Hauskauf "Es ist ein Märchen, dass Immobilien immer im Wert steigen"

Nie waren Bauzinsen niedriger – ein gefundenes Fressen für Banken und Makler, die um jeden Preis verkaufen wollen. Ein Insider aus der Finanzberatung berichtet.

Reinhard Stracke Quelle: Foto: Patrick Schuch


WirtschaftsWoche: Herr Stracke, aktuell werben Banken und Makler mit der einmaligen Gelegenheit, Immobilien ohne einen Cent Eigenkapital kaufen zu können. Was halten Sie davon?

Stracke: Das ist fast immer unseriös, da kann ich nur vor warnen. Für die meisten Privatleute ohne Eigenkapital kann sich das gar nicht rechnen. Und für die Bank auch nicht: Nicht ohne Grund gibt es so gut wie nie einen Unternehmenskredit, wenn jemand null Eigenkapital hat. Also muss die Bank bei diesen Immobilienfinanzierung an anderer Stelle ihren Schnitt machen. Aber solche Immobilienkäufer verkennen auch, dass sie dann über Jahre nur den Kreditzins abstottern ohne ihre Schuld signifikant zu tilgen.

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn jemand jetzt auf zehn Jahre eine Immobilienfinanzierung abschließt, tilgt er unter diesen Bedingungen in der Regel jährlich nur ein Prozent seiner Schuld, vermutlich dem Kaufpreis der Immobilie plus einige Prozent mehr für Kaufnebenkosten und Umbau. Das heißt, nach zehn Jahren muss er noch immer fast 90 Prozent des Kredits abzahlen. Und dann schlägt die zweite Falle zu.

Was meinen Sie?

Die Niedrigzinsen von heute sind in zehn, 15 oder 20 Jahren Geschichte. Bedenken Sie, wir hatten schon Zinsen von sechs und sieben Prozent bei Immobilienkrediten und fanden es normal. Das heißt, der Immobilienfinanzierer ohne Eigenkapital bei ein Prozent Tilgung von heute muss sich in zehn Jahren auf eine sehr viel höhere monatliche Belastung einstellen. Augen zu und durch – das gibt es dabei nicht. Wer das nicht finanzieren kann, ist sein Haus oder seine Eigentumswohnung schnell wieder los. Und das vermutlich mit hohem Verlust.

Sie meinen den sinkenden Wert der Immobilie?

Das ist ein Märchen, dass Immobilien immer im Wert steigen. Das gilt für ganz wenige Viertel in ganz wenigen Städten und alle Hausverkäufer drumherum fallen aus den Wolken, wenn sie plötzlich gnadenlos verhandelnden Interessenten gegenüberstehen. In Nordhessen auf dem Land bekommen sie oft nur noch 30.000 oder 40.000 Euro für ein Haus mit Grundstück, wenn nicht gerade ein großes Unternehmen mit tausenden Mitarbeitern seinen Sitz in der Nähe hat. Auch schöne große Häuser mit schönen großen Grundstücken will heute kaum noch einer haben. Die machen zu viel Arbeit.

Was die Leute sich auch nicht klar machen: Kaufen Sie sich ein Haus, übernachten Sie ein einziges Mal darin und schon wird aus einem Neubau eine Gebrauchtimmobilie und die ist zigtausend Euro weniger wert. Ich sage ihnen, das war die teuerste Nacht Ihres Lebens!

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