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Chinesischer Immobilienkonzern Sorgen vor folgenschwerem Evergrande-Kollaps reißen nicht ab

Evergrande-Gebäude in Hongkong. Um Ansteckungsgefahren für andere Branchen zu vermeiden, sind nach Ansicht von Experten Staatshilfen nötig. Quelle: REUTERS

Der Evergrande-Verwaltungsratschef versucht in einem Brief, Ängste und Erinnerungen an die Lehman-Pleite zu zerstreuen. Viele Analysten rechnen nun mit Staatshilfen für den schwer angeschlagenen Konzern.

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Die Schuldenkrise beim chinesischen Immobilienkonzern Evergrande weckt bei Investoren die Sorge vor einem „Lehman-Moment“. Der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers vor gut einem Jahrzehnt hatte weltweit Schockwellen durch die Finanzmärkte gejagt. Analysten bezweifeln zwar, dass es diesmal wieder so weit kommt, auch weil sie auf Hilfe des Staates hoffen. Die Kurse von Aktien und Anleihen waren am Dienstag aber erneut im Sinkflug. Zuversichtliche Töne von Evergrande-Verwaltungsratschef Hui Ka Yuan halfen nur wenig.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass Evergrande mit Ihrem Einsatz und Ihrer harten Arbeit aus seinem dunkelsten Moment herauskommen wird und so schnell wie möglich die Bauarbeiten in vollem Umfang wieder aufnehmen wird“, schrieb Hui in einem Brief an die Mitarbeiter. Evergrande werde seine Verpflichtungen gegenüber den Immobilienbesitzern, Investoren, Partnerfirmen und Banken erfüllen. Wie dies geschehen könne, sagte Hui aber nicht.

Evergrande hat einen mehr als 300 Milliarden Dollar schweren Schuldenberg aufgetürmt und ist in Zahlungsverzug gegenüber seinen Gläubigern geraten. Die Ratings wurden zurückgestuft, Kurse von Evergrande-Aktien und -Anleihen sind seit Tagen im Sinkflug. Am Dienstag brachen die Titel erneut um bis zu sieben Prozent ein. Auch Papiere anderer Immobilienfirmen stehen unter Druck. Die Ratingagentur S&P Global stufte etwa wegen möglicher Ansteckungseffekte durch Evergrande die Kreditwürdigkeit von Sinic Holdings zurück, woraufhin deren Aktien um 87 Prozent absackten.

Analysten der Citigroup warnten vor Risiken für das ganz Finanzsystem in China, sehen aber keinen „chinesischen Lehman-Moment“ voraus.

Um Ansteckungsgefahren für andere Branchen zu vermeiden, sind nach Ansicht von Experten Staatshilfen nötig. „Es muss hinter den Kulissen Verhandlungen über eine Rekapitalisierung von Evergrande durch den Staat geben“, sagte Andrew Collier, Geschäftsführer von Orient Capital Research. Sollte der Konzern einen Teil der Schulden nicht bedienen können, werfe dies Fragen von allen anderen Gläubigern auf. „Die Regierung kann keine weitere Krise wollen.“ Seit Beginn der Schwierigkeiten gab es von Seiten der Regierung jedoch kaum Äußerungen zu dem Thema.

Anders sehen dies die Experten der Ratingagentur S&P. Die Regierung in Peking werde nur einspringen, falls die Probleme bei Evergrande auf andere Immobilienentwickler übersprängen und die gesamte Wirtschaft Chinas beeinträchtigten. Für Analysten der Bank of America allerdings ein durchaus mögliches Szenario: Unter anderem wegen Evergrande senkten sie ihre Prognose für das Wachstum des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) für dieses Jahr auf 8,0 Prozent von 8,3 Prozent.

Die Industriestaaten-Organisation OECD bestätigte dagegen ihre Wachstumsprognose. Das BIP soll 2021 um 8,5 Prozent und 2022 um 5,8 Prozent zulegen. „Wir glauben, dass die chinesischen Behörden die fiskalischen und monetären Kapazitäten haben, um den Schock abzufedern“, sagte Chefökonomin Laurence Boone.

Gucci-Handtaschen für Anleger

Anleger sind nicht nur verunsichert über die Situation bei Evergrande, sondern vor allem auch wütend. „Es ist unmoralisch von Evergrande, mein hart verdientes Geld nicht zurückzuzahlen“, schimpfte ein Investor, der vergangenes Jahr 650.000 Yuan (umgerechnet rund 100.000 Dollar) in Evergrande-Anlageprodukte zu einem Zinssatz von mehr als sieben Prozent investiert hatte. Er habe dem Unternehmen vertraut, nachdem er im Aufzug Werbung gesehen habe, in der sich Evergrande als eines der global 500 vermögendsten Unternehmen präsentiert hatte.



Mehr als 80.000 Menschen liehen Evergrande über solche Finanzprodukte Geld. Rund 40 Milliarden Yuan hat der Konzern noch nicht zurückgezahlt. Manche Investoren lockte Evergrande mit der Aussicht auf Zinsen von zwölf Prozent oder Geschenke wie Gucci-Handtaschen und Dyson-Luftreiniger. Die Anlageprodukte mit festen Zinssätzen wurden in einem Flyer als passend für Investoren mit einem konservativen Risikoprofil angepriesen.

Mehr zum Thema: Die Schockwellen, die vom Überlebenskampf des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande ausgehen, treffen auch den Dax. Sollte die Marke von 15.000 Punkten nicht halten, droht der Aufwärtstrend zu brechen.

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