Die Hauptstadt wuchs allein im vergangenen Jahr um 48 000 Einwohner. In zehn Jahren sank die Leerstandsquote in den 700.000 öffentlichen und Genossenschaftswohnungen von 5,4 Prozent auf 2 Prozent, wie der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen mitteilt. Seine Mitglieder halten viele Wohnungen in Großsiedlungen.

Landkreise mit dramatischem Bevölkerungsschwund

Verbandssprecher David Eberhardt führt den Andrang nicht nur auf die Knappheit in der Innenstadt zurück, sondern auch darauf, dass Unternehmen und öffentliche Hand Millionen in Siedlungen wie etwa das Märkische Viertel im Westen der Stadt steckten - in neue Bäder, Dämmung und das Umfeld. „Die Angst-Räume sind weggefallen“, sagt Eberhardt. „Die dunklen Ecken, die uneinsehbaren Hauseingänge.“

Für den Deutschen Mieterbund steht aber die Wohnungsknappheit im Vordergrund, wenn es um Gründe für den Drang in die Betonriegel und Hochhäuser geht. „Für viele Mieterhaushalte ist das Wohnen in der Innenstadt kaum noch bezahlbar“, kritisiert Geschäftsführer Ulrich Ropertz. Die Groß- und Uni-Städte zögen immer mehr Menschen an, ohne dass in den vergangenen Jahren neue Wohnungen hinzukamen. „Das Ausweichen auf die Peripherie ist da unausweichlich.“

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Der Trend macht der Branche auch Sorgen. „Man kann eine Siedlung sehr schnell ruinieren“, warnt GdW-Städtebau-Fachmann Bernd Hunger. Kommunen sollten nicht die Fehler der 70er und 80er Jahre wiederholen und die Großsiedlungen zu Sammelbecken einkommensschwacher Haushalte machen. „Es muss eine sozialverträgliche Mischung da sein“, fordert Hunger. Die meist kommunalen Vermieter müssten ihre Mieter deshalb selbst auswählen dürfen.

Für die Genossenschaft Grüne Mitte in Hellersdorf ist das selbstverständlich. „Wir wollen nicht auf „Teufel komm raus“ vermieten“, sagt Vorstand Eckhardt. „Wir schauen, wer es sich leisten kann.“ Bei durchschnittlich gut fünf Euro Kaltmiete je Quadratmeter kämen aber auch Geringverdiener zum Zuge, es gebe kaum Mietausfälle. Die Bewerber für die Hellersdorfer Wohnblöcke kommen inzwischen aus allen Teilen Berlins und des Bundesgebiets, sagt Eckhadt. „Und es kommen mehr Leute, die in Lohn und Brot sind.“

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