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Energetisch optimiert und modernisiert So entgehen Hausbesitzer der Sanierungsfalle

"Auf der Bank bringt das Geld keine Zinsen, also stecken wir’s ins Haus", denken viele Haus- und Wohnungsbesitzer. Welche Sanierungsmaßnahmen sich lohnen – und welche nicht.

Haussanierung als Investition Quelle: dpa Picture-Alliance

Der Albtraum beginnt noch vor Tagesanbruch. Lärm und Dieselruß dringen durch das gekippte Schlafzimmerfenster der Schillers. „Vorsicht, Karre im toten Winkel!“, brüllt eine Männerstimme. Der Motor eines Sattelschleppers heult auf, Bremsen quietschen. "Müüp, müüp, müüp" – markerschütternd blökt der Rückwärtsgang.

Tochter Amy, zwei Jahre alt, lärmt jetzt auch, sie ist hellwach. Schnell überführt Vater Andreas Schiller den Schuldigen: Der Nachbar gegenüber hat Handwerker bestellt, viele Handwerker. In drei Stunden ziehen sie ein Gerüst ums ganze Haus; Bohrhämmer wummern, Metall fällt klirrend auf Metall, es kreischen Sägen und Trennschleifer.

Ist Wärmedämmung ökonomischer Blödsinn?

Schillers Nachbar hat sich zur Radikalkur entschlossen: Das Dach bekommt eine fette Dämmung oben drauf. Maler kleben 30 Zentimeter dicke Styroporplatten an die Fassaden. Die neue Haustür ist massiv wie eine Kerkerpforte. Kein für teures Geld erwärmtes Heizluftmolekül soll mehr nach draußen dringen.

Schillers Nachbar sagt, er wolle aus dem Klinkerbau von 1962 ein Haus nach "modernsten energetischen Standards" machen. Der Umwelt zuliebe, aber "auch für den eigenen Geldbeutel". Mit der Sanierung will der 49-jährige Vertriebsleiter seinen Energieverbrauch um vier Fünftel senken. Die Zahl hat sein Energieberater ausgerechnet, und "die Kinder, die das Haus mal erben, freuen sich über den höheren Wiederverkaufswert."

Alte Heizkessel raus und dickere Wärmedämmung
Dickere Dämmung, bessere HeiztechnikFür Neubauten gilt mit der nächsten Stufe der EnEV, die ab dem 1. Januar 2016 greift, eine erneute Erhöhung der energetischen Anforderungen. So muss der Primärenergiebedarf der Anlagentechnik in Neubauten gegenüber den Grenzwerten der EnEV 2015 nochmals um 25 Prozent sinken, die Wärmeverluste der Gebäudehülle sind nochmals um rund 20 Prozent zu senken. Grundsätzlich ist dabei egal, durch welche Materialien und Technologien die Einsparung erzielt wird. Konkret müssen Bauteile mit einem niedrigeren Wärmeleitkoeffizienten verbaut werden, die Heizungstechnik benötigt in der Regel die Unterstützung durch regenerative Energiequellen, etwa durch eine Solaranlage zur Warmwassererzeugung. Bestandgebäude sind von den strengeren Vorschriften ausgenommen. Quelle: dpa
Ein Mann bringt Dämmplatten an Quelle: dpa
Haus und Mann vor Heizkessel Quelle: dpa Picture-Alliance
Symbolbild zu Immobilienanzeigen Quelle: obs
Jemand stellt die Temperatur an einer Heizung ein Quelle: dpa
Wasserzähler Quelle: dpa
Eine Frau vor einem Kaminofen Quelle: dpa Picture-Alliance

Vielleicht. Andreas Schiller steht dem Projekt kopfschüttelnd gegenüber, durchaus im Wortsinn. Für den Betriebswirt ist "die Dämmerei ökonomischer Blödsinn." Womit wir mittendrin wären im derzeit bundesweit tobenden Dämmstreit. Hier, am Ostrand Düsseldorfs, sind beide Extrempositionen zu besichtigen, keine sechs Meter voneinander entfernt: Viele Hausbesitzer grauen sich vor spontanem Schimmelbefall durch Dämmen, vor lichterloh brennenden Styropor-Fassaden oder dicker Luft im Haus. Andere können ihre Häuser gar nicht dick genug einpacken.

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Haussanierung Zweifamilienhaus Sechsfamilienhaus

Ersparnisse für Sanierungsvorhaben vorhanden

"Ein großer Teil unserer gut 900.000 Verbandsmitglieder besitzt eine etwas in die Jahre gekommene Immobilie. Die ist oft längst abbezahlt, neues Geld wurde angespart. Und das liegt wegen der Niedrigzinsen unrentabel auf Bankkonten", sagt Corinna Kodim, Referentin für Energie und Bautechnik bei Haus & Grund, dem Lobby-Verband der Immobilienbesitzer in Berlin.

Also rufen viele nach dem Handwerker und sanieren. Die Baubranche freut’s; viele Betriebe können kaum noch neue Aufträge annehmen, weil sie seit dem letzten Bauboom Anfang der Neunziger Personal abgebaut haben und nun von der Sanierungswelle auf dem falschen Fuß erwischt werden.

"Stütze der Baubranche ist seit Kurzem der Wohnungsbau", schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, DIW, in einer aktuellen Studie. Von 175 Milliarden Euro Wohnbau-Investitionen flossen 2014 nur 47 Milliarden in den Neubau; 125 Milliarden kamen aus Sanierungen. Der Staat spart, aber dank der privaten Eigenheimbesitzer dürften Zimmerer, Dachdecker und Heizungsbauer einen Anstieg der Umsätze verbuchen, so das DIW.

Bei vielen Hausbesitzern steht nicht nur Energiesparen an: "Barrierefreiheit ist ein Riesenthema", weiß Joachim Brenncke, Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer. "Viele Eigenheimbewohner sind älter, die Kinder aus dem Haus; da bieten sich eine Verschönerung oder ein Umbau an", sagt er, "wenn man dabei noch Energie sparen oder Barrieren zurückbauen kann, wird nach Renditegesichtspunkten ein Schuh draus", meint Brenncke, "idealerweise steigert man so den Wert der Immobilie."

Musterrechnung: Hier lohnt sich die Sanierung

Ideologiestreit um Dämmung

Oder auch nicht. Denn gerade energetische Sanierungen – Dämmen oder auch der Austausch der Fenster – halten oft nicht, was sich Bauherren davon versprechen. Vielen geht es wie Peter Schart aus dem hessischen Ronneburg. "Erhoffen Sie sich bloß nicht zu viel!", warnt er andere Hausbesitzer.

Er hatte Dach und Außenwände einer 1991 zum Wohnhaus umgebauten Scheune gedämmt; sein Heizölverbrauch sollte in der Theorie (also nach dem, was die gängigen Softwaremodelle eines Energieberaters ausspucken) danach bei 2000 Litern pro Jahr liegen; er verfeuert im Schnitt für seine 150 Quadratmeter aber 2730 Liter. "Damit", so der Hesse, "können Sie viele Renditerechnungen vergessen."

Karim El Ansari kennt solche Fälle. Der Architekt ist Spezialist für Altbausanierung und schon lange weg vom Motto der Dämmstoffindustrie: "Viel hilft viel." "Der durchschnittliche Energieverbrauch von Altbauten hat sich seit 1991 nicht mehr verringert", sagt El Ansari.

Damals dämmte man Fassaden mit maximal acht Zentimetern Styropor; heute mit 20 bis 30. "Der Einspareffekt der zusätzlichen 22 Zentimeter aber geht gegen null", sagt El Ansari. Die meisten energetischen Sanierungen sind nicht so rentabel wie von Handwerkern und Energieberatern angepriesen.

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