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Bis zu 600 Euro Unterschied So teuer ist die Müllabfuhr in den 100 größten Städten

Müllabfuhr in Erfurt Quelle: dpa

Jede Kommune in Deutschland berechnet Müllgebühren anders. Das ist nicht immer fair, zeigt eine Studie: In der teuersten Stadt zahlt eine Familie fünfmal so viel wie in der günstigsten. Die Gründe für Preisunterschiede sind oft unklar.

Bei den Wohnnebenkosten ist es Jahr für Jahr das gleiche Ärgernis: Steigende Strom- und Wassergebühren, auch Versicherungen für Hausrat und Wohngebäude sowie die Grundsteuer werden regelmäßig teurer und so gut wie nie günstiger. Selbst wer seinen Verbrauch einschränkt, kommt langfristig kaum billiger weg.

Das gilt oft auch für die Müllabfuhr. Zwar können Verbraucher Müll vermeiden, ihre Mülltrennung forcieren und auf kleinere Tonnen oder größere Abholintervalle setzen, aber längst nicht jede Kommune bietet attraktive Sparmöglichkeiten. Und Verbraucher können diesen Ausgaben kaum auf legalem Weg entgehen. Zudem sind die Müllgebühren zwischen den Kommunen nur schwer vergleichbar, so dass die Politik nur wenig Handlungsdruck verspürt, für niedrigere Abfallgebühren zu sorgen.

Der Wohneigentümerverband Haus & Grund will das ändern und hat zum zweiten Mal nach 2016 die Müllgebühren der 100 größten Städte Deutschlands vom Forschungsunternehmen IW Consult analysieren lassen. So so soll zumindest teilweise Vergleichbarkeit entstehen. Mithilfe der städtischen Gebührenordnungen, komplizierter Berechnungs- und Annäherungsverfahren sowie Gewichtungen nach unterschiedlichen Kriterien haben sie die Kosten der Abfallentsorgung für einen Musterhaushalt erhoben und ein Ranking für die einwohnerstärksten Kommunen erstellt.

Das Ergebnis: Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern im Einfamilienhaus mit 60 Litern Restmüll je Haushalt und Woche gibt es zwischen den Städten Preisunterschiede von bis zu 600 Euro im Jahr. Am günstigsten ist es laut Studie in Flensburg, Nürnberg und Magdeburg, am teuersten in Leverkusen, Moers und Bergisch Gladbach (siehe Grafik).

Müllgebühren im Vergleich: Die 100 größten deutschen Städte




In Flensburg zahlt ein Haushalt demnach gut 123 Euro pro Jahr für die Müllabfuhr, in Leverkusen knapp 771 Euro. Anders ausgedrückt zahlt der Leverkusener Haushalt mehr als das Fünffache dessen, was die Musterfamilie in Flensburg für die Entsorgung zahlen muss.

Ein echter Vergleich ist allerdings schwierig. Ein Schwachpunkt: Der Musterhaushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern im Einfamilienhaus ist zwar üblich, in Großstädten jedoch nicht der Durchschnitt.

Die Abfallwirtschaft der Städte steht solchen Vergleichen aus weiteren Gründen skeptisch gegenüber. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU), der auch städtische Abfall- und Stadtreinigungsbetriebe vertritt, kritisiert, dass zur Rechnung viele weitere Faktoren gehören, etwa wie weit Müllwagen fahren müssen, wie groß die Tonne ist und wie oft sie geleert wird, wie Wertstoffhöfe finanziert werden und ob Entsorgungsanlagen oder Müllverbrennungsanlagen schon abgeschrieben sind.

Zudem können regionale Besonderheiten eine große Rolle spielen. Laut Haus & Grund nutzen einige Kommunen für die Berechnung der auf die Verbraucher umgelegten Abschreibungen einen alten kalkulatorischen Zinssatz, der um ein Vielfaches über den tatsächlichen, marktüblichen Finanzierungszinsen liegt. Wieder andere binden sich über Jahrzehnte vertraglich an einen teuren Entsorger oder eine Müllverbrennungsanlagen. Letztere können zudem Überkapazitäten aufweisen, die die Bürger vor Ort über die Gebühren mitfinanzieren, aber dem Geschäft des Betreibers zugutekommen, weil der für andere Kommunen Müll verbrennt und dafür auch bezahlt wird.

Der Vergleich von Haus & Grund zeigt dennoch, dass die Kosten weit auseinanderfallen, selbst wenn unterschiedliche Abrechnungssysteme für die Studie mathematisch angeglichen werden, etwa beim Abfuhrrhythmus (sieben- oder 14-tägig) und beim Servicegrad (Vollservice oder Teilservice, bei dem die Tonnen von den Bewohnern an die Straße gestellt werden müssen), die noch dazu je nach Müllart in einer Kommune ganz unterschiedlich sein können. Berücksichtigt wurde übrigens die Entsorgung von Restmüll, Biomüll, Papier und Sperrmüll. Die Wertstoffentsorgung über das duale System (gelber Sack, gelbe oder orange Tonne bzw. Wertstofftonne oder -hof) blieb dabei unberücksichtigt, da sie in den meisten Städten kostenlos erfolgt – wenn auch nicht in allen.

Und noch etwas zeigt das Gebührenranking: In den Städten mit den niedrigsten Kosten für die Abfallentsorgung Flensburg, Nürnberg und Magdeburg sind im Vergleich zu 2016 die Gebühren gleich geblieben oder sogar leicht gesunken.

In den teuersten Standorten sind jedoch teils deutlich gestiegen: In Bergisch-Gladbach kletterten die Müllgebühren in den drei Jahren um vier Prozent, in Leverkusen sogar um 13,5 Prozent. Vom Spitzentrio schaffte lediglich Moers einen leichten Rückgang um 1,5 Prozent.

Haus & Grund will zwar keine Stadt an den Pranger stellen, fordert aber die Offenlegung für die Gründe der Gebührenunterschiede. „Mit günstigeren, flexibleren und transparenten Dienstleistungen für die Bürger könnten die Städte und Gemeinden eine erheblichen Beitrag zur Verringerung der Wohnkosten leisten“, sagt Haus & Grund-Präsident Kai Warnecke.

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